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Slow Medicine - Medizin mit Seele Die verlorene Kunst des Heilens von Sweet, Victoria (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 03.01.2019
  • Verlag: Verlag Herder GmbH
eBook (ePUB)

20,99 €

19,99 €
inkl. gesetzl. MwSt.
Ab 03.01.2019 per Download lieferbar

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Slow Medicine - Medizin mit Seele

In ihrer Karriere als Ärztin hat Victoria Sweet vieles erlebt. Die bedrohlichste Entwicklung sieht sie darin, dass Ökonomen und Politiker das 'Gesundheitssystem' auf Effizienz trimmen - und auf der Strecke bleiben die Patienten. Gute Medizin ist mehr als technologischer Fortschritt und hochkomplexe Maschinen. Sie benötigt Zeit - Zeit, in der der Körper seine Selbstheilungskräfte aktivieren kann. Victoria Sweet berichtet von unvergesslichen Erfahrungen mit Patienten, Ärzten und Krankenpflegern, dank derer sie das Konzept der 'Slow Medicine' entdeckte. Sie zeigt auf, dass die Medizin Handwerk, Kunst und Wissenschaft in einem ist. Sie ist zugewandt, persönlich, offen für Spirituelles. Ein guter Arzt zu sein verlangt Erfahrung, die durch keinen Algorithmus ersetzt werden kann. Slow Medicine führt 'schnelle' und 'langsame' Medizin zu einem wahrhaft effektiven, effizienten, nachhaltigen und menschlichen Weg der Heilung zusammen. Victoria Sweets Plädoyer für eine menschennahe Medizin hat auch für unser Gesundheitssystem eine hohe Brisanz, in dem das Konzept der 'Slow Medicine' noch weitgehend unbeachtet ist. Das 'Healthcare-Barometer 2018' zeigt, dass hierzulande Patienten ihren Arzt kritisch betrachten: Sie bemängeln nicht die Kompetenz des Mediziners, sondern dessen Zeitbudget: 45 Prozent sind der Meinung, dass ihr Arzt sich zu wenig Zeit für sie nimmt. 'Ich war nicht die Erste und auch nicht die Einzige, der dieses Konzept in den Sinn kam. Überall auf der Welt haben Menschen unabhängig voneinander die Slow Medicine entdeckt. Sie liegt in der Luft und ist ein wichtiges Zukunftsmodell, mit dem wir uns alle befassen sollten.[...] Bei dieser Art von Heilung findet ein Geben und Nehmen zwischen Körper und Pflegendem, zwischen Patient und Arzt statt - eine Wechselwirkung zwischen jedem Organ, jeder Zelle und jedem Prozess. Nur langsam entwickelte ich ein Gespür dafür.' (Victoria Sweet)

Victoria Sweet arbeitete zwanzig Jahre lang als Ärztin im San Francisco's Laguna Honda Hospital und schrieb darüber den Bestseller 'God's Hotel: A Doctor, a Hospital, and a Pilgrimage to the Heart of Medicine'. Heute lehrt sie als Associate Clinical Professor of Medicine an der University of California, San Francisco. Sweet ist zudem promovierte Medizinhistorikerin (sie forschte über Hildegard von Bingen) und war Trägerin des Guggenheim Fellowship.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 384
    Erscheinungsdatum: 03.01.2019
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783451814891
    Verlag: Verlag Herder GmbH
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Slow Medicine - Medizin mit Seele

Prolog

Medizin ohne Seele

I ch wusste nicht, wie schlimm es war, bis mein Vater ins Krankenhaus kam.

Es begann an einem Freitagnachmittag in der Woche vor Thanksgiving - nicht gerade der beste Zeitpunkt, um krank zu werden. Auch Kliniken und Ärzte haben einen gewissen Wochenrhythmus, und freitagnachmittags wollen wir rasch noch alles erledigen, was nicht bis Montag warten kann. Mein Vater hatte gemeinsam mit meiner Mutter in einem Restaurant zu Mittag gegessen und sich anschließend hingelegt. Dann sah sie, wie er einen Anfall bekam.

