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Fremd gewordenes Land Streifzüge durch Frankreich von Bailly, Jean-Christophe (eBook)

  • Verlag: Matthes & Seitz Berlin Verlag
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Fremd gewordenes Land

In seinem philosophisch-literarischen Großessay führt Bailly die Beobachtungen und Reflexionen aus seinen Reisen auch in entlegene Gegenden Frankreichs zusammen, immer mit dem Ziel, die Identität der Republik zu erfassen und die in ihr gespiegelte Landschaft und Gesellschaft auf seine Weise zu kartografieren. Landschaftsbuch, Soziogramm und Reportage in einem, führt er uns von einer Fabrik für Fischernetze im alten Bordeaux zu Rodins Atelier in Meudon, von einem Karpfenteich in Fontainebleau, an dem Franz I. schon spielte, bis zu einem Gehöft in Roche, das 1918 von Deutschen gesprengt worden war. Bailly lässt sich führen und verführen von Leuten und Flüssen, Geschichten und Geschichte und legt ein buntes Mosaik des heutigen Frankreich. Jean-Christophe Bailly, 1949 in Paris geboren, hat Theaterstücke, Erzählungen und Reiseberichte verfasst, und auch zahlreiche Gedichte und Essays veröffentlicht. Baillys in Frankreich hochgeschätztes Werk bewegt sich an der Schnittstelle von Geschichte, Kunstgeschichte, Philosophie und Poesie. Für Fremdes Land wurde er mit Prix Décembre ausgezeichnet. Andreas Riehle, 1965 in Stuttgart geboren, untertitelt seit über zwanzig Jahren Filme u.a. für Regisseure wie Agnès Varda, Bruno Dumont, Jacques Doillon, Barbet Schroeder und Lionel Baier. Seit 2000 übersetzt er außerdem Sachbücher und Romane, u. a. Der Tag des Königs von Abdellah Taïa (2012). ------------------------------------------------------ Loan, 13.03.2017: Jean-Christophe Bailly, 1949 in Paris geboren, ist ein französischer Schriftsteller. Er hat zahlreiche Bücher verfasst: mehrere Theaterstücke, zwei Erzählungen, einen Reisebericht nach Indien, Gedcht und Essays, immer am Scheideweg zwischen Geschichte, Kunstgeschichte, Ohilosophie und Poesie. Für Fremdes Land wurde er mit Prix Décembre ausgezeichnet.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 464
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783957574923
    Verlag: Matthes & Seitz Berlin Verlag
    Originaltitel: Le Dépaysement
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Fremd gewordenes Land

2. Reusen, Flaken, Elger usw.

Bordeaux, Maison Larrieu, Rue Sainte-Colombe Nummer 51, zwischen dem Glockenturm von Saint-Éloi und dem Cours d'Alsace-et-Lorraine. Jean-Louis Larrieu, der heutige Direktor der Firma - es handelt sich eigentlich um eine Fabrik - hört es nicht gern, wenn man von einem "Geschäft" spricht. Als solches kündigt sich dieses Stammhaus aber durch seine in den Schaufenstern zur Straße hin ausgestellten Artikel an und wirkt auf davor anhaltende Passanten ein: Denn alles dort, was man vor sich hat und worüber man mutmaßt, ist außergewöhnlich. Ich kenne jedenfalls nichts Vergleichbares in Frankreich oder Europa. Es handelt sich um eine Fabrik für Netze, Reusen und im weiteren Sinne für alles, was dazu dient oder dazu dienen könnte, lebende Tiere zu fangen oder anzulocken und zu sich zu ziehen: eine unerschöpfliche Ansammlung von Gegenständen, die mit Jagd und Fischfang zu tun haben (obwohl die Netze auch einige andere Funktionen erfüllen, zum Beispiel auf Baustellen) - Gegenstände also, die auf den ersten Blick keine Sympathie erwecken, sind sie doch direkte Ergebnisse des menschlichen Willens, zu beherrschen und zu dominieren. Ja, aber was sich schon von der Straße aus, von dieser Straße der Altstadt in Bordeaux, aufdrängt und ins Auge springt, ist eine von der Landschaft durchdrungene Wissenschaft, Strategien der List und des Dechiffrierens, nahezu unbekannte und geheime Affekte, gebunden an als Reviere empfundene und seit Jahrhunderten durchquerte Orte: Lockpfeifen, die Drosseln, Wachteln oder Wildschweine imitieren, Schmetterlingsnetze, Seile, Fangnetze und andere Werkzeuge für das Wattfischen, doch vor allem Netze und Reusen in allen Größen und Formen, mit großen oder kleinen Maschen, streckbar, biegsam, gelenkig.

Für den Fischfang also, und nur dafür, gibt es in der Kategorie Netze Spiegelnetze, Flaken, Ringwaden, Senker und Wurfnetze und in der Kategorie Reusen, neben Gründlingssäcken, aus denen die kleinen Fische nicht mehr entwischen können (so etwas wie ein Nullpunkt der Reuse), sämtliche Varianten, die dieser oder jener Fischart angepasst sind (man fängt Aale nicht wie Neunaugen oder Tintenfische), und vor allem Garnschläuche, diese gelenkigen, mehrere Meter langen Reusen - an der Decke des Geschäfts aufgehängt wirken sie wie biegsame mathematische Skulpturen: luftige, für die Tiefen des Wassers bestimmte Gegenstände, die für sich selbst stehen könnten, aber nur beflissene und stille Diener der listigen Intelligenz sind, der Metis , und zwar einer bäuerlichen Metis, gebunden an eine Landschaft, in diesem Fall mehr oder weniger an die Umgebung von Bordeaux: Denn selbst wenn die Maison Larrieu und das Geschäft (mit einer Fabrik im Finistère) auf ganz Frankreich und gar darüber hinaus ausstrahlen, so verbreitet diese Jahrhunderte alte Netz-Manufaktur mit ihrer gesamten Geschichte und was sie an Legenden in sich birgt vor allem eine Kenntnis, die in nahen und bekannten, tausendfach durchwanderten Gebieten verankert ist, wo Süßwasser nie weit vom Meer entfernt zu finden ist und die Gironde, hier nicht mehr die Garonne und noch nicht der Ozean, das Mündungsgebiet und die Schleusenkammer dieses Gleichgewichts bildet.

Diese Netze, Reusen und Garnschläuche erzählen jedoch vor allem von der Unendlichkeit der Struktur. Die Wiederholung der Maschen schreibt Formen in den Raum, die wie Versuche sind, ausgehend von festen Körpern Flüssigkeiten nachzuahmen. Um eben diese zu beschreiben, gab Salomon de Caus (nach dem in Paris am Square des Arts-et-Métiers eine Straße benannt ist) zu Beginn des 17. Jahrhunderts seinem Buch einen wunderbaren Titel: Les raisons des forces mouvantes , also: "Die Ursachen für wogende Kräfte". Nun sind es eben diese Ursachen, um die es hier geht, und es sind diese Kräfte, die es einst zu erkennen und zu messen galt, damit jedes Netz und jede Reuse mit einer exakten Form übereinstimmte. Aus e

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