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Ponts de Paris von Ferr, Mara (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 07.10.2014
  • Verlag: Emons Verlag
eBook (ePUB)
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Ponts de Paris

Marie ist schnell und schmerzhaft gefallen: Ehemals elegante Gattin eines reichen Schönheitschirurgen, lebt sie heute als Obdachlose in Paris. Ihr tristes Dasein nimmt eine dramatische Wende, als ihr ein Geschäftsmann ein lukratives Angebot macht: Für ein fürstliches Einkommen soll sie in seinem Etablissement als Hausdame fungieren. Das Fatale daran: Lehnt sie das Angebot ab, sterben ihr Sohn und Enkel. Nimmt sie es an, wird sie selbst sterben. Mara Ferr, geboren 1965 in Österreich, studierte Psychologie, bevor sie eine Ausbildung zur Pädagogin abschloss. Die Lust am Schreiben entdeckte sie schon früh. Später betätigte sie sich als freie Lektorin.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: none
    Seitenzahl: 192
    Erscheinungsdatum: 07.10.2014
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783863585860
    Verlag: Emons Verlag
    Größe: 2974 kBytes
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Ponts de Paris

Der Arbeitgeber

Ein silbergrauer zerschrammter Citroën parkte mit eingeschalteter Alarmblinkanlage am rechten Fahrbahnrand vor der Ampel. Vorsichtig näherte sich Marie dem Wagen, dessen gelbes Taxischild in einem verbogenen Rahmen am Dach hing und zersplittert war, und spähte neugierig ins Wageninnere. Der dunkelhäutige Fahrer hatte einen grellorangen Turban aus glänzender Seide kunstvoll um seinen hageren Schädel geschlungen. Er blickte starr geradeaus durch die Windschutzscheibe. Sehnige Hände umklammerten fest das Lenkrad, und er drehte auch nicht den Kopf, als die hintere Wagentür kraftvoll von innen aufgestoßen wurde.

Marie fasste nach dem Handgriff und zog die Tür weit auf, blieb aber achtsam am äußersten Rand des Bürgersteigs stehen, während sie sich ein kleines Stück in den Wagenfond beugte, um besser sehen zu können. Das Erste, was ihr auffiel, war ein angenehm erfrischender Duft von teurem Aftershave, der aus dem kühlen Inneren strömte. Geblendet vom mittlerweile gleißenden Sonnenlicht konnte sie den Mann nicht genau ausmachen, der sie mit einer wohlklingenden Baritonstimme ruhig aufforderte: "Steig ein, Marie. Keine Angst, es passiert dir nichts."

Es war der sonore Klang dieser Stimme, tief und kräftig, ruhig, irgendwie vertrauenerweckend, mit kultivierter Aussprache, der den endgültigen Ausschlag dafür gab, dass Marie ihre letzten Bedenken und Zweifel über Bord warf, sich auf die Rückbank setzte und die Tür rasch zuzog, um der Hitze den Einlass zu verwehren.

Drei Dinge passierten in den nächsten fünf Sekunden gleichzeitig.

Der Fahrer trat so vehement auf das Gaspedal, dass der kleine Wagen unvermittelt nach vorne schoss.

Der Mann neben ihr befahl ihr scharf: "Setz dich auf den Boden!"

Eine schrille Frauenstimme kreischte: "Oh mein Gott, wie kann man nur so dämlich sein. Raus hier! Das ist nichts für dich. Ich bitte dich, du musst hier raus. Schnell!"

Erschrocken, fast reflexartig glitt Marie auf den Boden und bemerkte erst jetzt, dass der Beifahrersitz ausgebaut worden war. Sie zog dennoch ihre nackten, mit roten Quaddeln übersäten Beine an und kauerte nun mit dem Rücken an die Sitzbank gelehnt auf dem schmutzigen Filzbelag der vibrierenden Bodenplatte.

Verwirrt drehte sie den Kopf nach hinten und blickte direkt in das sonnengebräunte Gesicht eines attraktiven grauhaarigen Mannes, dessen faltenloser Sommeranzug an den Ärmelaufschlägen mit dezenten Etiketten von Hugo Boss versehen war und der auf Hochglanz polierte Lederschuhe trug, die verdächtig nach italienischer Handarbeit aussahen.

Er musterte sie interessiert aus eisblauen Augen, rümpfte geziert die vornehm schmale Nase und stellte mit gerunzelter Stirn beinahe amüsiert fest: "Du stinkst."

Hinter seinen schmalen Lippen blitzten perlweiße Zähne hervor, die niemals von Natur aus so regelmäßig gewachsen sein konnten, und die Andeutung eines Lächelns spiegelte sich in feinen Augenfältchen wider. Er mochte um die fünfzig sein, vielleicht aber auch sechzig, es war schwer zu sagen. Sein gepflegtes, schickes Aussehen täuschte womöglich über sein wahres Alter hinweg, und die geschliffene Sprache zeugte von Bildung. Die selbstverständliche Autorität und Entschlossenheit, die er ausstrahlte, beeindruckten Marie kaum, schon gar nicht ließ sie sich davon einschüchtern oder erstarrte vor Angst und Ehrfurcht. Weit Schrecklicheres hatte sie im täglichen Überlebenskampf ihres unbarmherzigen Straßendaseins mit eigenen Augen gesehen und auch am eigenen Leib zu spüren bekommen.

Der Tod machte ihr keine Angst mehr; was sie fürchtete, war ein schmerzhaftes oder qualvolles Sterben.

Suchend blickte sie sich nach der schreienden Frau um, die sie nirgendwo im Wagen entdecken konnte. War das Gekreische aus dem Kofferraum gekommen? Der Gedanke daran, dass keinen Meter von ihr entfernt eine hilflose Frau ihr verzweifelt Warnungen zurief, verursachte Marie nun doch ein mulmiges Gefühl in der

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