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Paris Requiem Roman von Appignanesi, Lisa (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 08.02.2019
  • Verlag: Aufbau Verlag
eBook (ePUB)
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Paris Requiem

Paris, die Liebe und der Tod. Ein Jahr vor der Weltausstellung 1900: Aus dem beschaulichen Boston wird der Anwalt James Norton von seiner Familie nach Frankreich geschickt. Er soll seinen Bruder Rafael, einen Journalisten, und seine kranke Schwester nach Amerika zurückholen. Kaum in Paris angekommen, muss er seinen Bruder zur Seine begleiten: Olympe, die Geliebte Rafaels, wird tot aus dem Fluss geborgen. Während die Polizei den Fall nur nachlässig untersucht, erkennt James, dass er seinen Bruder erst zur Heimkehr überreden kann, wenn er ihm beweist, dass Olympe nicht ermordet worden ist - oder ihren Mörder findet ... Paris um die Jahrhundertwende: die dunkle, pulsierende, geheimnisvolle Stadt als Schauplatz von Intrigen, Eifersuchtsdramen, Mordgelüsten und erotischen Phantasien. Lisa Appignanesi wurde in Polen geboren, wuchs aber in Frankreich und Kanada auf. Sie war stellvertretende Direktorin am Londoner Institute of Contemporary Arts, bevor sie freie Autorin wurde. Neben Romanen und Kriminalromanen hat sie u.a. Bücher über Marcel Proust, Simone de Beauvoir und die Frauen Sigmund Freuds geschrieben.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 470
    Erscheinungsdatum: 08.02.2019
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783841217554
    Verlag: Aufbau Verlag
    Größe: 2144 kBytes
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Paris Requiem

1. Kapitel

Paris brodelte. Die Luft kochte. Maschinen zischten. Rauchschwaden waberten. Pfeifen schrillten. Züge ratterten und dröhnten wie gereizte mechanische Bestien. Überall herrschten Hitze und Lärm.

James Alexander Norton blieb zögernd an der offenen Tür seines Abteils stehen. Er hatte eigentlich gar nicht hierher reisen wollen. Er mochte den Anblick der vielen Frauen nicht, die sich mit Taschentüchern Stirn und Busen in ihren tiefausgeschnittenen Kleidern abtupften. Er wollte nicht hören, wie ihre schwitzenden Männer herumkommandierten, nicht, wie die Gepäckträger heftig mit den Schrankkoffern klapperten, und auch nicht, wie die Kinder schrien, die von streng gekleideten Gouvernanten vorangetrieben wurden.

Höchst widerstrebend hatte er die friedliche Stille seines Arbeitszimmers an der Harvard Law School verlassen und die Fahrt über den Charles River nach Boston auf sich genommen. Noch weniger hatte es ihm behagt, in New York einen Luxusliner zu besteigen und seine Tage damit zu verbringen, auf die unendliche See zu starren.

Er war mittlerweile in einem Alter, in dem man die Gewohnheit der Abwechslung vorzog, dazu noch einer so strapaziösen wie einer Reise über den Ozean. Zudem setzte ihm eine gewisse Vorahnung zu, auch wenn er sich ansonsten fest auf die Prinzipien der Vernunft verließ. Doch diese Ahnung flüsterte ihm ein, dass seine Rückkehr in diese Stadt nichts Gutes nach sich ziehen würde.

Er verstand es allerdings geschickt, sein Zögern zu verbergen. Als er aus dem Zug auf den Bahnsteig sprang, machte er keineswegs den Eindruck eines Mannes, dessen beste Jahre bereits hinter ihm lagen. Er streckte das Kinn entschlossen vor und schritt zügig aus. Seine Wangen waren noch vom Seewind gerötet, und seine tiefliegenden Augen schimmerten eisblau. In dem gut gebürsteten Leinenanzug, dem makellos weißen Hemd und der sorgfältig geknoteten Krawatte wirkte er wie das, was er war: ein Mann in der Blüte seiner Jahre, ein fünfunddreißigjähriger Amerikaner auf einer Mission. Und ein gradliniger, verschlossener Mensch, der gelernt hatte, seine Gefühle unter Kontrolle zu halten.

James ließ seinen Blick über den Bahnsteig gleiten und suchte das Gesicht, das zweifellos gleich in der Menge auftauchen musste. Nach einer Weile zog er mit leichter Ungeduld seine Taschenuhr hervor.

Als er schließlich seinen Namen hörte, den der fremde Akzent stark entstellte, drehte er sich um. Der Zugschaffner deutete in seine Richtung. Ein schmächtiger Junge mit einer großen Leinenmütze wand sich durch das Gewühl auf dem Bahnsteig und blieb vor ihm stehen. Große Augen mit langen dunklen Wimpern in einem schmutzigen Gesicht musterten ihn aufmerksam.

"Monsieur Norton?"

James nickte. Ein Strom von Worten sprudelte über die Lippen des Jungen. In dem Lärm konnte James sie nicht verstehen, doch der Name auf dem Umschlag, der ihm in die Hand gedrückt wurde, war trotz des Abdrucks eines schmutzigen Fingers darüber deutlich zu entziffern.

Er riss ihn auf und erkannte die Handschrift seines Bruders.

"Vergib mir. Etwas Dringendes ist mir dazwischengekommen. Im Grand Hotel ist eine Suite für Dich reserviert. Die Kutsche eines Freundes steht für Dich bereit. Antoine wird Dich dorthin führen. Bis morgen, hoffe ich. R.W.N."

Als James von dem Zettel aufblickte, dirigierte der Junge, bei dem es sich wohl um Antoine handeln musste, bereits einen Gepäckträger zu James' Schrankkoffer und steuerte ihn anschließend ungeduldig über den Bahnsteig.

James versuchte seine Gereiztheit zu unterdrücken. Es war typisch für seinen unberechenbaren kleinen Bruder, dringende Geschäfte vorzuschützen, damit er ihn nicht abholen musste. Dabei war James nur seinetwegen hier.

Rafael William Norton, so der vollständige Name des jüngeren der Norton-Brüder, hatte sich nicht einmal die Mühe gemacht, das Telegramm zu beantworten, in dem James seine Ankunft angekündigt hatte. Zudem hatte

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