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Preußische Affären Ein Casanova-Roman von Beckmann, Herbert (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 01.06.2016
  • Verlag: Gmeiner-Verlag
eBook (ePUB)
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Preußische Affären

Im Sommer 1764 reist Giacomo Casanova restlos pleite, lediglich unterstützt von seiner geheimnisvollen Brieffreundin nach Berlin und Potsdam, um hier sein Glück zu versuchen. Im Berliner 'Hôtel de Paris' macht er die Bekanntschaft des alten Barons von Ribbeck. Dessen Schwiegersohn und gleichaltriger Kriegskamerad, der Graf von Wilmerstorff, ist auf mysteriöse Weise verschwunden. restlos pleite, lediglich unterstützt von seiner geheimnisvollen Brieffreundin ...

Der Roman- und Hörspielautor Herbert Beckmann, geboren 1960, lebt in Berlin und ist Mitglied im VS Berlin-Brandenburg. 2010 und 2012 war er für den Sir-Walter-Scott-Preis nominiert.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 234
    Erscheinungsdatum: 01.06.2016
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783734992254
    Verlag: Gmeiner-Verlag
    Größe: 1861 kBytes
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Preußische Affären

Johanna von Preußen

Gut Glienicke, Sonntag, 17. Juni, zehn Uhr

Ich bewohne ein bescheidenes Zimmer mit schmalem Bett und großen Fenstern, die den Blick auf eine hübsche, offensichtlich englisch beeinflusste Parklandschaft mit gepflegtem Rasen, sich windenden Wegen und natürlich wirkenden Zierbüschen lenken. Dahinter bietet die Spitze eines kleinen hölzernen Kirchturms, der aussieht wie ein auf dem Kopf stehender Trichter, die Möglichkeit, Gebete direkt in den Himmel zu leiten.

Weiter entfernt blinkt (je nach Wetterlage) mal bläulich, mal gräulich ein kleiner See herüber, der seinen Namen vom großen Gut geborgt hat. Heute schimmert er silbergrau wie eine gepuderte Perücke. Der Himmel ist bedeckt wie mit einer dünnen Wachsschicht, es ist warm und etwas feucht, und ich fühle mich, noch immer im Bett, wie ein Kalb, das nicht auf die Beine kommen will, lieber muhend auf dem Bauch liegt und dem Hämmern des Buntspechts im nahe gelegenen Wald lauscht. Zumal ich Lambert, meinem Diener, einen Ausflug nach Potsdam gestattet habe. Es ist Sonntag. Es ruft ihn, nein, nicht der Herr . Sondern der Wein. Und eine Frau. Ich bin zu nachgiebig mit dem Personal.

Dennoch täuscht das idyllische Bild. Denn beinahe mit meinem Eintreffen vor zwei Tagen auf dem Gut der von Ribbecks ist ein Unglück geschehen, vielmehr eine schreckliche Bluttat. Sie ist beinahe ein Mord zu nennen, wenn denn der Täter vorsätzlich gehandelt hätte. Doch er tat es aus Eifersucht. Jenem explosiven Gefühl, das einer geladenen Duellpistole in unserer Hand gleicht.

Ein Stallbursche auf Gut Glienicke hat eine junge Küchenhilfe unten am See mit einem schweren Stein erschlagen, weil sie sich seinem Konkurrenten, einem Lakaien in schmucker Livree, 'nach endlosen Zweifeln', wie Lambert vom Gesinde erfahren hat, hingab. Oder hingegeben haben soll. Von dem Lakaien, der übrigens erst kurze Zeit im Dienst war, fehlt jede Spur; er ist aus Angst vor dem Stallburschen getürmt, gleich nachdem Letzterer die Magd erschlagen hatte und - ebenfalls geflohen war. Der Mörder hatte versucht, die Leiche fortzutragen, wurde jedoch entdeckt und suchte das Weite.

Doch er entkam nicht weit, die Polizei hat ihn bereits in Arrest genommen. Die unschöne Szene seiner Verhaftung ereignete sich sogar in unserer unmittelbaren Gegenwart, wie sich später herausstellen sollte. In dem Wirtshaus vor Potsdams Brandenburger Stadttor, wo wir rasteten und die Pferde wechselten.

Der Auftakt zu meinem ländlichen Abenteuer beginnt also nicht mit einem Pauken-, sondern mit einem Totschlag. Damit war nicht zu rechnen, als wir Berlin in Richtung Westen durch das Potsdamer Tor verließen. Der Tag war hell, die laue Juniluft wurde nur von leichten, freundlichen Böen bewegt. Selbst die Schildwachen am Tor schienen guter Laune zu sein, sie ließen den Schlagbaum nicht nur pflichtgemäß vor den Kutschen, sondern auch vor einer Gruppe Fußgänger hochgehen. Eine gute Tat, die ihnen mit kleiner, aber klingender Münze vergolten wurde. Einer Münze, die sich schon bald zu Branntwein verflüssigen wird, meint Lambert.

Es gibt einen direkten Weg, der von Berlin über die Orte Charlottenburg und Spandow nach Glienicke führt, hat mein neuer Bedienter ebenfalls in Erfahrung gebracht. Doch ist die Strecke wegen ihres teils morastigen Untergrunds auf der westlichen Seite der Havel nicht empfehlenswert. So wählte ich den auch vom Baron empfohlenen Weg über Potsdam.

Sobald man das Tor passiert hat, geht es durch eine Allee prächtiger hoher Weidenbäume, einer grünen Laubröhre, die sich bis zum Dorf Schöneberg zieht, wo wir uns in einem Krug neben der Ortskirche eine Erfrischung erlaubten und den unvermeidlichen Staub abwischten.

Das Örtchen, wusste der Wirt zu berichten, war vor vier Jahren im Krieg von den Russen vollständig zerstört worden und wird seitdem von seinen Bewohnern wieder aufgebaut, wozu sie freies Bauholz erhalten.

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