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Zeit der Diebe von Bornemann, Eike (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 22.09.2016
  • Verlag: Ulrike Helmer Verlag
eBook (ePUB)
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Zeit der Diebe

Bianca, die alle nur Boi nennen, durchstreift mit ein paar Jungs das Potsdam der Nachwendezeit. Was die Clique um sie und ihren Bruder Sinon in Fabrikruinen und leeren Häusern findet, wird zu Geld gemacht. Bald helfen die Jugendlichen dem Zufall nach. Aus Entwurzelten werden professionelle Diebe. Als die Bande eines Nachts in einen Laden einsteigt, führt sie das in den Dunstkreis von Mord. Angaben zur Person: Eike Bornemann, 1973 bei (Ost-)Berlin geboren, wuchs in Brandenburg, Mecklenburg und Thüringen auf. Er studierte Bibliothekswesen, schnupperte an der Filmwissenschaft und arbeitete in diversen Berufen. Sein Hobby ist Boxen. Er schreibt und publiziert seit Jahren, war Preisträger des 13. Literatur-Forums Hessen-Thüringen, 1997 sowie 1998 im Finale des Open-Mike (LiteraturWERKstatt Berlin).

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 250
    Erscheinungsdatum: 22.09.2016
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783897419889
    Verlag: Ulrike Helmer Verlag
    Serie: CRiMiNA
    Größe: 1448 kBytes
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Zeit der Diebe

1. Kapitel

Die Diebe bilden eine besondere Klasse der Gesellschaft: Sie tragen zur Entwicklung der sozialen Ordnung bei, sie sind das Öl ihres Getriebes. Wie die Luft dringen die Diebe überall unbemerkt ein: Sie bilden inmitten der Nation ein Volk für sich .

- CODE DES GENS HONNÊTES

Wenn dich damals dein Weg in die Innenstadt und in die nördliche Vorstadt geführt hätte, wärst du auf Straßenzüge gestoßen, die aussahen, als hätten die Bewohner sie nach einer Katastrophe verlassen. Die Türen und Fenster in den unteren Stockwerken waren mit Sperrholzplatten vernagelt. In den oberen Etagen bewegte der Wind schmutzige Gardinen hinter zerbrochenem Glas. Aus einer Dachtraufe wuchs eine junge Birke. Zwischen kaputten Gehwegplatten wucherte Gras. An einer Hauswand hatte jemand die Botschaft "Hier beginnt der soziale Aufstieg" hinterlassen, und es war dieselbe Handschrift, die an der Wand des Maschinenhauses der ausgebrannten Fabrik verkündete: " Lang lebe der Fortschritt! "

Es gab keinen Fortschritt, aber es hatte ein Fortschreiten gegeben. Von Jahr zu Jahr waren die abendlichen Lichter in den Fenstern, war das Flackern von Fernsehern hinter den Vorhängen weniger geworden. 1989 wohnten in Potsdam noch fast 143.000 Menschen. Ein Jahr später war bereits die 140.000-Marke deutlich unterschritten, und 1995 waren es weniger als 136.000. Das in der nördlichen Vorstadt gelegene Militärstädtchen hatte da schon Ähnlichkeit mit Aufnahmen des evakuierten Pribjat nach der Katastrophe von Tschernobyl.

Im Sommer hielten wir hier unsere Rennen ab. Auf Feuerstühlen rasten wir unter dem dunkelblauen Schild des Abendhimmels die Straße entlang, bremsten, nahmen - gefährlich geneigt, dass die Fußstützen über den Asphalt schlitterten - die Kurve, drehten wieder auf, bis wir den verwilderten Sportplatz erreichten, wo sich zwischen den Kieferstämmen gegen den Abendhimmel die Silhouetten der verlassenen Kasernen abzeichneten, kehrten am Schulgebäude um und rasten die Straße zurück, wo sich Laubschatten unter dem Licht der Straßenlaternen bewegten und den Beginn der Zivilisation markierten.

Niemand störte uns. Es war eine Gegend, über der virtuell ganz groß und fett das Wort Abgeschrieben stand. Jeder Location Scout , der nach Drehorten für einen Endzeitfilm sucht, hätte bei dem Anblick glänzende Augen bekommen.

Es war nicht ungefährlich, in den verlassenen Häusern herumzustöbern. Zwar gab es keine Fallgruben wie bei Indianer Jones , dafür aber jede Menge rostiger Stahlträger, Glasscherben und herausstehender Nägel, dazu Asbestplatten, lose Fassadenteile, kaputte Geländer, durchgefaulte Balken und unverschlossene Aufzugschächte, in die man stürzen konnte. Es gab Schimmel und Tierscheiße und Kadaver samt den dazugehörenden Krankheitserregern.

Anfangs waren wir noch zu siebt gewesen. Sieben halbwüchsige Herumtreiber, die gemeinsam auf den Dorffesten stänkerten, auf Motorrädern ins Naturschutzgebiet zum Grillen fuhren (was verboten war, aber wir taten es trotzdem), zum Schwimmen (was an den meisten Stellen, die wir aufsuchten, ebenso verboten war) oder sich einfach zusammen langweilten (was erlaubt war). Mit jedem Jahr war unsere Gruppe weiter zusammengeschrumpft. Zuerst war Ronnys Familie weggezogen, dann Micha, dann meine beste Freundin Caro, die in Bremen eine Ausbildung auf einem Kreuzfahrtschiff begonnen hatte.

Im ersten Jahr trafen bei mir Briefe ein, abgestempelt an Orten, die ich erst im Atlas nachschlagen musste. Manchmal waren Neid und Eifersucht in mir so stark, dass es mir fast körperliche Schmerzen bereitete. Ich hatte zu viele Folgen von Das Traumschiff gesehen. Vielleicht konnte ich in meinen Antworten meine Gefühle nicht immer verbergen, denn Caros Briefe w

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