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Glück ist deine Entscheidung Mein Jahr bei den Ältesten und was ich von ihnen gelernt habe von Aeschbach, Silvia (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 18.02.2019
  • Verlag: mvg Verlag
eBook (ePUB)
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Glück ist deine Entscheidung

Auf den letzten Stationen im Leben sieht man vieles klarer, deshalb sind für die Journalistin Silvia Aeschbach die Ältesten unter uns spannende Gesprächspartner auf der Suche nach Antworten auf die Frage: Was ist Glück? In inspirierenden Portraits lässt sie Menschen in hohem Alter zu Wort kommen, die davon erzählen, wie man es trotz Krankheit und erschwerter Bedingungen jeden Tag aufs Neue selbst in der Hand hat, sich für ein glückliches Leben zu entscheiden. Ihre Lebenslust und Neugier zeigen, dass Glück kein Geschenk des Schicksals ist, sondern eine Entscheidung, die man selbst trifft. Silvia Aeschbach ist Buchautorin, Journalistin, Kolumnistin, Bloggerin und Stilberaterin in Zürich. In ihren Büchern - alle standen während Wochen an der Spitze der Schweizer Sachbuch-Bestsellerliste - befasst sie sich sehr persönlich und humorvoll mit gesellschaftlichen Themen wie dem Älterwerden, unseren Ängsten, oder dem fragwürdigen Idealbild der Frauen in der heutigen Zeit.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 176
    Erscheinungsdatum: 18.02.2019
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783961212576
    Verlag: mvg Verlag
    Größe: 4297 kBytes
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Glück ist deine Entscheidung

Die Kämpferin:
Suzette, 86

"I paid my bills."

Dass ein "schwarzes Schaf" - als solches hat sich Suzette in ihrem Leben immer wieder mal gefühlt - mit zunehmendem Alter viele farbenprächtige Facetten entwickeln kann, und zwar nicht nur was das Äußere betrifft, beweist die 86-Jährige eindrücklich. Allerdings war es ein langer Weg, bis Suzette akzeptieren konnte, dass sie in vielem anders fühlt und Dinge anders wahrnimmt. "Schon früh habe ich gespürt, dass ich anders war als die Kinder in meinem Umfeld", erzählt sie mir während unseres Gesprächs an einem sonnigen Vormittag in ihrem Zuhause. Und dieses "Anderssein" habe sich wie ein roter Faden durch ihr ganzes Leben gezogen. "Aber mit zunehmendem Alter und einer gewissen Reife habe ich gespürt, dass gerade diese Besonderheit, die sich in vielen Bereichen meines Lebens zeigt, die Grundlage für mein persönliches Glück war. Und immer noch ist."

Zwischen diesem Gespräch und dem ersten Mal, als mir ihre außergewöhnliche Erscheinung in meinem Stammcafé aufgefallen war, liegen schon einige Jahre. Ein erster Hingucker waren ihre fast schulterlangen, flammend roten Haare, die einen spannenden Kontrast zu ihrem türkisfarbenen, weich fallenden Kleid boten. Über die schmalen Schultern hatte sie eine kurze orange Strickjacke gelegt, um den Hals, locker drapiert, einen roten Seidenschal. Darunter trug sie eine lange Silberkette mit einem Amulett, dazu verschiedene Armreifen.

Natürlich weckt eine solche Erscheinung Fantasien und straft gleichzeitig eigene Klischeevorstellungen. Denn tatsächlich schwankte ich damals zwischen Verwunderung und Bewunderung für ihren unkonventionellen Kleiderstil. Jedes Mal, wenn ich sie im Kaffeehaus wiedersah, zog sie mich von Neuem in Bann. Nicht nur wegen ihrer bunten Kleider, die sie geschmackvoll kombinierte, sondern vor allem wegen ihrer außergewöhnlichen Aura. Sie strahlte innere Gelassenheit und ruhiges Glück aus. Wenn sie lächelte, und dies tat sie oft, sah sie mit der kleinen Lücke zwischen den Vorderzähnen aus wie eine Mischung zwischen einer Waldfee, so wie ich sie mir als Kind vorgestellt hatte, und Rita Hayworth, dem Hollywood-Star aus den 1940er-Jahren.

"Die Rothaarige", wie ich sie heimlich nannte, war meistens in Begleitung eines netten Herrn, der augenscheinlich jünger war als sie. Neugierig fragte ich mich, in welcher Beziehung sie zueinander standen. Es waren sicher nicht Mutter und Sohn, dazu war der Altersunterschied zu gering. Aber waren sie ein Paar? Obwohl sie diese besondere Vertrautheit ausstrahlten, war ich mir unsicher. Denn eigentlich beginnen sich doch langjährige Partner mit den Jahren äußerlich eher anzunähern. Sei es bezüglich der Kleidung, der Körperhaltung oder der Gestik. Aber dieses Paar konnte äußerlich nicht unterschiedlicher sein, doch irgendwie ergänzten sie sich auch. Sie, klein und zierlich, immer bunt gekleidet und kommunikativ, immer bereit, mit anderen Gästen des Cafés einen Schwatz zu halten. Er das offensichtliche Gegenteil: Groß gewachsen mit sportlicher Statur, das blonde Haar glatt und mit einem eher unauffälligen, klassischen Kleidungsstil, strahlte er eine gewisse freundliche Zurückhaltung aus. Es war klar, dieser Mann überließ den Auftritt seiner Begleiterin, die nicht nur meine Blicke auf sich zog. Lasen sie nicht gerade Zeitung, unterhielten sie sich lebhaft. Die beiden saßen sich am Tisch übrigens nur dann gegenüber, wenn sie keinen Platz fanden, um nebeneinander zu sitzen. Und nie tauschten sie öffentlich Zärtlichkeiten aus.

Mit der Zeit begann ich, zu rätseln, wer die Unbekannte sein mochte. Natürlich hätte ich die Bedienung fragen können, die ihre Stammkunden sicher besser kannte als ich. Aber mich reizte das "Kopfkino", in welchem ich mir ausmalte, ob sie wohl eine ehemalige Balletttänzerin sei, wie mich ihre kerzengerade und grazile Haltung vermuten ließ. Eine Künstlerin, vielleicht eine Malerin, die ihre Liebe zu Farben in

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