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Nur über seine Leiche Wie ich meinen Mann verlor - und verdammt viel übers Leben lernte von Strohmaier, Brenda (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 11.02.2019
  • Verlag: Penguin Verlag
eBook (ePUB)
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Nur über seine Leiche

Ehrlich, witzig, selbstbewusst - der inspirierende Weg einer Frau, die nach einem Schicksalsschlag ihr Leben umkrempelt. Zehn Jahre lang versuchte Brenda Strohmaier, ihren Freund vom Heiraten zu überzeugen. Kaum hatte er endlich "Ja" gesagt, war sie plötzlich: Witwe. Mit 44. Fort war ihr kluger, schöner Mann, zurück blieb sie mit Trauerschmerz plus Bürokratieirrsinn. Und Fragen. Wie soll das gehen, so ein Leben und Lieben danach? Kann man mit Mitte 40 noch mal von vorne anfangen? Sie beschließt, der erzwungenen Rückkehr ins Single-Dasein ein paar neue Erkenntnisse abzutrotzen. Reist ein paar Monate durch die Welt, konsultiert Nachlassexperten, Meditationslehrer, Friseure, küsst eine Frau. Fazit ihrer irrwitzigen Odyssee: Bedingt lustig, dieses 'verwitwet'. Aber verdammt lehrreich. Brenda Strohmaier, geboren 1971, lebt seit 1990 in Berlin. Als Stilredakteurin bei der WELT kümmert sie sich um Trends aller Art, auch in einer Kolumne namens "Neue Moden". Nebenher promovierte sie in Stadtsoziologie. Von 2005 an war sie mit dem Filmkritiker Volker Gunske liiert, seit 2015 verheiratet, 2016 wurde sie Witwe. Seither versucht sie, dem Familienstand neuen Glamour zu verleihen.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 336
    Erscheinungsdatum: 11.02.2019
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783641224646
    Verlag: Penguin Verlag
    Serie: Penguin Taschenbuch 10300
    Größe: 2092 kBytes
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Nur über seine Leiche

Lektion 1:

Learning by dying

Wie ich einen Crashkurs im Loslassen absolvierte. Und merkte, dass ein guter Abschied zu Lebzeiten beginnt

Mit so viel grotesker Fröhlichkeit hatte ich nicht gerechnet. Als ich an Volkers Sterbebett eilte, dudelte in seinem Zimmer das Radio, aufgekratztes Morgengeplapper. Gerade als ich es abschalten wollte, schmetterte Adele ihr theatralisches "Hello". Ausgerechnet. Eine Zeit lang hatten Volker und ich, beide sehr mäßige Sänger, uns gerne lauthals mit dem Liedanfang am Telefon begrüßt. "Hellooooo! It's meeee!" Dabei war ich doch jetzt gekommen, um Tschüss zu sagen. Für immer.

Wie sollte das gehen, nie wieder Pärchenquatsch machen mit ihm? Wie bitte nimmt man Abschied auf alle Ewigkeit? Verrückt. Überall sterben ständig Leute. Im Krimi, in Syrien, der letzte Urberliner in unserem Haus in Berlin-Mitte. Und doch hatte ich keine Ahnung. Noch nie hatte ich einen Menschen beim Sterben begleitet. Warum musste es unbedingt ein Crashkurs am eigenen Mann sein? Learning by dying.

Also ein letztes Mal: Helllooooo! Ich bin's. Schon seit zwei Wochen hatte Volker nichts mehr gesagt; so lange schon lag er künstlich beatmet und sediert auf der Intensivstation. Nun machte sich eine Krankenschwester an den unzähligen Perfusor-Spritzen zu schaffen, die bislang unablässig lebensrettende Lösungen in seinen Körper getröpfelt hatten. Der Oberarzt hatte mich vorher zur Seite genommen und erklärt, wie sie Volker sterben lassen würden: "Wir setzen gleich die Medikamente ab, die den Kreislauf Ihres Mannes stützen." Nun stöpselte die Schwester eine Ladung Morphium an. Schließlich ließ sie all die Alarme verstummen, die sich vorher so oft gemeldet hatten, wenn die Situation lebensbedrohlich wurde. Plötzlich: Stille.

Noch einmal der Mann im Bett, ich daneben. Wie viele Tage hatten wir so in einem Krankenhaus verbracht? Mindestens zweihundert in den vergangenen acht Jahren. Eine Krankheit namens "primär sklerosierende Cholangitis", kurz PSC , hatte sich über Volkers Gallengänge hergemacht. Sie waren derart verhärtet (sklerosiert), dass die Galle sich rückstaute und die Leber zerstörte. Erst seine eigene, nach einer Transplantation war Leber Nummer zwei dran. Als Volker mal wieder wochenlang im Krankenhaus lag, erzählte mir eine Bekannte, sie habe auf einer Dinnerparty einen Arzt kennengelernt: "Der hat von einem seiner Patienten berichtet, ein besonders tragischer Fall. Die Krankheit klang so ähnlich wie Volkers." Es war natürlich einer von seinen Ärzten aus dem Virchow-Klinikum gewesen.

Wir sprachen fast nie über den Tod. Die "Death-Positive-Bewegung" (siehe Lektion 11), die einen offensiven Umgang mit dem Sterben propagiert, war an uns vorbeigegangen. Nur einmal brach Volker sein Schweigen und erzählte, dass er den Tod ab und zu herumsitzen sehe. Einen Mann, so alt wie er, also Mitte fünfzig, nicht böse, aber beharrlich. Auch ich spürte ihn. Längst hatte dieser stumme Beobachter jede Umarmung zu einer Kostbarkeit gemacht. Und doch war ich nicht vorbereitet.

Durch eine Glaswand sah ich den Patienten im Nachbarzimmer. Ein Mann mit langen schwarzen Haaren. Winnetou, dachte ich. Was man nicht alles denkt. Diese Stille. Ob Volker mich hörte? Lebte noch irgendetwas in seinem Hirn? "Du musst nichts mehr tun", sagte ich und klang dabei wie unsere Yogalehrerin vor der Endentspannung Shavasana, der Stellung der Toten. "Du musst nichts mehr tun" war Volkers Yoga-Lieblingssatz. Also noch einmal: "Du musst nichts mehr tun." Was man nicht alles sagt. "Ich hoffe, du hast einen schönen Rausch. Weißt du noch, als du nach der Transplantation aufgewacht bist, vollgeknallt mit Opiaten? Und die ganze Technik der Intensivstation so bewundert hast? Du sagtest: 'Toll hier, das ist ja wie eine Techno-Party.' Und: 'Wie schön, dass du da bist.'"

Der Monitor zeigte einen absurd niedrigen Blutdruck und einen hohen Puls. Ich machte ein Foto, so wenig konnte ich

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