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Seestadt von Lehner, Fritz (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 21.09.2016
  • Verlag: Seifert Verlag
eBook (ePUB)
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Seestadt

Nach dem Mord an seiner Frau zieht es Dr. Kittel-Kellermann in die Seestadt, einen eben erst hochgezogenen Stadtteil, wo er ein neues Leben beginnen will. Alles dort ist noch am Anfang, scheinbar ideal für einen wie ihn. Aber ausgerechnet an diesem Ort, wo alles so voller Verheißung ist, bricht das Grauen durch. Fritz Lehner, geb. 1948 in Freistadt, Oberösterreich. Absolvent der Hochschule für Film und Fernsehen in Wien. Mitglied der Deutschen Akademie der Darstellenden Künste, Frankfurt. Mitglied der Akademie der Künste, Berlin. Zu Lehners Filmen zählen: 'Schöne Tage' (Buch und Regie), 'Mit meinen heißen Tränen' (Buch und Regie), 'Jedermanns Fest' (Buch und Regie). Für seine Werke wurde er vielfach ausgezeichnet. Sein erster Roman, 'R', erschien 2003 im Seifert Verlag. Es folgten die Metropol-Trilogie ('Hotel Metropol: Ankunft', 'Hotel Metropol: Tage und Nächte', 'Hotel Metropol: Abreise'), 'Der Schneeflockenforscher' (2008), 'Margolin' (Buch und Blu-ray, 2012) und 'Vor dem Angriff' (2014).

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 285
    Erscheinungsdatum: 21.09.2016
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783902924650
    Verlag: Seifert Verlag
    Größe: 465 kBytes
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Seestadt

Sonnenallee


D ie Flammen loderten auf und erfassten die Papiere. Belangloses Zeug, aber doch aus Kellermanns Vergangenheit. Dann kamen die ersten Briefe, einer nach dem anderen wurde ins Feuer geworfen. Sie alle trugen noch die alte Anschrift und den Namen eines Menschen, der Kellermann nicht mehr sein wollte. Dr. Hannes Kittel verbrannte nicht nur auf Kuverts, sondern auch in einem Packen von Rechnungen, Dokumenten und Einladungen zu Ärztekongressen. Die Änderung seines Namens hatte Kellermann einiges gekostet, wenn es ihn auch erstaunte, wie leicht es war, ein anderer zu werden. Jeder in diesem Land konnte sich durch entsprechende Anträge bei den Behörden verwandeln, sein früheres Dasein abwerfen, ein neues Leben beginnen. Dr. Hannes Kellermann, bis zu seinem 40. Lebensjahr Dr. Hannes Kittel, war zur Verwandlung gezwungen gewesen, wenn er mit Zuversicht in seine Zukunft blicken wollte. Das betraf nicht nur das Äußere, auch der Mensch in ihm musste ein anderer werden. Dem glücklichen Leben zugewandt, weg von diesen Gedanken, die mit dem Tod zu tun hatten.

Kellermann zögerte, aber dann warf er doch die Zeitungen auf den Scheiterhaufen. Sie fächerten und blähten sich auf, und für ein letztes Mal kamen die Schlagzeilen und Bilder zum Vorschein. Die Flammen ergriffen das Gesicht des Angeklagten, aber in keinem war Kellermann erkennbar, denn auf den Fotos trug er als Dr. K. schwarze Balken über den Augen, und er war in den letzten Jahren um einiges schlanker geworden. Das Training im Gefängnis hatte sich gelohnt. Er hatte nicht nur die sechs Jahre überlebt, sondern war attraktiver geworden. Noch mehr Anthony Perkins. So hatten ihn schon damals seine Studienkollegen genannt, später die Assistentinnen im Operationssaal, nur seine Zellengenossen waren nie auf diese Idee gekommen. Hier, in seinem neuen Leben, dachte bei seinem Anblick niemand an Anthony Perkins, dazu waren dessen Filme zu alt und das Schauspielergenie auch schon zu lange tot. In der Seestadt hätte er Bruce Willis ähnlich sehen müssen, um aufzufallen, oder Tom Cruise. Aber Dr. Kellermann war weder der eine noch der andere sondern ein neuer Mensch mit einem neuen Lebensgefühl in einer neuen Stadt.

Kellermann konnte die Seestadt jetzt nicht sehen, weil es Nacht war, weil das Feuer ihn blendete und er sich zudem an die zehn Gehminuten entfernt in einer tiefen Baugrube befand. In dieses Loch, das so groß war wie zwei oder drei Häuser, die erst erbaut werden mussten, hatte es ihn verschlagen, weil es in seiner Wohnung in der Sonnenallee zwar alles gab, was man für das neue Leben brauchte, aber keinen herkömmlichen Ofen mit einem Abzugskamin für den Rauch eines Feuers, keine Möglichkeit, seine Vergangenheit zu verbrennen. Auch der Grill auf dem Balkon wäre keine Lösung gewesen, denn Papierstapel und Zeitungen machten höllisch viel Asche, und Teile flogen sogar durch den Auftrieb und bei leichtestem Wind davon. In den engen und blankgefegten Gassen der Seestadt könnte ihm das zum Verhängnis werden. Hier hingegen waren die halb verkohlten Blätter Krähen ähnlich, die irgendwohin flatterten, zerbrachen und keinen Schaden anrichteten. Der Flammenschein lockte nicht einmal Jugendliche an. Wenn sie Feuer sehen wollten, machten sie es sich normalerweise selbst, zu laut dröhnender Musik, irgendwo am Rand des Sees oder auch auf der winzigen Insel inmitten des grünlichen Wassers, das auf allen Prospekten im herrlichsten Blau schimmerte.

Das Grundwasser der Baugrube hatte längst seine Schuhe durchnässt. Es war Zeit, dass er das von Baggern und Caterpillars gegrabene Tal mit den hohen Wänden aus Sand und Schotter verließ und nach Hause ging, vielleicht besser zurück in die Sonnenallee lief, denn er konnte es sich nicht leisten, zu spät in seine Wohnung zu kommen. Obwohl, noch gab es widerborstige Dokumente, die nicht brennen wollten, die keinem in die Hände

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