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Weinselig von Moritz, Michael (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 01.01.2016
  • Verlag: Emons Verlag
eBook (ePUB)
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Weinselig

Der eingeschlagene Schädel des Alleinunterhalters Robert Düster bereitet Hauptkommissar Belledin Kopfzerbrechen. Als ein zweiter Weinfest-Stimmungsmacher auf dieselbe Weise getötet wird, glaubt er, ein Muster zu erkennen. Bevor womöglich ein weiterer Barde des Ihringer weinfestes dem Mörder zum Opfer fällt, setzt er Kriegsfotograf Killian als Spitzel ein. Dabei ahnt Belledin nicht, dass Killian weit tiefer verwickelt ist, als ihm lieb ist. Michael Moritz, 1968 in Freiburg geboren und am Kaiserstuhl aufgewachsen, schreibt und produziert seit zwanzig Jahren Theaterstücke und Kurzfilme. Als Schauspieler war er an den großen deutschsprachigen Bühnen engagiert; im Fernsehen spielt er meist den Bösewicht (Tatort, Soko Köln, Die Sitte, Postmortem).

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: none
    Seitenzahl: 256
    Erscheinungsdatum: 01.01.2016
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783863586621
    Verlag: Emons Verlag
    Größe: 2765 kBytes
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Weinselig

EINS

Der Schrei, den Biggi ausstieß, ging im vielfältigen Lärm der Umgebung unter. Der schreckliche Anblick, der sich ihr bot, brannte sich umso unvergesslicher in ihr ein. Sie vergaß darüber sogar, wie eilig sie es gehabt hatte, aufs Klo zu kommen. Es war sonst nicht ihre Art, aufs Männerklo zu gehen. Hätte sie es doch auch dieses Mal nicht getan. So viel sie auch am Rande von den Leichen mitbekam, deren Mörder ihr Gatte jagte, Biggi selbst kannte Tote nur aus dem Fernsehen.

Dieser hier aber war echt, und er glotzte sie dreist an, eingequetscht zwischen Schüssel und der Wand des Toilettenwagens. Den Geruch, der aus dem Kastenklo kroch, würde sie nie wieder aus der Nase bekommen. Ein Gemisch aus Urin, der sein Ziel nicht erreicht hatte, dem süßlichen Parfum des Mannes, der mit halber Backe noch auf der Schüssel hing, und Gewürztraminer, der in der Flasche gewesen sein musste, mit der ihm der Schädel eingeschlagen worden war.

Biggi versuchte sich daran zu erinnern, ob sie jemanden gesehen hatte, der aus dem Klo gekommen war. Sie tat sich schwer. Wenn man den Fokus auf die Blase gerichtet hatte, war es unmöglich, sich an etwas zu erinnern.

Wäre sie doch nur nicht aufs Herrenklo gegangen. Aber hier war frei, hier stand man nicht Schlange. Die Männer pinkelten, wo sie wollten, die mussten nirgendwo anstehen. Hätte der Kerl sich nicht auch einfach in einen Busch drücken können, um sich dort erschlagen zu lassen? Stattdessen glotzte er sie weiterhin mit seinen toten Augen an.

Biggi schrie erneut. Diesmal hörten es auch andere und eilten herbei. Einer rief nach der Polizei, ein anderer forderte den Notarzt. Biggi zog benommen das Handy aus ihrer Handtasche und wählte eine eingespeicherte Nummer.

Belledin dachte gar nicht daran, sich unterbuttern zu lassen. Die Kölner Reisegruppe, die sich in der Klause des Ihringer Männergesangsvereins breitgemacht hatte, gefiel sich zu gut in ihrem "Viva Colonia". Das konnte Belledin nicht auf sich sitzen lassen.

Er stieg auf einen Biertisch, hob die Arme mit gestreckten Zeigefingern und begann laut anzuzählen. Dann setzte dröhnend sein Bass ein, und die anderen Kameraden aus dem Merdinger Gesangsverein verbrüderten sich lautstark mit den Ihringern und dem Rest der Meute, die sich mit Baden gegen das Rheinland solidarisierte.

"Das schönste Land in Deutschlands Gau'n, das ist mein Badnerland, es ist so herrlich anzuschau'n und ruht in Gottes Hand."

Belledin schaufelte jetzt mit beiden Armen von tief unten herauf, um den Refrain zu beschwören. Dabei kam der Biertisch gefährlich ins Wanken. Belledin aber behielt die Balance und donnerte auf die Eins:

"Drum grüß ich dich, mein Badnerland", hier füllte er die Pause mit einem Posaunenimitat aus geblähten Wangen, "du edle Perl im deutschen Land - tatata-tata!"

Er schraubte seinen wuchtigen Körper auf die Zehenspitzen, hielt den Atem an, riss die Augenbrauen nach oben und stierte seinen Chor erwartungsvoll an. Dann ließ er seiner Masse und dem Schlussteil des Refrains freien Lauf:

"Frisch auf, frisch auf, frisch auf, frisch auf, frisch auf, frisch auf, mein Badnerland!"

Belledin drehte sich nach der Kölner Reisegruppe um. Sie war verstummt und lauschte amüsiert der badischen Folklore. Dabei kippten die fröhlichen Rheinländer ihre Zehntelgläser, als wären sie mit Kölsch gefüllt.

Belledin setzte gerade zur zweiten Strophe an, als sein Handy brummte. Ein kurzer Blick auf das Display verriet ihm, dass es Biggi war. Er überlegte kurz, ob er drangehen sollte. Allerdings verriet ihm das Handy auch, dass Biggi es bereits fünfmal versucht hatte. Er hatte keine Lust auf einen schiefen Haussegen. Das Weinfest hatte gerade erst begonnen, Belledin wollte die vier Tage genießen und sie nicht mit ehelichen Missverständnissen betrüben.

"Hallo, Schatz", säuselte er und registrierte, dass er deutlicher singen konnte als s

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