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Trümmerland Roman von Hofmann, Sabine (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 17.05.2021
  • Verlag: Aufbau Verlag
eBook (ePUB)

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Trümmerland

Ein junges Mädchen und ihr Kampf ums Überleben. Im Ruhrgebiet 1946. Der Krieg ist zu Ende, der Kampf ums Überleben noch lange nicht. Bei der Suche nach Trümmerholz stößt die zwölfjährige Hella an einer Zeche auf einen Sterbenden. Sie drückt ihm die Augen zu und nimmt als Gegenleistung seinen Mantel an sich, um ihn auf dem Schwarzmarkt zu verkaufen. Doch eingenäht im Futter finden sich kostbare Bezugsscheine für Butter. Martha, Hellas Mutter, und Edith, eine Frau, die man bei ihnen einquartiert hat, wollen die Gelegenheit nutzen, in einen gewinnbringenden Tauschhandel einzuteigen, doch sie ahnen nicht, worauf sie sich einlassen. Bald ist ihnen nicht nur die Polizei auf den Fersen, sondern auch gefährliche Schwarzmarkthändler lauern ihnen auf. So packend wie authentisch - eine eindringliche Schilderung des Lebens in der Nachkriegszeit

Sabine Hofmann wurde 1964 in Bochum geboren und studierte Romanistik und Germanistik. Gemeinsam mit Rosa Ribas schrieb sie drei Kriminalromane über die Nachkriegszeit im Spanien. Zurzeit fasziniert sie die Beschäftigung mit der deutschen Nachkriegszeit als Bodensatz ihrer Kindheitserinnerungen der Geschichten und Erlebnisse von Eltern, Großeltern, die ihre eigene Kindheit prägten. Sie lebt mit Mann, Kind und Kater in Erbach im Odenwald.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 432
    Erscheinungsdatum: 17.05.2021
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783841226976
    Verlag: Aufbau Verlag
    Größe: 2195 kBytes
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Trümmerland

1

Freitag, 9. März 1946

Wenigstens ließ sich heute der Mond blicken. Fett, rund und silbern pappte er am Himmel über dem abgeknickten Gerüst des Förderturms und beleuchtete das Zechengelände. Das Förderrad hing schon seit dem ersten Bombenangriff auf halb acht, vor dem milchigen Himmel sah es aus wie ausgestanzt. Die oberen Fenster im Verwaltungsgebäude waren scharf geränderte, helle Löcher, weil Dach und Rückwand weg waren und der Mond direkt durch die Fensteröffnungen schien.

Der helle Schein war günstig. Das Trümmerfeld und der Pfad zwischen den Schuttbergen waren bestens zu sehen. Die Schatten dagegen waren kohlrabenschwarz. Das war auch günstig, so konnte ihn niemand entdecken, wie er da in seinem Versteck in der dicksten Schwärze hockte. Von dem Schuppen war auch nur noch die Hälfte übrig, aber in dem Winkel zwischen den letzten beiden Mauern war er für jeden unsichtbar, der den Pfad entlangkam.

Der Vollmond erinnerte ihn immer an das Zweimarkstück, das er von seinem Großvater zu jedem Geburtstag bekommen hatte. Früher, als er noch klein war. Ein silbriges Geldstück mit dem Bild eines alten pausbäckigen Mannes auf der Rückseite.

»Lass doch den Hindenburg, den ollen Döskopp, der hat uns den ganzen Schlamassel eingebrockt«, hatte die Großmutter jedes Mal geknurrt, wenn er das Geldstück drehte und wendete, damit es im Licht der Lampe blinkte. Dabei hatte sie das Gesicht in tausend Falten verzogen, dass es aussah wie ein Stück zerknülltes Butterbrotpapier, und gesagt, dass das Kroppzeug, das heute regierte, noch viel schlimmer wäre, und der Großvater hatte gesagt, dass sie still sein solle, wegen der Nachbarn.

Die Großeltern hatte es bei einem Luftangriff erwischt. Luftmine, Volltreffer. Aus die Maus. Nach der Entwarnung war er mit seiner Mutter und seiner Schwester aus dem Luftschutzkeller gekommen. Sie freuten sich, dass die Häuser in ihrer Straße alle noch standen. Aber das Viertel am Güterbahnhof, wo die Großeltern wohnten, hatte einiges abbekommen. »Die ham ihre Bomben auf die Bahngleise geschmissen«, erklärte ein Nachbar. »Is aber 'ne ganze Menge danebengegangen.«

Seine Mutter packte ihn und seine kleine Schwester, und sie liefen los, die Mutter vorneweg, Emil knapp neben ihr. Die Kleine zerrte sie an der Hand den ganzen Weg über hinter sich her. Sie hetzten in einem Affenzahn durch die Stadt, überall waren Leute unterwegs. Viele von ihnen rannten auch, weil sie nach jemandem suchten oder weg von den einstürzenden Häusern und den Feuern wollten, die an vielen Stellen noch loderten. In manchen Straßen sah es aus wie in einem Möbelgeschäft. Die Leute hatten Matratzen und Stühle aus ihren brennenden Häusern geholt und auf der Straße abgestellt. Ein älterer Mann saß im Schlafanzug in einem grünen Ohrensessel neben den Straßenbahnschienen in der Bongardstraße und schaute sich mit weit aufgerissenen Augen die kaputte Stadt an. »Kann doch allet nich' wahr sein«, murmelte er.

In der Rottstraße war das Gemisch aus Rauch und Mörtelstaub so dicht, dass das Atmen wehtat und sie kaum was sahen. Dafür war der Krach umso lauter. Das Martinshorn des Rettungswagens, Leute, die sich etwas zuriefen, eine alte Frau, die direkt neben ihnen irgendwas auf Polnisch betete. Zumindest hörte es sich so an wie ein Gebet, leiernd und immer wieder dasselbe.

Da, wo das Haus der Großeltern gestanden hatte, war nur noch ein Trümmerhaufen. Die vordere Seite des Hauses war weggerissen, Mauern und Balken waren hinuntergekracht, aber die Rückwand des Hauses stand noch. Im ersten Stock konnte er die Wohnzimmertapete mit den braun-beigen Blumen und sogar das Foto von Opas Fußballmannschaft sehen, als ein Windstoß für einen Augenblick den Staub und den Rauch wegblies.

Die Großeltern waren nicht aufzufinden. Die Mutter fragte die Nachbarn, laut und mit schriller Stimme, doch keiner hatte sie gesehen, weder im Luft

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