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Schabowskis Zettel Roman von Keller, Stefan (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 13.03.2019
  • Verlag: Gmeiner-Verlag
eBook (ePUB)
9,99 €
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Schabowskis Zettel

Die DDR ist in Aufruhr, aber der junge Volkspolizist Juri Hoffmann glaubt noch fest an den Sozialismus. Als er die Oppositionelle Nadja kennenlernt, gerät sein Weltbild ins Wanken. Die junge Journalistin recherchiert schmutzige Machenschaften der Stasi und gerät dabei in Lebensgefahr. Es gibt nur einen Weg, Nadja in Sicherheit zu bringen: Sie muss das Land verlassen. Aber wie kann ein einfacher Volkspolizist ihr dabei helfen? Stefan Keller lebt und arbeitet als Schriftsteller, Dozent und Dramaturg in Düsseldorf. Nach seiner Tätigkeit als Wirtschaftsjournalist und Theaterdramaturg schrieb er unter anderem Hörspiele, Fernsehshows, Drehbücher und Bühnenstücke. Zudem lektorierte er für Filmproduktionen und Fernsehsender. Seit mehreren Jahren unterrichtet er Schreiben an den Universitäten in Köln und Düsseldorf. "Schabowskis Zettel" ist sein siebter Kriminalroman im Gmeiner-Verlag.

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Schabowskis Zettel

2

Christinenstraße, Berlin, sechs Tage zuvor ...

Nadja Worzyn fluchte, als sie von der Fehrbelliner Straße in die Christinenstraße einbog. Der Koffer mit ihren Büchern und Platten wog schwer. Irgendwann hatte sie es aufgegeben, ihn zu tragen, stattdessen zerrte sie ihn wie ein störrisches Kind hinter sich her. Ein übergewichtiges, störrisches Kind! Rene Bintrup ging vor ihr, die unvermeidliche Kamera um die Schulter gehängt, in beiden Händen zwei Tüten, eine mit ihrem Hausrat, die andere mit ihren Klamotten. Ein Jutebeutel hing über der anderen Schulter. Er begutachtete neugierig die alten, düsteren Fassaden rechts und links der abschüssigen Straße, erzählte etwas über Jugendstil und Gründerzeit, was sie nicht verstand, weil er nach vorne sprach. Außerdem war Nadja mehr damit beschäftigt, den schweren Koffer festzuhalten, damit er nicht die Straße herunterpolterte und seinen Inhalt, von dem nicht weniges ihr eine Menge Ärger einbringen konnte, auf dem Kopfsteinpflaster verteilte. Die Schwerkraft überzeugte schließlich selbst das störrischste Kind.

Rene drehte sich zu ihr um, ergriff mit einer Hand den Koffer und half ihr, ihn zu halten. Die Tüte, es war die, in der sie heute Morgen ihre Klamotten gestopft hatte, baumelte lose am Handgelenk. Vor dem dritten Haus auf der rechten Seite blieb sie stehen.

"Hier ist es?", fragte er.

Nadja nickte. Vorgestern Abend hatte sie die Wohnung im Dachgeschoss entdeckt, dunkle Fenster ohne Vorhänge, kein Licht. Auf dem obersten Klingelschild am Eingang stand kein Name. Sie war ins Haus gegangen und das alte hölzerne Treppenhaus hinaufgestiegen, dessen Stufen unter ihren Schritten knarzten und die so ausgetreten waren, dass sie einmal fast ausgerutscht wäre. Oben hatte sie an der Tür gelauscht, geklingelt, geklopft. Niemand hatte ihr geöffnet. Sie hatte durch das Schlüsselloch geschaut und nichts gesehen, nicht einmal Gerümpel. Die Wohnung stand wie so viele in den Innenstadtvierteln Berlins leer. Offiziell galt sie vermutlich als unbewohnbar, aber Wohnraum war knapp, und Nadja, allein lebend, von Abitur und Studium ausgeschlossen, stattdessen unfreiwillig Arbeiterin in einer chemischen Fabrik, befand sich auf der Warteliste des Amtes für Wohnungswesen gewiss nicht an vorderster Stelle. Ganz im Gegenteil: Ihre Chancen auf eine legale Wohnung in Berlin standen gleich null. Was ihr blieb, war nur diese illegale Besetzung, schwarzwohnen. Streng genommen beging sie damit eine Straftat. Aber gegen "streng genommen" hatte sie schon immer rebelliert.

Gemeinsam mit Rene schleppte sie den Koffer in das Dachgeschoss des alten und maroden Gebäudes. Über die Mittagszeit war alles ruhig. Nur im dritten Stock hörte sie ein Husten hinter dem dünnen hölzernen Türblatt einer Wohnung. Ansonsten herrschte Stille im Haus, überhörte man die gurrende Taube hinter dem alten Fenster in den Hinterhof, in dessen verblichenem Holzrahmen eines der vier Fenstergläser fehlte. Nadja mochte Tauben.

Sie stellten den Koffer auf dem obersten Treppenabsatz ab und die beiden Plastiktüten vorsichtig daneben. Die Kamera baumelte vor Renes Bauch. Er grinste sie noch einmal an, legte ihr die Hand auf den Arm. Sie trat einen Schritt nach vorne, drückte den Türknauf, obwohl sie wusste, dass sich die Tür so einfach nicht öffnen ließ, allein, um die Hand loszuwerden, doch Rene ließ sie dort. Nadja dachte an seine Frau Gerda und den kleinen Leo, die in einer Wohnung auf der nahen Schönhauser Allee auf ihren Mann und Vater warteten, und streifte die Hand langsam ab.

"Du musst mehr Kraft einsetzen", erklärte Rene, ihre Geste unkommentiert lassend, und deutete auf die Tür.

"Einfach gesagt!"

"Versuch's!"

Sie stellte sich vor die Tür, lehnte sich mit der Schulter dagegen, schob dann den Oberkörper ein Stück weit zurück und warf sich gegen das Holz.

Die Tür rappelte leicht, als wollte sie ihr freundlich zu verstehen geben,

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