Das war nichts Neues. In den vergangenen Jahren hatte er mehrere Grand-mal-Anfälle gehabt und musste entsprechende Medikamente einnehmen, was er manchmal vergaß. Und obwohl meine Mutter bereits mehrere Anfälle bei ihm erlebt hatte, war sie erschrocken. Krampfanfälle wirken beängstigend, hinterlassen aber meist keine Schäden. 1

Sie wählte den Notruf, und die Sanitäter brachten meinen Vater in das hübsche, nur fünf Blocks entfernte Gemeindekrankenhaus, wo er untersucht und stationär aufgenommen wurde.

Das überraschte mich. In dem öffentlichen Krankenhaus in San Francisco, wo ich als Ärztin arbeite, wäre er wegen eines einfachen, wiederholten Grand-mal-Anfalls nicht stationär behandelt worden. Wir hätten seine Laborwerte kontrolliert und ein CT gemacht, ihn über Nacht zur Beobachtung in der Notaufnahme behalten, seine Medikamentendosis angepasst und ihn am nächsten Morgen nach Hause geschickt. Doch in dem kleinen Gemeindekrankenhaus ließen die Ärzte sich Zeit. Sie würden seine Medikation richtig einstellen und meine betagte Mutter schlafen lassen. Wie human.

Ich beruhigte meine Familie. Am nächsten Nachmittag, wenn er sich von den Folgen des Anfalls erholt haben würde und nach Hause gehen könnte, wollte ich vorbeischauen. Wahrscheinlich würde es ihm dann besser gehen als vorher. So schrecklich sie auch mit anzusehen sind - Grand-mal-Anfälle machen einen klaren Kopf. Mit der Elektrokrampftherapie, bei der Stromstöße durch das Gehirn gejagt werden, wird dieselbe Wirkung erzielt. Bei einem Grand-mal-Anfall werden alle Programme schlagartig heruntergefahren, und dann, ähnlich wie beim Neustart eines Computers, kommen die Funktionen eine nach der anderen zurück. Zuerst öffnet der Patient die Augen, dann bewegt sich sein Körper, dann lächelt er. Er findet die Sprache wieder, und dann das Gedächtnis. In gewisser Weise sind Grand-mal-Anfälle gut, denn alles wird neu geordnet und gespeichert. Hinterher ist alles klarer, rascher. Die Verbindungen stehen wieder.

Doch als ich das Einzelzimmer meines Vaters mit dem Blick auf die Berge und dem schönen natürlichen Licht betrat, war ich schockiert. Man hatte ihn an Hand- und Fußgelenken ans Bett fixiert, er war nicht ansprechbar, und am Bett hing ein Beutel mit blutigem Urin. Meine Mutter saß neben ihm, verängstigt und bleich.

Sie waren seit 68 Jahren zusammen, eine Art Romeo-und-Julia-Beziehung, wenn Sie sich vorstellen können, wie reizbar Romeo nach den ersten zwanzig Ehejahren geworden wäre, und wie herrisch, wie gestresst Julia auf alles im Leben reagiert hätte, was Romeo auf die Palme brachte, einschließlich sie selbst. Meine Mutter war immer noch schön, und auch mein Vater nach wie vor ein gutaussehender Mann. Weißes Haar, blaugraue Augen, die mal aufmerksam und skeptisch, mal schelmisch dreinschauten. Er achtete penibel auf sein Äußeres - Hemd, Krawatte und Jackett - und auf seine Umgangsformen: Noch immer hielt er Frauen die Tür auf, und wenn man mit ihm spazieren ging, lief er stets auf der Straßenseite des Gehwegs. Er war immer taff gewesen, hatte sich nie beklagt. Bis zu diesem Nachmittag hatte ich ihn niemals hilflos, ängstlich oder eingeschüchtert erlebt.

Ich verließ das Zimmer, um seinen Arzt beziehungsweise den diensthabenden Arzt zu suchen, der während dieser Schicht für ihn zuständig

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