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Schuld Stories von Schirach, Ferdinand von (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 13.02.2017
  • Verlag: btb
eBook (ePUB)
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Schuld

Ein Ehemann quält jahrelang seine junge Frau. Ein Internatsschüler wird fast zu Tode gefoltert. Ein Ehepaar verliert die Kontrolle über ihre sexuellen Spiele. Ein Mann wird wegen Kindesmissbrauchs angeklagt. Leise, aber bestimmt stellt Ferdinand von Schirach die Frage nach der Schuld des Menschen. Der Spiegel nannte Ferdinand von Schirach einen "großartigen Erzähler", die New York Times einen "außergewöhnlichen Stilisten", der Independent verglich ihn mit Kafka und Kleist, der Daily Telegraph schrieb, er sei "eine der markantesten Stimmen der europäischen Literatur". Die Erzählungsbände "Verbrechen" und "Schuld" und die Romane "Der Fall Collini" und "Tabu" wurden zu millionenfach verkauften internationalen Bestsellern. Sie erschienen in mehr als vierzig Ländern. Sein Theaterstück "Terror" zählt zu den weltweit erfolgreichsten Dramen unserer Zeit. Ferdinand von Schirach wurde vielfach mit Literaturpreisen ausgezeichnet. Er lebt in Berlin. Zuletzt erschienen von ihm die Spiegel-Bestseller "Die Herzlichkeit der Vernunft", ein Band mit Gesprächen mit Alexander Kluge, die Erzählungen "Strafe" sowie sein persönlichstes Buch "Kaffee und Zigaretten".

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 208
    Erscheinungsdatum: 13.02.2017
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783641203276
    Verlag: btb
    Größe: 859 kBytes
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Schuld

Volksfest

Der erste August war selbst für diese Jahreszeit zu heiß. Die Kleinstadt feierte ihr sechshundertjähriges Bestehen, es roch nach gebrannten Mandeln und Zuckerwatte, und der Bratdunst von fettigem Fleisch setzte sich in den Haaren fest. Es gab alle Stände, die es immer auf Jahrmärkten gibt: Es war ein Karussell aufgestellt worden, man konnte Autoscooter fahren und mit Luftgewehren schießen. Die Älteren sprachen von "Kaiserwetter" und "Hundstagen", sie trugen helle Hosen und offene Hemden.

Es waren ordentliche Männer mit ordentlichen Berufen: Versicherungsvertreter, Autohausbesitzer, Handwerker. Es gab nichts an ihnen auszusetzen. Fast alle waren verheiratet, sie hatten Kinder, bezahlten ihre Steuern und Kredite und sahen abends die Tagesschau. Es waren ganz normale Männer, und niemand hätte geglaubt, dass so etwas passieren würde.

Sie spielten in einer Blaskapelle. Nichts Aufregendes, keine großen Sachen, Weinkönigin, Schützenverein, Feuerwehr. Einmal waren sie beim Bundespräsidenten gewesen, sie hatten im Garten gespielt, danach hatte es kaltes Bier und Würstchen gegeben. Das Foto hing jetzt im Vereinshaus, das Staatsoberhaupt selbst war nicht zu sehen, aber jemand hatte den Zeitungsartikel danebengeklebt, der alles bewies.

Sie saßen auf der Bühne mit ihren Perücken und angeklebten Bärten. Ihre Frauen hatten sie mit weißem Puder und Rouge geschminkt. Es sollte heute würdevoll aussehen, "zur Ehre der Stadt", hatte der Bürgermeister gesagt. Aber es sah nicht würdevoll aus. Sie schwitzten vor dem schwarzen Vorhang und hatten zu viel getrunken. Die Hemden klebten ihnen am Körper, es roch nach Schweiß und Alkohol, leere Gläser standen zwischen ihren Füßen. Sie spielten trotzdem. Und wenn sie falsch spielten, machte das nichts, weil das Publikum auch zu viel getrunken hatte. Zwischen den Stücken gab es Applaus und frisches Bier. Wenn sie Pause machten, legte ein Radiomoderator Platten auf. Die Holzbretter vor der Bühne staubten, weil die Menschen trotz der Hitze tanzten. Die Musiker gingen dann hinter den Vorhang, um zu trinken.

Das Mädchen war siebzehn und musste sich noch zu Hause abmelden, wenn sie bei ihrem Freund übernachten wollte. In einem Jahr Abitur, dann Medizin in Berlin oder München, sie freute sich darauf. Sie war hübsch, ein offenes Gesicht mit blauen Augen, man sah sie gerne an, und sie lachte, während sie kellnerte. Das Trinkgeld war gut, in den großen Ferien wollte sie mit ihrem Freund durch Europa fahren.

Es war so heiß, dass sie nur ein weißes T-Shirt zur Jeans trug und eine Sonnenbrille und ein grünes Band, das ihre Haare zurückhielt. Einer der Musiker kam vor den Vorhang, er winkte ihr zu und zeigte auf das Glas in seiner Hand. Sie ging über die Tanzfläche und stieg die vier Stufen zur Bühne hoch, sie balancierte das Tablett, das eigentlich zu schwer für ihre schmalen Hände war. Sie fand, dass der Mann lustig aussah mit seiner Perücke und seinen weißen Wangen. Dass er gelächelt hatte, daran erinnerte sie sich, dass er gelächelt hatte und dass seine Zähne gelb schienen, weil sein Gesicht weiß war. Er schob den Vorhang zur Seite und ließ sie zu den anderen Männern, die auf zwei Bierbänken saßen und Durst hatten. Für einen Moment leuchtete ihr weißes T-Shirt eigenartig hell in der Sonne, ihr Freund hatte es immer gemocht, wenn sie es trug. Dann glitt sie aus. Sie fiel nach hinten, es tat nicht weh, aber das Bier ergoss sich über sie. Das T-Shirt wurde durchsichtig, sie trug keinen BH. Weil es ihr peinlich war, lachte sie, und dann sah sie die Männer an, die plötzlich stumm wurden und sie anstarrten. Der Erste streckte die Hand nach ihr aus, und alles begann. Der Vorhang war wieder geschlossen, die Lautsprecher brüllten einen Michael-Jackson-Song, und der Rhythmus auf der Tanzfläche wurde zum Rhythmus der Männer, und später würde niemand etwas

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