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Nordsee-Nacht Roman von Häffner, Hannah (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 15.06.2020
  • Verlag: Goldmann
eBook (ePUB)
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Nordsee-Nacht

Der Küstenort Hulthave, 1987. Die kleine Friederike verschwindet spurlos aus einem Zeltlager. Kommissar Wedeland ermittelt fieberhaft, aber vergebens. Das katastrophale Ereignis legt sich wie ein Schatten über das Städtchen am Meer und das Leben der Betreuerin Sascha, die an ihren Schuldgefühlen zu zerbrechen droht. 25 Jahre später wird am Strand eine bewusstlose Frau gefunden; als sie erwacht, kann sie sich an nichts erinnern. Schnell kommt das Gerücht auf, es handle sich um Friederike. Daraufhin kehren Sascha und Kommissar Wedeland nach Hulthave zurück - denn es ist Zeit, endlich die Wahrheit über jene verhängnisvolle Nacht herauszufinden ... Hannah Häffner, geboren 1985 in Heidelberg, studierte Politikwissenschaft in Passau, Konstanz und Paris. Nach ihrem Masterabschluss im Jahr 2009 begann sie, als Werbetexterin zu arbeiten und sich parallel dazu verstärkt dem Schreiben zu widmen. Heute lebt sie mit ihrer Familie als freie Texterin und Schriftstellerin in der Nähe von Stuttgart. "Nordsee-Nacht" ist ihr erster Roman.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 384
    Erscheinungsdatum: 15.06.2020
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783641240592
    Verlag: Goldmann
    Größe: 1701 kBytes
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Nordsee-Nacht

5

Sascha ging von Zelt zu Zelt und zählte. Eins, zwei ... sieben, acht, zehn ... Alles war, wie es sein sollte. Fünfundzwanzig Köpfe, wie kleine Stöpsel auf den plustrigen Schlafsäcken, die bei jeder traumschweren Bewegung raschelten und knisterten. Keines der Kinder war wach. Sie schliefen tief und fest, so wie man eben schlief, wenn man den ganzen Tag herumgerannt war, wild geplanscht und sich die Seele aus dem Leib gejohlt hatte. Es waren alle da. Jeder einzelne kleine Kopf war da, wo er sein sollte.

Sie spürte die vertraute Erleichterung, die ihren Bauch von innen warm werden ließ. Sie wusste um die Verantwortung, die mit ihrer Aufgabe verbunden war, eine Verantwortung, der das lächerlich geringe Taschengeld, das sie als Betreuerin erhielt, nicht im Mindesten gerecht wurde. Es war eher ein Dienst an der Allgemeinheit, keine Arbeit, mit der man wirklich etwas verdienen konnte. Und auch wenn andere aus ihrem Semester in Eisdielen oder am Fließband das Zehnfache bekamen und sich schicke Kleider und Taschen leisten konnten, so war sie doch zufrieden, so absurd es auch erscheinen mochte.

Was sie tat, war sinnvoll. Waren die Kinder glücklich, war sie es auch. Wenn sie kicherten und kreischten, wenn ihre kleinen nackten Bäuche pumpten vor Lachen, weil wieder einmal einer von ihnen vom Steg gefallen oder auf einen Frosch getreten war, dann konnte man sich ihr nicht entziehen, dieser puren Freude, frisch und noch nicht von Ängsten und Sorgen durchwachsen wie von zähen, knotigen Wurzeln. Diese kleinen Bälger barsten fast vor Unbekümmertheit, sie strömte ihnen aus allen Poren und aus den Höhen ihres Lachens, und das Schlimmste, und dabei auch das Allerschönste war, dass sie sich dessen in keiner Sekunde bewusst waren. Sie ahnten nicht einmal, dass es bald vorbei sein würde, dass diese Tage ohne ein Übermorgen vergänglich waren. Das war es ja gerade. Deswegen waren sie, wie sie waren. Bezaubernd und unangetastet vom Leben.

Hätte man sie gefragt, in irgendeinem dieser sorglosen Momente, ob sie etwas ändern wollten, jetzt, sofort, dann hätten sie vermutlich noch nicht einmal eine Antwort gewusst. Sie hätten nur verständnislos dreingeschaut, vielleicht kurz mit den Schultern gezuckt, und im nächsten Augenblick wären sie verschwunden gewesen, Besseres zu tun, Wichtigeres zu tun. Keine Zeit für dumme Fragen, die störend, ja vollkommen unwichtig waren, wenn es zum Meer doch gar nicht weit war und man schon die Badesachen anhatte.

Diese Unmittelbarkeit tat Sascha gut. Sie war eine, die gerne zu viel grübelte, schweren Gedanken nachhing, sich an sie klammerte, mit ihnen in ein Tief und das nächste sank. Die Fröhlichkeit half ihr, nicht davonzutreiben, die Tatsache, dass es nur um das Heute ging, gab ihr Halt.

Sie ließ sich wieder auf ihren Platz an der Feuerstelle nieder, wickelte ihr Tuch fester um den Hals und zog die Beine an, die in der feuchten Luft schon etwas steif geworden waren. Sie vergrub die Nase in ihrem Pullover. Er roch nach ihm. Eindeutig. Dieser frische Duft klebte jetzt an ihr, und sie wusste, dass sie nie wieder etwas Ähnliches riechen würde, ohne an ihn zu denken.

Als der Morgen hereinbrach, war sie hellwach und durchgefroren. Verschlafen krochen die ersten Kinder aus den Zelten, mit zerknautschten Gesichtern und wirren Haaren, noch unsicher, wo sie sich befanden und ob es ihnen dort gefiel. Morgens war immer alles wieder fremd, was am Abend zuvor noch vertraut und gut und recht gewesen war. Der frische Geruch der Wiese, die feuchte Kühle in der Luft und keine Rituale, keine Mama, die sie aus dem Bett holte und ins Bad scheuchte.

In ihrer Verunsicherung suchten nicht wenige, vor allem die Kleinsten, fast instinktiv menschliche Nähe. Sascha lächelte, als das erste Kind zu ihr gehuscht kam und in ihre Arme schlüpfte. Angeschmiegte zerbrechliche Gestalten, noch warm vom Schlaf und mit diesem bestimmten Geruch, den man nicht beschreiben konnte, ir

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