text.skipToContent text.skipToNavigation
background-image

Zorn des Meeres Roman von Kemal, Yasar (eBook)

  • Verlag: Unionsverlag
eBook (ePUB)
9,99 €
inkl. gesetzl. MwSt.
Sofort per Download lieferbar

Online verfügbar

Zorn des Meeres

Wenn der Erzähler seinen Freund, den Fischer Selim, auf der Jagd nach dem letzten großen Schwertfisch begleitet, beginnt das Marmarameer zu leben, leuchtet in all seinen Farben. Selims Traum ist es, ein Stück Land, das er bereits mit Olivenbäumen bepflanzt hat, zu kaufen und für seine große Liebe ein Haus zu bauen. Auf dem Boot erzählt Selim von seiner Freundschaft zu einem Delphin und beschreibt das grässliche Massaker, das die Fischer aus Geldgier unter den Delphinen des Marmarameers anrichteten. Während vieler Jahre hat Yasar Kemal die Fischer auf ihren Fahrten begleitet und die Stimmungen des Marmarameers in sich aufgenommen. Dieser Roman ist eine Liebeserklärung an dieses Meer und an die von Leben sprühende Stadt Istanbul, zugleich ein spannender Kriminalroman und ein Hohelied der Freundschaft. Ya?ar Kemal wird der 'Sänger und Chronist seines Landes' genannt. Er wurde 1923 in einem Dorf Südanatoliens geboren. Seine Werke erschienen in zahlreichen Sprachen und wurden mit internationalen Preisen ausgezeichnet. 1997 erhielt er den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels, 2008 wurde er mit dem Türkischen Staatspreis geehrt. Er starb in Istanbul am 28.2.2015.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 490
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783293307964
    Verlag: Unionsverlag
    Originaltitel: Deniz Küstü
    Größe: 3383 kBytes
Weiterlesen weniger lesen

Zorn des Meeres

1

D ie roh behauene Tür des Kaffeehauses wurde mit einem Fußtritt fast aus den Angeln gesprengt; noch bevor Zeynel, den Trommelrevolver in der Faust, auf der Schwelle erschien, fegte Lodos, der Südwind, der weit draußen das Meer aufwühlte, staubwirbelnd in die Gaststube. Einen Augenblick zauderte Zeynel, doch dann stellte er sich in aller Ruhe sperrig in den Türrahmen, richtete seine Waffe auf Ihsan und begann zu feuern. Wie versteinert blieben die Anwesenden auf ihren Stühlen hocken.

"O Mutter, ich bin verloren", schrie Ihsan schrill. Sein zweites "Ich bin verloren" kam schon sehr leise, war kaum zu hören. Er glitt von seinem Stuhl zu Boden, ein Strom von Blut quoll in Stößen aus seinem Hals, versiegte dann plötzlich. Ihsans Aufschrei und der Sprung Selims des Fischers, der sich wie von der Sehne geschnellt aus der erstarrten Menge auf Zeynel stürzte, dessen Handgelenk umklammerte und sich der Waffe bemächtigte, waren eins. Den Revolver in der Hand, schaute Selim verstört einmal in die rauchende Mündung, dann wieder zu Zeynel, der immer noch dastand. Im nächsten Augenblick zuckten alle durch das Klatschen einer Ohrfeige zusammen, doch noch immer rührte sich keiner von der Stelle. Selim hatte die Waffe fallen lassen, mit der Linken Zeynel am Genick gepackt und schlug mit der Rechten auf ihn ein. Zeynel wiederum hatte seinen Kopf mit beiden Händen abgedeckt, und je länger der andere zuschlug, desto mehr krümmte er sich, duckte sich tiefer und tiefer, als gelte es, dem Tod zu entrinnen. Die Mündung seines Revolvers, der unter dem Herd der Teestube lag, rauchte nicht mehr, und Selim, mit Händen wie Vorschlaghämmer, schlug und schlug, bis er schließlich wie ein Blasebalg keuchend von Zeynel abließ. Dieser stand jetzt wie verloren neben dem Toten, ratlos, was er nun tun solle. Ihsan hatte sich im Fall auf die rechte Seite gerollt und lag mit geballten Fäusten und an den Bauch gezogenen Beinen in seinem Blut, das stellenweise im Lehmboden kleine Lachen gebildet hatte und bis an die Tür gesickert war. Auch der lange, blonde Schnurrbart des Toten war blutbefleckt. Und in den weit aufgerissenen, starren Augen zeichneten sich der maßlose Schrecken ab und die Angst vor dem drohenden Tod. Selim ging zu Ihsans Leichnam, betrachtete ihn, und während seine Augen nachdenklich auf ihm ruhten, bekam sein Gesicht nach und nach wieder Farbe. Wie von Angst gepackt drehte er sich plötzlich um, aber Zeynel stand noch immer unverändert da. Selim baute sich vor ihm auf, starrte ihn an, als gewahre er ihn zum ersten Mal, und fragte sich, wo dieser Mann wohl auf einmal hergekommen sei. Vielleicht konnte er wirklich nicht nachvollziehen, was da eben vor sich gegangen war. Er drehte sich wieder um, und als suche er irgendetwas, beugte er sich über den Toten, blickte ihm in die Augen und berührte ihn mit dem Zeigefinger. Doch ruckartig, als habe er eine Flamme berührt, zog er seine Hand wieder zurück. Als er sich danach aufrichtete, stand er Aug in Aug Zeynel gegenüber.

Mit einem lauten "Haktuuu!" spuckte Selim den reglosen Zeynel an, einmal, zweimal, dreimal mit solcher Kraft, dass die Spucke in dessen Gesicht wie der Hieb einer Peitsche aufklatschte.

Wie ein Betrunkener schwankte Selim zur Tür hinaus, mit hängenden Armen, den Strand entlang bis zur Anlegebrücke, kehrte von dort zum Kaffeehaus zurück, verharrte gedankenversunken vor der Tür, linste wie auf der Suche nach jemandem in die Gaststube, machte sofort wieder kehrt und schlug am "Kasino zur Möwe" entlang den Weg zum Strand von Florya ein. Baumhoch türmte der aus Südwest stürmende Lodos die Gischt über die Küstenstraße, wo sie klatschend auf den Asphalt niederging.

Kurz nachdem Selim gegangen war, richtete sich Zeynel wie aus tiefem Schlaf erwachend aus seiner gebückten Haltung auf, schaute in die Runde, stieg, ohne ihn anzusehen, über den daliegenden Ihsan hinweg, ging zum Herd, bückte sich, hob seinen Revolver

Weiterlesen weniger lesen

Kundenbewertungen