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Trügerischer Sommer Roman von Lanfermann, Mechthild (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 10.09.2018
  • Verlag: btb
eBook (ePUB)
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Trügerischer Sommer

Ein heißer Sommer in Deutschland: Barbara, Ende vierzig, schön und trotzig, lebt mit ihrem 15-jährigen Sohn Tore in Berlin. Ein Anruf schickt sie zurück nach Norddeutschland in ihr früheres Leben: Der Vater liegt im Sterben. In ihrer Heimatstadt muss sie erschreckt feststellen, dass ihr Vater in den letzten Jahren zunehmend verwahrloste und dass ihr Bruder Kristian, der als Tierarzt noch immer hier lebt, offensichtlich unfähig ist, menschliche Beziehungen einzugehen. Sie alle leiden noch immer an den Folgen eines Ereignisses, das die Familie auseinanderbrechen ließ. Barbaras Sohn Tore will herausfinden, was damals geschehen ist und stellt unerwünschte Fragen. Als er verschwindet, weiß Barbara, dass er in Lebensgefahr ist. Sie muss sich den Dämonen der Vergangenheit stellen, um ihr Kind zu retten.

Mechthild Lanfermann ist 1969 in Niedersachsen geboren und lebt heute in Berlin. Sie studierte Theater, Film- und Fernsehwissenschaften und später Journalistik an verschiedenen deutschen Hochschulen und an der Sorbonne in Paris. Bei btb erschienen ist bisher ihre vierbändige Kriminalromanreihe um die Berliner Radiojournalistin Emma Vonderwehr.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 448
    Erscheinungsdatum: 10.09.2018
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783641198893
    Verlag: btb
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Trügerischer Sommer

3

D er Tierarzt Dr. Kristian Rabe hatte eine Haltung entwickelt, die es ihm ermöglichte, seine Arbeit nicht zu verabscheuen. Ohne dieses dumpfe Gefühl im Magen, das ihn die ersten Jahre begleitet hatte, fuhr er nun jeden Morgen zu den Großmastställen der Hühnerzucht Lüken, kontrollierte, selektierte und teilte die Antibiotika zu. Er war zufrieden mit seiner Aufgabe, weil er für sich herausgefunden hatte, dass diese Arbeit genau die richtige für ihn war.

In Gummistiefeln, langem Kittel und mit Mundschutz bahnte er sich achtsam einen Weg durch den riesigen Hühnerstall. Hier in der messegroßen Halle stieg die Temperatur jetzt im Sommer schnell über 40 Grad, die Kehle brannte vom hohen Ammoniakgehalt in der Luft, und das Fiepen und Quieken von 10 000 Küken gellte in den Ohren. Rabe störte das nicht. Obwohl er seit dem Feuer in seiner Kindheit immer wieder unter Atemnot und Hustenreiz litt, obwohl er bei lauten Worten zusammenzuckte und die Stille seiner Einsamkeit den meisten Begegnungen vorzog, kam er nicht auf die Idee, sich hier, bei seiner Arbeit unwohl zu fühlen, trotz der Hitze und des Lärms. Kontrolliert setzte er Fuß um Fuß, legte eine Schneise durch die aufgeregt herumtrippelnden Küken und taxierte ihr Verhalten. Fiel ihm ein schwaches Tier auf, schaufelte er es in seinen Kescher, drehte ihm mit einem schnellen Handgriff den Hals um und warf den Kadaver in den Eimer.

Das war ihm am Anfang schwergefallen. Die kleinen hellgelben Bällchen, die sich so warm in seiner Hand anfühlten. Ein Ruck nur, und sie waren leblose Masse, ein paar Federn, Knochen wie Äste, Abfall. Das war nicht leicht. Aber Kristian Rabe war kein Mann, der vom Leben Leichtigkeit erwartete. Im Gegenteil war es seine ursprünglichste Erfahrung, dass sich die Welt ihm entgegenstellte und dass er erst eine Haltung für sich entwickeln musste, um sie zu ertragen.

So war es ihm nicht in den Sinn gekommen, das Jobangebot abzulehnen, sondern er hatte verschiedene Varianten durchgespielt, die ihm ermöglichen sollten, seine Arbeit in einem anderen Licht zu sehen, die es erlaubten, eine aufrechte Haltung zu seinem Tagwerk zu entwickeln.

Zunächst hatte er sich gesagt, dass es notwendig war. Er versuchte, sich als Held zu sehen, als einer, der sich für die Gesellschaft aufopferte. Aber er konnte doch nicht die Augen davor verschließen, dass er den Menschen mit seiner Arbeit nichts Gutes tat. Den Tieren schon mal gar nicht.

Danach hatte er sich in Allmachtsfantasien hineingesteigert, in denen er der Herrscher über Leben und Tod war. Er kaufte sich eine anspruchsvolle Spielekonsole mit dem nötigen Zubehör und wechselte in den darauffolgenden Monaten zwischen seiner realen Arbeit und dem Kämpfen als God of War oder Ultimate Warrior hin und her. Sein Lieblingsspiel wurde mit der Zeit aber ein simples Farmspiel, das er als Beigabe umsonst bekommen hatte. Die Kampfhelden blieben im Regal liegen und verstaubten, während er digital Pferde striegelte und nach versteckten Eiern suchte.

Schließlich hatte er sich an der großen Menge Geld ergötzt, die er verdiente. Er kaufte sich ein Haus, einen modernen Würfelbau mit allen technischen Raffinessen, ein paar Designermöbel und eine vollautomatische Küche. Aber Kristian hatte nie erfahren, was es heißt, einem Haus seinen Stempel aufzudrücken, es wohnlich zu machen, gemütlich. Das Haus war der Ort, an dem er aß und schlief. Er kochte nie in der teuren Küche und bekam keinen Besuch. Die übrigen Räume blieben leer. Geld dafür auszugeben wurde zur Qual, ein Zugeständnis seiner Unfähigkeit, ein Zuhause zu schaffen. Er arbeitete länger, ließ den Urlaub verfallen, kannte kein Wochenende, um dem leeren Haus zu entkommen. Das Geld blieb auf dem Konto, und er vergaß es nach und nach.

Ein Küken schwankte, wich dem Strom der kreuz und quer laufenden Tiere nicht so schnell aus wie die anderen. Rabe steuerte mit seinem Kescher darauf zu, verfehlte es aber. Er stutzte.

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