text.skipToContent text.skipToNavigation
background-image

Ein Jahr in Frankreich von Kaspar, Birgit (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 18.08.2017
  • Verlag: Verlag Herder GmbH
eBook (ePUB)
11,99 €
inkl. gesetzl. MwSt.
Sofort per Download lieferbar

Online verfügbar

Ein Jahr in Frankreich

Von Frankreich lernen, heißt leben lernen. Das versteht auch Birgit Kaspar schnell. Als sie hier ankommt, wird sie zunächst mit der Bedeutung der Mittagspause konfrontiert und dann mit der Frage, wie man ein Dach repariert. Dabei bleibt es nicht: Sie findet den Schlüssel zur verlorenen Zeit, sammelt Weisheiten über das Heizen mit Holzöfen, erkundet die Hauptstadt des Parfums ebenso wie die Arroganz der Pariser und das tiefe Misstrauen der Provinz. Auf dem Montblanc beobachtet sie die Gletscherschmelze, und auf Korsika erfährt sie Neues über Autonomie und Unabhängigkeit. Birgit Kaspar, geb. 1963, lebt als freie Journalistin in Südwestfrankreich. Sie ist Mitglied des weltweiten Netzwerkes der 'weltreporter'. Zuvor war sie ARD-Nahostkorrespondentin für den Hörfunk und Redakteurin/Reporterin beim Westdeutschen Rundfunk.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 192
    Erscheinungsdatum: 18.08.2017
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783451812026
    Verlag: Verlag Herder GmbH
    Größe: 3839 kBytes
Weiterlesen weniger lesen

Ein Jahr in Frankreich

August

QUIETSCHEND BEGRÜSSEN DIE DUNKELGRÜNEN Holzläden den Tag. Rosmarin- und Lavendelduft kitzeln mir in der Nase. Einige Bienen summen direkt unter meinem Fenstersims von einer zart-lila Blüte zur nächsten. Sie sind schon sprichwörtlich fleißig. Gut so. Ich richte die koppheister hängenden, metallenen Haltemännchen auf und befestige die Läden an der 200 Jahre alten Steinmauer. Tautropfen glitzern auf den Spinnweben in Oleander- und Hibiskusbüschen. Äußerst dekorativ. Überboten werden sie allerdings von den Gipfeln der französischen Pyrenäen. Als ich den Kopf hebe, weiden sich meine Augen an grünen Hügeln und den schroffen Konturen von Cagire, Pic du Midi und Mont Valier im Hintergrund. Majestätisch liegen sie da. Gibt es einen Ort auf der Welt, an dem ich lieber erwachen würde? Nein. Die Welt ist im Lot. Jedenfalls von meinem Schlafzimmerfenster aus betrachtet.

Ich atme tief durch, recke mich. "Guten Morgen, Belloc." Durchs Wohnzimmer gehe ich direkt in den Garten, um in den ersten Sonnenstrahlen zu baden. Die Kühe auf der Weide gegenüber glotzen neugierig. Sonst ist niemand zu sehen. Der 35-Seelen-Weiler Belloc hat genau eine namenlose Straße, und die führt auf der anderen Seite unseres Hauses vorbei. Hausnummern gibt es nicht. Warum auch ... Die Briefträgerin kennt jeden persönlich.

Sie ist eine der wenigen, die diese route départementale, unsere Verbindung mit der Außenwelt, jeden Tag passieren. Hin und wieder kommt auch mal ein alter Traktor vorbei. Oder - zumindest in den Ferienmonaten - der ein oder andere Wohnwagen. Touristen gucken dann häufig neugierig durchs Küchenfenster auf unseren Herd. Sie erinnern mich daran, dass ich jetzt an einem Ort lebe, der für andere ein attraktives Urlaubsziel ist. Für die Touristen gehöre ich also nur zum Dekor. Was ist Leben? Was Urlaub? Wenn mich meine Freunde in Deutschland fragen: "Wohin fahrt ihr denn diesen Sommer in Urlaub?", schüttele ich gewöhnlich den Kopf und lache. "Darüber habe ich mir noch keine Gedanken gemacht. Aber vermutlich nicht besonders weit weg." Wir haben die Pyrenäen vor der Nase, Atlantikküste und Mittelmeer in greifbarer Nähe. Sowie Toulouse. Für mich eine der schönsten Städte Frankreichs. La ville rose. Nur falls mich mal nach Stadtluft gelüstet. Was nicht allzu häufig der Fall ist.

Ein paar Eidechsen haben schon Logenplätze auf der Gartenmauer eingenommen. Genießerisch recken sie ihre Köpfe gen Himmel. Ich pflücke ein paar Erdbeeren und Feigen zum Frühstück, dann springe ich rasch unter die Dusche. Heute ist ein besonderer Tag: Der Vierzig-Fuß-Container mit unseren Möbeln soll endlich angeliefert werden. Ein bisschen Sorgen mache ich mir schon. Denn der Transporter muss eine sehr schmale, alte Brücke passieren. Danach geht es zwei Kilometer steil bergan durch Eichen-, Akazien- und Buchenwälder. Die holprige Straße, auf der zwei Autos nur mit geschickten Ausweichmanövern aneinander vorbeikommen, ist offiziell nur bis zu sechs Tonnen belastbar. Die Pessimistin in mir sieht den Möbelcontainer schon ins Gestrüpp stürzen. Doch die Optimistin bringt die Schwarzseherin zum Schweigen. "Ça va aller!" Alles wird gut. Dieser Container ist etliche Tage übers Mittelmeer geschippert und kommt nun aus Marseille. Gepackt haben Alistair und ich ihn in Beirut.

Von Beirut nach Belloc. Krasser könnte der Gegensatz nicht sein! Dort die libanesische Hauptstadt, eine chaotisch-lärmende Metropole mit ihren Dauerstaus, den ständigen Stromausfällen, gelegentlichen Bombenanschlägen und Überflügen israelischer Kampfjets. Aber - für eine Journalistin nicht ganz unwesentlich - dauernd in den Schlagzeilen. Hier ein verträumtes Dorf, in dem mehr Schafe als Menschen leben. Krass, das fand auch die Besitzerin der einzigen chemischen Reinigung im Umkreis von zwanzig Kilometern, als ich ihr vor ein paar Tagen die von den holländischen Vorbesitzern unseres Hauses übernommenen Vorhänge auf den Ladentisch l

Weiterlesen weniger lesen

Kundenbewertungen