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Reportage Japan. Außer Kontrolle und in Bewegung Außer Kontrolle und in Bewegung von Brandner, Judith (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 05.03.2012
  • Verlag: Picus
eBook (ePUB)
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Reportage Japan. Außer Kontrolle und in Bewegung

Am 11. März 2011 kam es in der Nähe der Millionenstadt Sendai im Nordosten Japans zum bislang schwersten Erdbeben in der Geschichte des Landes, kurz danach verwüstete ein Tsunami zahlreiche Ortschaften und löste in Folge einen Super-GAU im AKW Fukushima aus. Insgesamt gab es rund zwanzigtausend Tote und Vermisste. Zigtausende werden die nächsten Monate und Jahre in provisorischen Unterkünften verbringen müssen, bis ihre Städte wieder aufgebaut sind. Wird 3.11 die japanische Gesellschaft langfristig verändern? Dieser Frage geht die langjährige Japankennerin Judith Brandner auf ihrer Spurensuche nach. Sie trifft auf alte Herren, die als Anti-AKW-Aktivisten so lange im Regierungsviertel kampieren wollen, bis Japan aus der Atomtechnologie ausgestiegen ist, unternimmt den mühsamen Versuch, die Bewohner eines aus der Sperrzone evakuierten Dorfes zu treffen und lernt eine junge Journalistin kennen, die mit ihren Recherchen die offiziellen Informationen Lügen straft. Sie begleitet engagierte Freiwillige, die sich um alleingelassene alte Menschen kümmern und besucht einen Tempel im hohen Norden, dessen Priester sich um den Seelenzustand der Kinder sorgt. Und sie diskutiert mit ihren Studierenden in Nagoya, für die das Geschehene weit weg zu sein scheint, die Auswirkungen von 3.11. Judith Brandner, 1963 in Salzburg geboren, studierte Englisch, Japanisch und Japanologie in Wien. Freie Radiomacherin und Moderatorin hauptsächlich für Ö1, Reportagen und Features für den Schweizer Rundfunk DRS2 sowie öffentlich-rechtliche Sender in Deutschland. 1987 verbrachte sie erstmals längere Zeit in Japan. 1995 war sie als ORF-Korrespondentin in Japan tätig. 2009 und 2011 hatte sie eine Gastprofessur an der Städtischen Universität Nagoya inne. 2011 erschien im Picus Verlag ihre erste Reportage Japan.www.judithbrandner.at

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 132
    Erscheinungsdatum: 05.03.2012
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783711750976
    Verlag: Picus
    Größe: 6376 kBytes
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Reportage Japan. Außer Kontrolle und in Bewegung

Trommeln und Hoffen

"Wir geben nicht auf!" Die Botschaft der Menschen aus Rikuzentakata

Als die ersten Trommelschläge erklingen, beginnt die junge Frau neben mir zu weinen. Lautlos. Ich sehe aus den Augenwinkeln, wie sie nach einem Taschentuch kramt und sich unaufhörlich die Augen wischt. Es ist Mao. Sie ist siebenundzwanzig und wird in Kürze ihr zweites Kind zur Welt bringen. Es wird wieder ein Bub werden, wie sie mir später verraten wird.

Und nun sitzt sie da, im traurig-leeren Stadion von Nagoya, einem Veranstaltungsort, an dem sonst Baseballspiele oder Popkonzerte stattfinden. Und hört den Taiko-Trommlern zu.

Zum ersten Mal seit rund fünfundzwanzig Jahren muss das landesweite Trommlerfest von Rikuzentakata in der Präfektur Iwate im Norden Japans andernorts stattfinden. Denn den Fischerort an der japanischen Pazifikküste gibt es nicht mehr. Die Flutwelle nach dem Erdbeben erreichte dort vierzehn Meter. Mehr als zweitausend Menschen, etwa zehn Prozent der Bevölkerung, kamen um. Eine einsame Kiefer am Strand hat dem Tsunami getrotzt; vielfach abgebildet auf Fotos oder T-Shirts ist sie zum Symbol für Rikuzentakata geworden, zum Symbol der Hoffnung, auch, mit dem Zusatz: Wir geben nicht auf.

Mao hat zum Stelldichein der Trommler, bei dem wir uns kennenlernen, ein Fotoalbum mitgebracht: ihre Mutter in jungen Jahren, ihre Großmutter, Hochzeitsbilder, sie selbst im Kreise ihrer Familie und Freunde in Rikuzentakata. Das Album hatte sie am 11. März 2011 bei sich, in ihrer heutigen Wohnung in der Nähe von Nagoya. Zum Glück, sagt sie, denn alles andere ist weg.

Ihre Eltern hat Mao zuletzt zum japanischen Totenfest O-Bon gesehen, Mitte August. O-Bon hatte in diesem Jahr 2011 eine besondere Bedeutung erhalten. Es galt, die Seelen von so vielen Toten zu trösten. Auch Mao hat Freunde und Verwandte verloren. Ihr Blick geht ein wenig ins Leere, als sie das erzählt. Ihre Eltern konnten sich retten und leben in einer provisorischen Unterkunft.

Mao hat selbst einige Jahre lang als Flötistin bei der Taiko-Truppe mitgespielt. Das war, als sie die Oberschule in Rikuzentakata besuchte. Sie kennt alle, die heute hier auf der Bühne stehen. Die Truppe ist wie eine große Familie; der Jüngste, der dabei ist, schaut gerade mal über seine Trommel hinaus. Er muss seine Ärmchen sehr hoch heben, um mit den Schlegeln auf die Trommel zu treffen.

Mao hat eine Zeitschrift mitgebracht. Bilder aus Rikuzentakata. Luftaufnahmen der Zerstörung, herausgegeben vom Zeitungsverlag Tokai Shimbunsha aus der nahe gelegenen und ebenfalls schwer betroffenen Stadt Ofunato. Am Titelbild die einsame Kiefer. Mao zeigt auf eine Stelle in der Schuttwüste: An dieser Stelle ist mein Elternhaus gestanden.

Es sind die Lieder aus der Heimat, die sie heute ins Herz treffen.

Nach der Aufführung stürmt sie sofort hinter die Bühne, um mit "ihren" Trommlern zu reden. Das Wiedersehen ist ein großes Hallo.

"Ich bin so glücklich über dieses Konzert heute", sagt sie später zu mir, "es hat allen Mut gegeben!"

Es ist Oktober 2011, sieben Monate nach 3.11, und alle warten darauf, dass sich etwas bewegt. Dass ihre Stadt wieder aufgebaut wird. Doch auch hier gibt es keinen Masterplan. Es ist eine Grundsatzentscheidung, die gefällt werden muss: Wird wieder in Meeresnähe gebaut, oder doch lieber weiter oben, in den Bergen?

Die Bevölkerung sei in die Entscheidungsfindung eingebunden, erzählt ein Mann aus Rikuzentakata, Otomo Shigetaka, Direktor eines kleinen, lokalen Fernsehsenders. Es sei ein lebhafter Diskussionsprozess im Gang, aber es dauere alles sehr lange.

"Meine Eltern hatten zum Glück eine Erdbebenversicherung, das hat ja kaum jemand, wei

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