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Lesereise Portugal Die Fischer, die die Zeit anhalten von Sobik, Helge (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 19.02.2018
  • Verlag: Picus
eBook (ePUB)
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Lesereise Portugal

Der Mann heißt wie die längste Brücke Europas, wie ein Einkaufszentrum in Lissabon, wie Fußballvereine in Rio, Kapstadt und Goa - und wie sein Urahn gleichen Namens, der einst den Seeweg nach Indien entdeckt hat: Vasco da Gama ist Antiquitätenhändler in Lissabon und pflegt typisch portugiesisches Understatement, diese stille Bescheidenheit. Auch die Fischer auf den Inseln, die der Algarve vorgelagert sind, ticken ähnlich. Herzlich und zugleich zurückhaltend sind sie, typisch portugiesisch sowieso - wie die Leute aus dem Stockfisch-Kochverein von Aveiro, sogar die Schäfer aus der bis knapp zweitausend Meter hohen Serra da Estrela tief im Binnenland und ein Ex-Banker, der in den Bergen weit abseits von allem eine bankrotte Weberei wieder zum Leben erweckt hat.Helge Sobik hat sie und viele andere getroffen, ihnen genau zugehört und zeichnet ein sehr persönliches Bild der großen Seefahrernation an der Westflanke Europas. Helge Sobik, 1967 in Lübeck geboren, schreibt Reportagen aus aller Welt und publiziert in zahlreichen Medien. Im Picus Verlag erschienen seine Reportage Persischer Golf sowie die Lesereisen Kanada, Kanadas Norden, Kanadas Westen, Finnland, Mallorca, Côte d'Azur, Dubai, Portugal und, gemeinsam mit Fabian von Poser, Abu Dhabi. Helge Sobik ist 'Reisejournalist des Jahres' 2019.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 132
    Erscheinungsdatum: 19.02.2018
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783711753632
    Verlag: Picus
    Größe: 982 kBytes
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Lesereise Portugal

Mein Strand und ich

Palheiros da Tocha im Winter: Vor der Haustür nichts als Strand und Meer

So ein Haus muss nicht hundert sein, um alt auszusehen. Es reicht weniger als die Hälfte an Zeit. Schließlich führt es mit jedem seiner Balken, jeder Faser des Holzes, jedem Dachziegel und jedem Pinselstrich Farbe einen permanenten Kampf gegen den Wind, das Wasser, den Sand und das Salz. Hundertfünfzig Meter sind es bis zu den Wellen, dazwischen ist Sand. Und eine schmale Straße. Sonst nichts. Nach über fünftausend Kilometern kommt geradeaus Amerika. Im Weg liegt nichts. Wenn der Wind Anlauf nimmt, vom Ozean kommt und an etwas zerren will, dann packt er sich zuerst dieses Haus und rüttelt es durch. Es ist, als schöbe er es zusammen und zöge es wieder auseinander. Solche Töne macht es bei Sturm. Es ist derselbe Sound, den auch die Nachbarhütten fabrizieren.

Fischer haben sie gebaut - als einfache Quartiere zwischen den Fangfahrten. Als Übernachtungsplatz, wenn die Zeit nicht reichte, bis nach Hause zu kommen - weiter hinein ins Hinterland, wo ihre Heimatorte waren. So nah am offenen Ozean lebte hier früher keiner. Nicht auf Dauer. Gar nicht im Winter. Heute sind es um die hundertsiebzig Menschen, die ganzjährig in Palheiros da Tocha am Atlantik zu Hause sind. Ein paar Tausend werden es während des Sommers, wenn all die Feriengäste da sind, die Wohnungen und Appartements in den Querstraßen in zweiter, dritter und vierter Reihe beziehen, jedes Bett belegt ist und die Menschen jeden Morgen mit Sonnenschirm und Badematte unterm Arm an den Strand spazieren. Aber im Winter herkommen? Die ganze Praia da Tocha und all den Wind für sich alleine haben? Wenn nur die zwei Tante-Emma-Läden geöffnet sind und manches Regal nur halb voll ist, weil der Laster mit der Ware noch nicht wieder da war? Von nichts abgelenkt werden, Zeit für die eigenen Gedanken haben? In so einem Haus, das nachts quietscht? Massentauglich ist das nicht. Dabei ist es so ein schöner Gedanke: sich einmal auf den Zwang zum Nichtstun einlassen. Loslassen. Wieder wahrzunehmen lernen. Aus der permanenten Reizüberflutung aussteigen, bei stundenlangen Strandspaziergängen den Kopf durchgepustet und die Gedanken neu sortiert bekommen.

Zwischen Lissabon und Porto gibt es mehrfach über Dutzende Kilometer keine Küstenstraße, sondern nur ab und an wenige Querwege von der Hinterlandstraße, die in gerader Linie an den Ozean führen: in winzige Orte, die im Winter fast ausgestorben sind und nicht mal über ein Hotel verfügen. Sechs Kilometer geradeaus durch den Pinienwald führt die Stichstraße vom eigentlichen Tocha, gut viertausend Einwohner stark, nach Palheiros da Tocha. Siebenhundert Meter vorm Ziel gibt es links und rechts Abzweiger in den Pinienwald hinein: meistens Sand, tiefe Schlaglöcher, Reste von Kopfsteinpflaster. Das war einmal so etwas wie die Küstenstraße, als die Menschen noch mit Pferden und Eseln unterwegs waren. Heute ist sie nur etwas für Geländewagen.

Palheiros da Tocha ist ein Mini-Ort mit sensationellem Sandstrand. Fast die ganze Küste hier ist ein einziger sensationeller Sandstrand. Im Süden liegt Lissabon als Endpunkt dieses Strandes nach etwa zweihundertfünfzig Kilometern - von ein paar kleinen Unterbrechungen abgesehen. Im Norden ist es Porto - nach gut hundert Kilometern. Gefühlt ist beides gleich weit weg.

Im Haus riecht es muffig, nach fünf Monaten Leerstand. Und nach dem Salz, das hier überall in der Luft liegt. Auf dem schweren, alten Esstisch liegt ein Rüschendeckchen, an der Wand hängen Ölgemälde, die Kutter auf See zeigen. Die Kaffeemaschine hat ein Etikett, auf dem das Baujahr vermerkt ist: 1962. Sie hat tapfer durchgehalten. In eine Ecke des Hauses ist eine Toilette hineinimprovisiert, direkt daneben die Dusche. Das Schlafzimmer ist kaum größer als das zwanzig Zentimeter zu kurze Bett, auf

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