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Lesereise Estland. Das Model und der Kapitän von Bisping, Stefanie (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 24.10.2011
  • Verlag: Picus
eBook (ePUB)
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Lesereise Estland. Das Model und der Kapitän

Eben noch arrangierte sich Estland als unfreiwillige Sowjetrepublik mit Partei und Planwirtschaft, da startete es auch schon als EU-Staat und NATO-Mitglied in ein neues Leben: Der junge Staat hat seit der 'singenden Revolution' 1989 mehr erlebt als andere Länder in hundert Jahren. Seit der Unabhängigkeit scheinen die Uhren hier mit doppelter Geschwindigkeit zu laufen. Längst gibt es mehr Mobiltelefone als Menschen, und als erste Nation der Welt konnten die Esten ihr Parlament online wählen. Stefanie Bisping zeichnet das Bild eines Landes am Scheitelpunkt zwischen Ost und West, zwischen Tradition und Aufbruch. Von der kleinen IT-Metropole Tallinn, der Europäischen Kulturhauptstadt 2011, reist sie ins ländliche Estland, wo Störche durch die Felder spazieren, uralte Findlinge im 'Land der Buchten' die Küste zieren und alter Aberglaube noch lebendig ist. Sie trifft Künstler, Kapitäne und Estlands ersten Fernsehkoch, lässt sich von Göttern und Gespenstern erzählen und macht sich in den Sümpfen und Mooren Südestlands auf die Suche nach Braunbären und Wölfen. Stefanie Bisping studierte in Münster und Reading (England) Anglistik, Germanistik und Politikwissenschaft. Heute schreibt sie Reisereportagen für verschiedene Medien in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Im Picus Verlag erschienen ihre Lesereisen Estland, Malediven, Normandie und Emilia Romagna.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 132
    Erscheinungsdatum: 24.10.2011
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783711750464
    Verlag: Picus
    Größe: 304 kBytes
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Lesereise Estland. Das Model und der Kapitän

Spuren im Schnee (S. 72-73)

Und ein Spuk dazu: Begegnungen im Soomaa-Nationalpark Kleiner als ein Fuchs, aber größer als eine Katze ist der Moortroll. Nur selten zeigt er sich den Menschen, die bei ordentlicher Führung aber sowieso nichts von ihm zu befürchten haben. Denn zu guten Menschen ist der Sookoll, wie er auf Estnisch heißt, gut; nur die schlechten ärgert er gerne. So lernen es schon die Kinder in Estland. Eine Treppe führt auf dem Ingatski-Wanderweg des Soomaa-Nationalparks in das Reich des Trolls. Dort endet der ein Kilometer lange Steg, der an der Straße beginnt; das Moor liegt hier vor dem Wanderer wie eine acht Meter hohe Mauer.

Oben öffnet sich der Blick auf eine andere Welt: Der dichte Wald ist verschwunden, die Mücken, Quälgeister des estnischen Sommers, ebenfalls. Birken und Pinien erheben sich aus der Weite, die von einem Gestrüpp aus Blaubeer-, Maulbeer- und Preiselbeerbüschen bedeckt ist. Darunter liegt ein dicker, weicher Teppich aus Moos. Ein Wachturm, der früher den Sowjets gehörte, dient als Aussichtspunkt. Vor wenigen Jahren wurde er per Hubschrauber hergebracht, nachdem die sowjetischen Truppen Estland verlassen hatten. Von oben blickt man in die Ewigkeit. Jenseits des Stegs gibt es keine Hinweise auf die Existenz des Menschen.

Blaue Libellen tanzen in der Luft, außer Vogelstimmen ist nichts zu hören. Dass hier des modernen Esten Heiligtum – sein Mobilfunknetz – Schwächen zeigt, erscheint wie ein Beweis dafür, dass es dem Menschen schlussendlich nicht gelingen will, sich die Natur zu unterwerfen. Wirklich überraschend wäre es da auch nicht, wenn zwischen Büschen und Gestrüpp ein kleiner Troll umherhuschte. Während der wärmeren Jahreszeit bleibt am Boden kaum mehr zu tun, als ein paar Beeren zu pflücken und dem Holzsteg zu folgen, der zu drei miteinander verbundenen Seen führt. Bei Hitzeschüben kann man sich hier erfrischen.

Den Ein- und Ausstieg aus dem Torftümpel, dessen Wasser relativ warm ist und sehr sauber, fast steril, weil Bakterien sich im sauren Moor nicht wohlfühlen, erleichtern stabile Holzleitern. Im Winter aber, wenn der Boden gefroren und zumeist auch tief verschneit ist, kann man mit Schneeschuhen oder Langlaufskiern den Spuren von Tieren folgen – kreuz und quer durchs Moor. Ein Viertel des Nationalparks ist von Hochmoor bedeckt – insgesamt hundertzehn Quadratkilometer. Während das niedriger gelegene Land recht trocken ist, sind seine Sümpfe mit Wasser vollgesogen wie Schwämme. Jedes Moor im Park ist das Territorium eines Wolfsrudels. Die Tiere nutzen es nicht zur Jagd – hier sind nur wenige Beutetiere zu finden –, sondern als Rückzugsgebiet.

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