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Ein Jahr in Finnland Reise in den Alltag von Schreck, Jasmina (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 22.10.2015
  • Verlag: Verlag Herder GmbH
eBook (ePUB)
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Ein Jahr in Finnland

Ob beim Hevy-Metal-Karaoke oder während heimtückischer Giftgasanschläge, ausgelöst durch Birkenpollen - Finnland ist irgendwie anders. Ganz anders. Ganz, ganz anders. Und Jasmina Schreck befindet sich mittendrin. Erlebt merkwürdige Feste, merkwürdige Menschen, eine merkwürdige Sprache und verliebt sich in dieses merkwürdige Land.

Jasmina Schreck, geb. 1983, studierte u.a. Germanistik und Nordistik. Um endlich wieder Platz zu haben, zog sie 2006 aus der Enge des Rheinlands nach Finnland. Sie arbeitete als Journalistin bei '65 Degrees North', bebaut mittlerweile ein Gemüsebeet und produziert ihren eigenen Wein.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 192
    Erscheinungsdatum: 22.10.2015
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783451806407
    Verlag: Verlag Herder GmbH
    Größe: 4471 kBytes
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Ein Jahr in Finnland

Prolog

Von einer nordfinnischen Beerdigung und einem Neuanfang

"Mach wie du meinst, aber du weißt ja, wie es dir in Kuopio gefallen hat." Daran erinnerte ich mich noch. An die vier Wochen Sommer-Sprachkurs, an die Mückenhölle von Muruvesi, an den steinharten kalakukko , den wir als Kursteilnehmer backen mussten, und an meinen Wunsch, das ganze Leid abzukürzen und wieder nach Hause zu fahren. Wohlgefühlt hatte ich mich nicht in Kuopio. Und jetzt wollte ich ein ganzes Jahr nach Oulu. Meine Mutter sah wohl schon die nächste Katastrophe auf mich zukommen. Dabei war ich mir diesmal sicher. Todsicher sozusagen. Meine erste Begegnung mit der nordfinnischen Stadt einige Wochen zuvor war zugegebenermaßen kurz, aber dafür umso bemerkenswerter.

Alles begann mit einer Beerdigung. Zahlreiche Menschen, viele davon in dunklen Anzügen, waren an diesem Samstag im Oktober erschienen, um Abschied zu nehmen. Als das schwermütige Stück Adagio, getragen von Orgel und Geige, erklang und der Sarg von vier schwarzgekleideten Männern hereingetragen wurde, wurde es hingegen nicht totenstill unter den Angehörigen. Tobender Applaus brandete auf, die Leute schrien und klatschten laut in die Hände, bis die Sargträger sich in alle vier Richtungen verstreut hatten. Dort standen sie einen Moment, bis plötzlich einer von ihnen in der hintersten Ecke des Raumes auf ein bereitgestelltes Schlagzeug einschlug. Es folgte das ohrenbetäubende Schrammeln von Gitarren, dröhnender Lärm, der sowohl die Krachmacher als auch die versammelte Menge wild ihre Köpfe mit den langen Haaren schütteln ließ. Dass diese Szene in einer ehemaligen Fleischfabrik und nicht in einer Kapelle stattfand, trug vermutlich nur unwesentlich zu ihrem besseren Verständnis bei.

Zum Zeitpunkt des ungewöhnlichen Begräbnisses, im Herbst 2005, studierte ich Fennistik in Köln, war schon seit langem irgendwie verzaubert von Finnland und bereiste das Land mit steigender Frequenz. Zu allem Überfluss gefiel mir die Musik von Sentenced. Die Art, mit der die MetalBand seit sechzehn Jahren in ironischer, makabrer, ja eigentlich auch recht humorvoller Weise über Selbstmord sang, war einzigartig. Sentenced hatten die Negativität vollendet. Nun zog das Ensemble aus Muhos, dreißig Kilometer südöstlich von Oulu, den Schlussstrich und trug sich endgültig selbst lebendig zu Grabe. Eigentlich hatte ich gar nicht vorgehabt, die 2000 Kilometer weite Reise zu dieser Beerdigung der besonderen Art auf mich zu nehmen. Zu weit und zu teuer, mit diesen Argumenten war das Thema erst einmal vom Tisch. Ende August, ich war mal wieder in Helsinki, piepte mein Handy. "Habe mit Dani einen Flug zum letzten Konzert gebucht. Hoffentlich kriegen wir Karten. Dachte mir in Wacken schon, das kann's nicht gewesen sein. Gruß Gravi." Gravi, eigentlich Grave Sista, und Dani, die ich im Homegrave, dem Sentenced-Internetforum, kennengelernt hatte, würden also doch hinfahren. Das letzte Konzert der Band in Deutschland hatten wir zusammen auf dem Wacken-Festival gesehen. Nun würde vor dem Ende nur noch eine Finnland-Tour folgen. Mein Gehirn ratterte beim Lesen der SMS. Oulu, das war weiter als Helsinki. So weit im Norden, wie ich noch nie im Leben gewesen war. Das ging doch nicht. Wo lag dieses Oulu überhaupt? Die Flüge waren bestimmt teuer. Und alles nur wegen des Konzerts. Und überhaupt.

Als sich das Flugzeug dem Ouluer Flughafen näherte, die scheinbar unendlichen Wälder näher und näher kamen, war ich mir immer noch nicht sicher, ob meine Entscheidung die richtige gewesen war. Drei Wochen zuvor hatte ich entgegen allem gesunden Menschenverstand einen Flug bei Finnair erstanden. Düsseldorf-Helsinki-Oulu, Oulu-Helsinki-Düsseldorf. Anderthalb Tage würde ich in Finnland sein. Einquartiert hatte ich mich bei einer Kommilitonin aus Köln, die gerade ein Austauschsemester in Oulu machte. Mit leicht spottendem Unterton hatte sie mir geschrieben: "Wenn du in Oulu ankommst, wunder dich nicht.

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