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Wie durch ein dunkles Glas Commissario Brunettis fünfzehnter Fall von Leon, Donna (eBook)

  • Verlag: Diogenes
eBook (ePUB)
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Wie durch ein dunkles Glas

Tod vor dem Brennofen. Ist ein Familienzwist zwischen dem Fabrikbesitzer und seinem Schwiegersohn schuld? Oder musste der Nachtwächter der Glasmanufaktur dafür büßen, dass er ein fanatischer Umweltschützer und Leser ist? In einer Ausgabe von Dantes Inferno Brunetti

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 352
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783257600711
    Verlag: Diogenes
    Originaltitel: Through a Glass, Darkly
    Größe: 1504 kBytes
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Wie durch ein dunkles Glas

[7] 1

B runetti stand am Fenster und flirtete mit dem Frühling. Er war da! Gleich drüben, am anderen Ufer des Kanals, zeigte er sich in den frischen, jungen Trieben, die dort aus der Erde spitzten. In all den Jahren hatte Brunetti nie jemanden in dem Garten arbeiten sehen, und doch mußte während der letzten Tage irgendwer den Boden aufgelockert haben, auch wenn ihm das erst jetzt auffiel. Zwischen den Grashalmen schimmerten zartweiße Blümchen, und die unerschrockenen kleinen, die sich so dicht an den Boden schmiegten und deren Namen er sich nie merken konnte - die mit den gelben und rosafarbenen Blüten -,brachen aus dem frisch gewendeten Erdreich hervor.

Er stieß die Fensterflügel auf und ließ frische Luft in sein überheiztes Büro strömen. Sie duftete nach neuem Wachstum oder steigenden Säften oder was immer es war, das die sprichwörtlichen Frühlingsgefühle wachrief und jenes Urverlangen nach Glück. Und weil dieses Etwas auch die Würmer hervorgelockt hatte, waren anscheinend sogar die Vögel, die so eifrig drüben im Garten pickten, in Hochstimmung. Zwei von ihnen zankten sich um einen Leckerbissen, dann flog einer davon, und Brunetti sah ihm nach, bis er links hinter der Kirche verschwand.

"Verzeihung", hörte er jemanden hinter sich sagen und setzte eine ernste Miene auf, bevor er sich umdrehte. Vor ihm stand Vianello in Uniform, er blinzelte nervös und wirkte viel zu streng für einen so schönen Tag. Angesichts [8] seiner dienstlich-steifen Haltung war Brunetti versucht, ihn mit Rang und Namen anzusprechen, obwohl sie sich seit Vianellos Beförderung zum Inspektor doch immer häufiger duzten. Unschlüssig vermied er die Anrede fürs erste und fragte höflich: "Ja, was gibt's denn?"

"Hättest du wohl einen Moment Zeit?"

Wenn Vianello so umstandslos das vertrauliche tu benutzte und Brunetti auch nicht mit "Commissario" ansprach, war er wohl doch nicht dienstlich hier.

Um die Situation zu entspannen, sagte Brunetti: "Ich habe mir gerade die Blumen dort drüben angesehen" - er wies mit einer Kopfbewegung in Richtung Garten - "und mich gefragt, was wir an einem Tag wie heute im Büro verloren haben."

Da lächelte Vianello endlich. "Der erste Tag, an dem man den Frühling spürt. Da habe ich früher immer die Schule geschwänzt."

"Ich auch", schwindelte Brunetti. "Und womit hast du dir die Zeit vertrieben?"

Vianello setzte sich auf den rechten der beiden Besucherstühle, seinen angestammten Platz. "Mein älterer Bruder hat damals den Rialto beliefert, und statt in die Schule bin ich zu ihm auf den Markt, und wir haben den ganzen Vormittag Obst- und Gemüsekisten geschleppt. Um die Zeit, wenn normalerweise Unterrichtsschluß war, bin ich dann heim zum Mittagessen." Er schmunzelte und lachte schließlich laut heraus. "Meine Mutter ist mir immer auf die Schliche gekommen. Wie, weiß ich nicht, aber sie fragte mich jedesmal, was am Rialto los gewesen sei und warum ich ihr keine Artischocken mitgebracht hätte." [9] Kopfschüttelnd hing Vianello seinen Erinnerungen nach. "Und den Kindern ergeht es heute mit Nadia nicht anders: als ob sie ihre Gedanken lesen könnte und einfach weiß, wann sie den Unterricht geschwänzt oder etwas ausgefressen haben." Er sah Brunetti an. "Kannst du dir erklären, wie sie das machen?"

"Wer? Mütter?"

"Ja."

"Du hast es eben selbst gesagt, Lorenzo. Indem sie Gedanken lesen." Und da die Atmosphäre nun hinreichend entspannt schien, fragte Brunetti ganz direkt: "Also, was führt dich zu mir?"

Schlagartig kehrte Vianellos anfängliche Nervosität zurück. Er stellte die übereinandergeschlagenen Beine nebeneinander, preßte die Knie zusammen und setzte sich kerzengerade hin. "Es handelt sich um einen Freund", sagte er. "Er hat Probleme."

"Womit?"

"Mit uns."

"Der Polizei?"

Vianello nickte.

"Hier? In Venedig?"

V

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