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10% gelassener Anregungen für ein unbeschwertes Leben

  • Erscheinungsdatum: 14.06.2019
  • Verlag: DuMont Buchverlag
eBook (ePUB)
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10% gelassener

Nie war das Stresslevel höher als heute. Wir hetzen vom Job ins Fitnessstudio, vom Zahnarzt ins Büro. Und nicht nur bei der Arbeit wollen wir perfekt funktionieren, unser Lächeln soll das gewinnendste sein und unser Körper der schönste. Doch was ist der Preis dafür? Wir alle wünschen uns ein unbeschwertes Leben. Dorthin führen viele Wege, jeder Mensch muss seinen individuellen finden. Und doch gibt es universelle Quellen der Gelassenheit: Gemeinschaft, Natur, Teilhabe, Glück, Gesundheit. Diese Anthologie versammelt Texte von Autoren wie Arun Gandhi, Will Gompertz und vielen mehr, die ihr Rezept für Gelassenheit mit dem Leser teilen. Es sind Menschen, die sich auf die Suche nach Sinn und Zufriedenheit gemacht und Inspirierendes gefunden haben. Sie geben Anregungen für die entscheidenden - und vor allem erreichbaren - zehn Prozent mehr Gelassenheit. Frieda Schneider studierte Philosophie und Kunstgeschichte. Sie lebt mit ihrer Familie auf einem alten Bauernhof in der Lüneburger Heide.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 224
    Erscheinungsdatum: 14.06.2019
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783832184629
    Verlag: DuMont Buchverlag
    Größe: 866 kBytes
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10% gelassener

Arun Gandhi

Lerne die Einsamkeit schätzen

Wo immer Bapuji auftauchte, wurde er von jubelnden und kreischenden Massen umringt. Ich hatte keine wirkliche Vorstellung davon, wie überwältigend das sein kann, bis ich mit ihm im Nachtzug nach Bombay fuhr. Ich war ganz außer mir, dass ich mich zu seiner kleinen Gefolgschaft zählen durfte, und allein schon weil ich dabei sein durfte, fühlte ich mich als etwas ganz Besonderes. Bapuji bestand darauf, in der dritten Klasse zu reisen, doch die Bahngesellschaft hatte extra für uns einen zusätzlichen Wagen angehängt. Wir fuhren also zwar ungepolstert und ohne jeden Komfort wie die Mehrzahl der Reisenden, aber dennoch mit dem Privileg eines eigenen Waggons.

Als wir in den ersten Bahnhof einfuhren, schaute ich aus dem Fenster und sah Hunderte Menschen, die sich auf dem Bahnsteig drängten, seinen Namen riefen und die Hände nach ihm ausstreckten, um ihn zu berühren. Welle um Welle schlug uns der Sprechchor "Lang lebe Gandhi!" entgegen. Ich spürte den Stolz, der mich übermannte, als der Glanz seines Ruhmes auf mich abstrahlte, und spürte gleichzeitig, dass, während Bapuji bescheiden blieb, ich der Situation noch nicht gewachsen war. Unmengen von Menschen bewunderten meinen Großvater, und ich saß neben ihm auf der Bank! Die Begeisterung riss mich mit. Doch als ich zu Bapuji hinüberschaute, erkannte ich, dass die Ovationen ihn kaltließen. Er winkte, sprach mit den Leuten und hielt seinen offenen Stoffbeutel vors Zugfenster, um Geld für die Armen zu sammeln. Jeder spendete etwas. Als eine Frau sagte: "Ich kann kein Geld geben", deutete er auf ein Silberarmband, das sie trug, und sagte freundlich lächelnd: "Das hier genügt völlig." Tatsächlich ließ sie ihr Armband in den Sack fallen.

Als der Zug die Station verließ, seufzte Bapuji und widmete sich wieder seiner Arbeit. An der nächsten Station hatte sich eine noch größere Menge versammelt, und das Szenario wiederholte sich. Mittlerweile war es spät in der Nacht, doch auch an der nächsten und übernächsten und allen anderen Stationen, die wir passierten, tauchten begeisterte Massen auf. Reisende, die ein- oder auszusteigen versuchten, konnten sich nur mühsam einen Weg durch das Gedränge bahnen. Jedes Mal, wenn wir hielten, winkte Bapuji, sprach mit den Leuten und sammelte weiter Geld ein. Ich begriff schnell, dass Begeisterung zwar etwas Wundervolles sein kann, doch auch etwas Erschöpfendes. Man gönnte ihm keine Ruhe, und das galt auch für alle anderen im Zug.

Während meiner Reise mit Bapuji erlebte ich, wie sich jubelnde Mengen zusammenscharten, gleichgültig, zu welcher Tages- oder Nachtzeit er sich zeigte. Reiste er im Wagen, standen die Menschen an den Straßen, winkten und weinten und riefen seinen Namen. Die Route wurde nie im Voraus bekannt gegeben, und natürlich gab es damals auch keine sozialen Medien. Tatsächlich lebten die meisten Menschen in Dörfern ohne telefonische Verbindung, und ich kann nicht erklären, woher sie wussten, wann er vorbeikommen würde. Doch irgendeine geheimnisvolle Macht rief sie herbei. Wieder und wieder und wieder.

Bapuji schätzte die Liebe, die ihm entgegenbrandete, aus politischen Gründen. Er wusste, dass Hunderttausende, wenn nicht Millionen von Menschen bereit waren, seinen Vorschlägen zu folgen und jedes Opfer zu bringen, um das er sie bat. Doch mir wurde bald klar, dass Bewundertwerden seinen Preis hat. Außerhalb des Ashrams ließ man ihm einfach keine Ruhe, und es war ihm unmöglich, auch nur für eine Minute allein zu sein.

Sobald er in irgendeiner Stadt auftauchte, sammelten sich in den Straßen massenhaft Menschen, die seinen Namen riefen und stundenlang warteten, um einen kurzen Blick auf ihn zu erhaschen. Wenn Bapuji sich dann zeigte und zu ihnen sprach oder ihnen zuwinkte, zogen einige ab, sie wurden jedoch sofort durch neu Hinzukommende ersetzt. Bapuji ging üblicherweise um neun Uhr am Abend zu Bett und stand um drei Uhr morgens

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