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Wunderland von Wachlin, Oliver G. (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 21.04.2016
  • Verlag: Emons Verlag
eBook (ePUB)
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Wunderland

Herbst 89: Jubel, Tränen, Alkohol. Berlin im Taumel des Mauerfalls. und Kriminalhauptkommissar Knoop kann sein freies Wochenende vergessen. Am Wannseeufer wird die Leiche einer jungen Schlittschuhläuferin gefunden. Dabei ist der See noch gar nicht zugefroren; es gibt kein Eis, in ganz Berlin nicht. Stattdessen legen Millionen von Trabifahrern den Verkehr lahm. Nichts geht mehr in der Stadt, überall wird gefeiert, debattiert, demonstriert. Bei seinen Ermittlungen gerät Kriminalhauptkommissar Knoop in den Strudel sich überschlagender Ereignisse und wird mit unverhoffter Ostverwandtschaft, irritierenden Gefühlen und einer alten Jugendliebe konfrontiert. Doch dann gibt es einen zweiten Toten.

Oliver G. Wachlin, Jahrgang 1966, schreibt vor allem für Film und Fernsehen und kennt beide Seiten der ehemaligen Mauerstadt. Auf der einensaß er wegen Fluchtversuch im Knast, auf der anderen lebt er mit seinerFamilie an den Schauplätzen seines ersten Kriminalromans.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: none
    Seitenzahl: 336
    Erscheinungsdatum: 21.04.2016
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783863587291
    Verlag: Emons Verlag
    Serie: Berlin Krimi Bd.2
    Größe: 3089 kBytes
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Wunderland

16 FAHNENFLUCHT.

Vier Stunden lang hat er auf seinen Fahrer gewartet. Vergebens. Als sich, weit nach Mitternacht, der Stau auf der Chausseestraße allmählich auflöste, war Cardtsberg bis vor den Grenzübergang in die Invalidenstraße gefahren. Aber der Gefreite kam nicht. Gullnick hat sein Versprechen gebrochen.

Cardtsberg konnte es nicht fassen. Diese jungen Leute. Was war da drüben in Westberlin, dass die Jugend davon so magisch angezogen wurde? Wenn selbst eine an sich so treue Seele wie der Gefreite Gullnick nicht zurückkam, stand es wirklich schlimm um die DDR .

"Lage in der Hauptstadt desolat. Überall Auflösungserscheinungen", meldete sich Cardtsberg eine halbe Stunde später zum Rapport bei Oberst Gotenbach im Strausberger Gästehaus der Luftstreitkräfte. "Die Wachregimenter meutern, und beim M f S heißt es, rette sich, wer kann", setzte er hinzu und zog sich die Handschuhe aus. "Die verbrennen da schon ihre Akten."

"Tja." Gotenbachs Miene war wie versteinert. "Dann soll es wohl so sein, was Ullrich?"

Cardtsberg verstand nicht gleich. Was wollte der Oberst damit sagen?

"Snetkow ist zurückgepfiffen worden." Gotenbach sank in einen der Sessel im Salon und strich sich über das ergraute Haupt. "Gorbatschow höchstpersönlich hat den General angerufen. 'Gehen Sie in sich und erstarren Sie!' Von denen ist nichts mehr zu erwarten."

"Und jetzt?" Cardtsberg fragte sich, ob er erleichtert sein sollte oder nicht. Kein Blutvergießen, dachte er. Glück gehabt. Doch konnte man die Menschen da draußen einfach im Stich lassen? "Wenn wir die Dinge so weiterlaufen lassen, ist es aus mit der DDR ."

"Wir haben keine andere Wahl, Ullrich!" Gotenbach atmete tief durch und erhob sich wieder. "Auf der Mauer tanzen sie Lambada. Die Befehlsverweigerungen häufen sich. Niemand will in der Hauptstadt eingesetzt werden, und teilweise sind unsere Offiziere auf Sightseeingtour in Westberlin gesichtet worden." Er wischte achtlos ein paar Aktenmappen vom Tisch, nahm zwei Gläser und begann sie mit Cognac zu füllen. "Streletz hat kalte Füße bekommen. Und Wienand will sich auch nicht weiter engagieren. Die erhöhte Gefechtsbereitschaft ist für alle Truppenteile zurückgenommen." Er reichte Cardtsberg ein Glas, "das, mein Lieber, ist die Lage", und trank seinen Cognac mit einem Zug aus. "Wir haben den Kampf verloren, bevor er begonnen hat."

Gotenbach trat ans Fenster, sah hinaus in den anbrechenden Morgen und fluchte leise. "Ein Mist ist das alles!" Er stellte sein Glas beiseite, ging zur Tür und griff sich seinen Mantel. "Ich brauch etwas frische Luft. Kommst du mit?"

Wie betäubt folgte Cardtsberg dem Oberst ins Freie.

Obwohl über dem See feine Nebelschwaden hingen, die die Strausberger Altstadt am gegenüberliegenden Ufer wie auf einer japanischen Wasserzeichnung nur schemenhaft erkennen ließen, war die Luft kalt und klar.

Schweigend liefen die Offiziere nebeneinander her. Unter ihren Schritten knirschte der Kies der frisch geharkten Wege. Ab und zu fiel eine reife Kastanie aus den welken Kronen der Bäume ringsum und platzte aus ihrer stachligen Hülle. Irgendwo fiepte ein Vogel.

Plötzlich blieb Cardtsberg stehen. Nein, durchfuhr es ihn, wir dürfen jetzt nicht aufgeben. Nicht in dieser Situation. Wozu sind wir Soldaten?

"Wir können doch nicht zusehen, wie alles ..." Er hob hilflos die Hände. "Das ist doch Wahnsinn!"

"Wahnsinn?" Gotenbach schüttelte den Kopf. "Das ist logische Konsequenz. Wir sind überflüssig geworden, Ullrich. Unser Gegner ist keine Armee, sondern das eigene Volk. Also haben wir auf dem Schlachtfeld nichts zu suchen."

Cardtsberg sah den Obristen an. "Wo lag der Fehler?"

Gotenbach zuckte mit den Schultern. "Es wird Leute geben, die das später analysieren werden

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