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Gebrauchsanweisung für Tibet von Franz, Uli (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 20.05.2015
  • Verlag: Piper Verlag
eBook (ePUB)
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Gebrauchsanweisung für Tibet

Kennen Sie Tenzin Gyatso? Nein? Er ist der XIV. Dalai Lama, der prominenteste Tibeter und ebenso ein Mythos wie seine Heimat, von der man sagt, sie sei dem Staub der Erde entrückt und dem Himmel nahe. So wie der Buddhismus viel mehr verkörpert als nur eine Religion, so dient Tibet, das 'Land des Schneelöwen', traditionell als Zufluchtsort für Reisende aus dem Westen. Zwischen der unnachgiebigen Großmacht China im Norden und dem kleinen Königreich Nepal im Süden liegt auf rund 4000 Metern, wo die höchste Zugstrecke der Welt verläuft und die Luft spürbar dünn wird, dieses Land der Ebenen bis zum Horizont und ewig weißer Himalajagipfel, versteckter Mönchsklöster und erhabener Kultur - mit Yakfleisch und fettigem Buttertee nicht unbedingt Ziel für Feinschmecker, aber für Naturfreunde, Bergsteiger und spirituelle Sinnsucher von überallher. Uli Franz, geboren 1949, lebt als Schriftsteller in München und auf der kroatischen Insel Bra?. Das Dach der Welt betrat er erstmals vor über einem Jahrzehnt von Nepal, aber auch von China aus, wo er in Peking drei Jahre als Korrespondent und Lektor tätig war. Zuletzt erschienen der historische Roman 'Im Schatten des Himmels' und der Bildband 'Chinas Heilige Berge'.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 208
    Erscheinungsdatum: 20.05.2015
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783492971997
    Verlag: Piper Verlag
    Größe: 3285 kBytes
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Gebrauchsanweisung für Tibet

Der Erde entrückt, den Tränen nahe

Zwischen zwei Welten liegt Tibet. Zwischen dem kleinen Nepal im Süden, wo die Bougainvillea violett blüht und tibetische Lamas täglich ihre Andacht zelebrieren. Zwischen ihrem Exil und dem gigantischen China im Norden, wo die Menschenfülle lärmend wächst und die Modernität aus allen Fenstern schaut, liegt Tibet. Eingezwängt zu sagen wäre falsch, denn Tibet ist ein unendlich weiter Raum, das Dach dieser beiden Welten.

Nepal ist in vielem sanfter noch als Indien. Kathmandu, die Stadt, die im Mief der Zweitakter erstickt, hat trotz allem - trotz Müll, Fäkaliendünsten und Essensgerüchen - etwas Heimeliges. Auch die schmutzstarrenden Straßenkids und die heiligen Kühe, die es sich auf dem warmen Asphalt bequem gemacht haben, wirken gemütlich. Die sanften Menschen an den Südhängen des Himalaja unterscheiden sich erheblich von dem Menschenschlag jenseits der Berge. Die Nepali haben viel weichere Gesichter als die Tibeter, und sie sind zierlicher gebaut. Zwischen ihnen und ihren Nachbarn gibt es keine überbordende Freundschaft. Wer in Kathmandu landet, bringt noch die Romantisierung Tibets mit und findet sie bestätigt, wenn er die Mantra-Gesänge der Lamas hört und die gläubigen Tibeter mit ihren Gebetsmühlen sieht. Immerhin leben 50 000 Tibeter in Kathmandu, dem südlichen Tor zu Tibet.

Noch bevor Tibet im Westen mit Namen bekannt war, kursierten Gerüchte über sagenhafte Riesenameisen und furchterregende Wesen im Himalaja. Diese mythischen Geschichten verdankte das Altertum dem griechischen Geschichtsschreiber Herodot und Claudius Ptolemäus, dem alexandrinischen Astronomen und Mathematiker. In der Neuzeit wird Tibet kaum weniger romantisiert, denn das Schneeland ist - mit oder ohne Yeti - von einem Mythos umwoben. Im hohen Tibet gibt es noch einen Horizont, eine Orientierungslinie, die dem Menschen des 21. Jahrhunderts verlorenzugehen droht. Auch die chinesische Besetzung hat die Welt nicht ernüchtert, sondern den Tibet-Mythos weiter geschürt; Tibet ist heute nicht nur ein geheimnisvolles, sondern auch ein geschundenes Land. Die Tibetverklärung fand im Jahr 1933 neue Nahrung, als James Hilton in seinem Buch Lost Horizon Tibet einen sagenhaften Namen gab: Shangri-La. Der Brite schwärmte in einem fort, weil er von jenem Land tausendmal gehört, es aber nie gesehen hatte. Wie ist nun Tibet?

Tibet ist schweigsam, ohne Menschengeschrei, ohne Geplapper, ohne den Lärm der Städte. Wenn es in Lhasa laut zugeht, dann ist es der Lärm der Chinesen. Tibets Kälte ist eine klare Kälte, eine der Höhe und des Schnees. Tibets Wärme ist eine innere Wärme, die der körperlich Strapazierte als ein tiefes seelisches Glücksgefühl empfindet. Tibet scheint nackt, eine Welt ohne Wiesen, ohne Bäume zu sein. Aber tatsächlich trägt Tibet ein Schmuckkleid aus Stein einer ewigen Zeit.

Wer Tibet bereist hat, der definiert sich neu, der rückt sein Denken und Fühlen neu zurecht. So kann er nach seiner Rückkehr den Bauch besser vom Kopf trennen, das heißt, er kann beide zu einer neuen Einheit fügen. Ein Tibetreisender fühlt sich wie ein Astronaut, der sich anschickt, einen unwirtlichen Planeten zu betreten. Der Blick aus dem Bullauge eines Jets hoch über den Wüsten Pakistans erinnert an das Durchqueren der tibetischen Weiten. Im Flug zerteilt der Jet das Himmelsblau und läßt Wolkenflöckchen unter sich. Im Flug ist die Erdkrümmung deutlich wahrzunehmen. Wer das weite tibetische Hochland durchquert, dem scheint es, als durchpflüge er Himmelsblau und dahinziehende Wolken. Und nach stundenlanger Fahrt über Schotterpisten erliegt der Reisende der Illusion, am Ende des leeren, weiten Raumes gar die Erdkrümmung zu erblicken. Die Kargheit sorgt dafür, daß sich Wahrnehmung und Imagination vermischen. Das Durchqueren dieser Naturkulisse prägt nachhaltiger als jede menschliche Begegnung.

Tibet ist kein fashionables Reiseland.

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