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Gebrauchsanweisung für Prag und Tschechien von Becker, Martin (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 17.03.2016
  • Verlag: Piper
eBook (ePUB)
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Gebrauchsanweisung für Prag und Tschechien

Es gibt sie, die Museumsstadt. Die Postkartenidylle mit den 180 Brücken. Aber Martin Becker weiß, wo ihr Geist lebendig wird: in unspektakulären Spelunken und nieselnassen Nächten, in ehemaligen Arbeitervierteln, die zum Szenetreff mutiert sind, und in Fahrradwerkstätten, die gleichzeitig als Café fungieren. Und er weiß auch: Da ist ein Tschechien jenseits der Hauptstadt. Er nimmt uns mit nach Brünn, nach Ostrava und ins Altvatergebirge. Macht uns vertraut mit der bittersüßen Schwermut der tschechischen Seele, aber auch mit dem "?eský humor". Und er zeigt uns, wo heutzutage noch tschechische Wunder geschehen.

Martin Becker, 1982 geboren, ist in Plettenberg aufgewachsen. Er ist freier Autor für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk, Literaturkritiker beim Deutschlandfunk und bei Deutschlandradio Kultur und berichtet in Features und Reportagen unter anderem aus Tschechien, Frankreich, Kanada und Brasilien. 2007 erschien sein mehrfach ausgezeichneter Erzählband "Ein schönes Leben", außerdem realisierte er eine Reihe von Hörspielen und Lesungen gemeinsam mit dem tschechischen Schriftsteller Jaroslav Rudi?. Martin Becker lebt mit seinem moldawischen Straßenhund in Leipzig; seine Bücher erscheinen bei Luchterhand, zuletzt der Roman "Der Rest der Nacht".

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 224
    Erscheinungsdatum: 17.03.2016
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783492972956
    Verlag: Piper
    Größe: 3904kBytes
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Gebrauchsanweisung für Prag und Tschechien

Die unerträgliche Leichtigkeit der Stadt: Eine ganz üble Liebe

Irgendwann zu Schulzeiten las ich aus freien Stücken Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins von Milan Kundera. Diese obsessive Abhängigkeitsgeschichte zwischen Tomás und Teresa, dem Prager Klinikarzt und der Serviererin vom Land. Vergeblichkeit und Erfüllung allen Liebens in Reinform, der ganze Trotz der zwischenmenschlichen Zuneigungen. Die Handlung spielt größtenteils in Prag, noch dazu um das Jahr 1968. Heißt also, Niederschlagung des Prager Frühlings, heißt also, kollektive Demütigung des ganzen Volks durch die sowjetischen Besatzer. Milan Kundera selbst verließ übrigens Mitte der Siebziger, vom Regime zur persona non grata erklärt , die Tschechoslowakei Richtung Frankreich, verlor seine tschechische Staatsbürgerschaft und pflegt seitdem ein ausgesprochen schwieriges Verhältnis zu seinem Heimatland.

Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins , veröffentlicht 1984, erzählt von diesen furchtbaren Widrigkeiten eines totalitären Regimes ebenso wie von den furchtbaren Widersprüchlichkeiten einer totalen Liebe. Nie bin ich seither wieder so angesprungen worden von der zarten wie ungeheuren Melancholie eines Buchs. Pathetisch gesagt, ich wurde damals erfasst von einer federleichten Schwermut tschechischer Art, die seitdem auch in meinem Leben Wurzeln geschlagen hat. Und obwohl Prag als Stadt in den Beschreibungen Kunderas immer nur marginal vorkommt, obwohl fast keine Straße und kein Ort konkret benannt werden, vermittelt sich doch eine Atmosphäre, die bleibt. Eigentlich war es nach Kundera also nur eine Frage der Zeit, bis ich irgendwann dieses Prag sehen musste.

Vor mehr als einem Jahrzehnt schenkte ich also meiner damaligen Freundin zu unserem Jahrestag eine romantische Reise nach Tschechien. Und so bewegten wir uns zum ersten Mal im Eurocity von Dresden aus über die Grenze, wir Unwissenden, und so hörte ich zum ersten Mal den Klang dieser verzaubernden Sprache, denn kurz hinter Bad Schandau kippte das streng gebellte Zugdeutsch in für meine Ohren zärtlich gesäuseltes Bahntschechisch um.

Kurz vor Decín leuchtete mir auf einem unbewohnten Abbruchhaus ein gespraytes, lachendes Gesicht entgegen, unter das der Graffitikünstler "GHETTO" notiert hatte. Und je näher der Zug sich an der Elbe entlang und durch die nordböhmische Landschaft in Richtung der Industriestadt Ústí nad Labem schob, desto dominanter wurde der Qualm aus den vielen Fabrikschloten. Nach dem Verlassen von Ústí, und das ist bis heute so, obwohl ich die Strecke sicher schon hundert Mal gefahren bin, erfasste mich eine innere Unruhe. Ich konnte nicht mehr lesen und nicht mehr Musik hören, ab jetzt gab es kein Halten mehr, ab jetzt war es nur noch gut eine Stunde. Prístí stanice: Praha . "Nächste Station: Prag".

Irgendwann nahm der Zug eine Kurve, und auf dem Hügel in der Ferne sah ich zum ersten Mal die Prager Burg. Kurzzeitig offenbarte sich also das Bild der Stadt, die sich in gewisser Art und Weise ja von allen Seiten an die Moldau anschmiegt oder sich ihr aufdrängt, je nach Perspektive. Ich sah die Brücken, die Türme, das ganze Panorama für einen kurzen Moment. Nach der nächsten Kurve war all das wieder verschwunden. Und mir wurde so übel, dass ich mich während der letzten Minuten der Fahrt mit den sanitären Anlagen des Eurocity vertraut machte.

Wäre ich jetzt sentimental, dann würde ich von der Überwältigung reden beim ersten Anblick der Stadt, dieses Zuviel, das mir erst auf die Sprache und dann auf den Magen schlug, aber leider ist nichts dergleichen wahr. Ich hatte am Tag vor der Abreise in Deutschland schlechtes Imbissessen gegessen, wollte diese Reise zum Jahrestag aber partout nicht absagen.

Jetzt also sind wir beim Schicksalsmoment fast schon Kundera'schen Ausmaßes angelangt: Mit grünblassem Gesicht und ziemlich wackligen Beinen fiel ich mehr aus dem Zug, als dass ich stieg, ehrlich gesag

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