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Lesereise Türkei Jenseits von Galata, im Übermorgenland von Schlötzer, Christiane (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 22.02.2016
  • Verlag: Picus
eBook (ePUB)
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Lesereise Türkei

Die Türkei ist ein Land der Extreme. Istanbuls Skyline protzt mit Wolkenkratzern, in den Kohleminen aber wird geschuftet wie im 19.?Jahrhundert. Die Glitzerstadt am Bosporus ist das New York des Orients, doch seit mehr als einer Dekade hat ein islamisch-konservativer Politiker das Land fest im Griff: Recep Tayyip Erdog?an. Er lässt Twitter sperren, wenn ihm die Türken zu aufmüpfig werden. Wer die Türkei verstehen will, sollte sich von Istanbuls Schönheit bezaubern lassen, vor der Naturzerstörung für einen zweiten Bosporus nicht die Augen verschließen und Kurdinnen zuhören, die ihre Toten betrauern. Christiane Schlötzer hat viele Jahre in Istanbul gelebt und das Land bereist. Sie erzählt von Widersprüchen, die die Türkische Republik fast hundert Jahre nach ihrer Gründung prägen.

Christiane Schlötzer, geboren in München, seit 1992 bei der Süddeutschen Zeitung. Bis 2015 Auslandskorrespondentin für die Türkei, Griechenland und Zypern in Istanbul. Derzeit Vizechefin der 'Seite Drei' der SZ in München. Mitgründerin des Vereins Journalisten helfen Journalisten (JhJ) e.V. zur Unterstützung von Journalisten und ihren Familien aus und in Kriegs- und Krisengebieten.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 132
    Erscheinungsdatum: 22.02.2016
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783711753144
    Verlag: Picus
    Größe: 1277kBytes
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Lesereise Türkei

Das Auge soll satt werden

Frühstücken in Istanbul hat nichts mit schneller Nahrungsaufnahme zu tun. Es ist ein Ereignis

Das Meer schickt einen kühlen Wind auf den Cihangir Meydani. Der Wind ist ein ständiger und oft tückischer Begleiter in Istanbul. Die Brise greift sich die Speisekarte auf dem Kaffeehaustisch und wirbelt sie hinweg. Ein junger Mann am Nachbartisch fröstelt, seine Begleiterin lächelt. "Ama günes var" , aber es gibt doch Sonne, sagt sie. Soll wohl heißen: Stell dich nicht so an, ich gehe hier nicht weg. Wer einen Stuhl auf dem Cihangir-Platz erobert hat, der will seinen Logenplatz genießen. Also noch einen Tee.

Cihangir ist das Istanbuler Viertel der Intellektuellen und vieler Künstler, aber es ist auch ein Kleine-Leute-Quartier geblieben. Was wiederum die Intellektuellen mögen, denn das Bevölkerungsgemisch sorgt für fast dörfliche Atmosphäre. Und es gibt kaum eine bessere Gelegenheit, die besondere Gelassenheit dieses Refugiums zu genießen, als ein Frühstück auf dem kleinen zentralen Platz des Viertels, nicht einmal zehn Fußminuten vom hektischen Taksim entfernt, im Schatten der grünen Firuz-Aga-Moschee, wo die Kaffeehausstühle besonders dicht stehen.

Wobei Frühstück in der Türkei nichts mit schneller Nahrungsaufnahme zu tun haben muss. Frühstück ist, zumal an einem Samstag oder Sonntag, wenn das Leben langsamer läuft, eine Gelegenheit, Freunde zu treffen, den Tag zu verbummeln und so viel zu essen, dass man bis Mitternacht nichts mehr braucht. Eine italienische prima colazione mit Espresso und Zigarette - hier undenkbar! Das schlichte türkische kahvalti besteht aus mindestens zwei Sorten Käse, schwarzen und grünen Oliven, Butter, Brot, Honig, Marmelade, Gurkenscheiben, Tomaten und Tee. Aber das ist erst der Anfang. Für zehn Lira, etwa drei Euro, gibt es auf dem Cihangir Meydani das kleine kahvalti und dazu vier Scheiben yumurtali ekmek . Arme Ritter haben wir als Kinder die in Ei getauchten, in der Pfanne goldgelb gebratenen Brotscheiben genannt. Die Amerikaner sagen zu dieser billigen Köstlichkeit French Toast. Die türkische Version braucht viel Butter, ist sehr fett und sehr gut.

Straßenkatzen streichen den Gästen um die Beine. An den Tischen wird viel telefoniert, Freunde werden informiert, wo man frühstückt, die Nacht wird nachverhandelt. Der nächste Abend ist noch weit weg. Ein Roma-Musiker bearbeitet sein Akkordeon. Ein Mädchen mit rosa Bommelmütze sammelt dazu Münzen in einer Pappschachtel. Ein Schlacks mit Sporttasche hat es eilig, im Vorbeigehen streckt er dem Musiker einen Schein hin. Der Platz ist die Bühne von Cihangir, nur sitzen und schauen, das füllt hier schon die Zeit.

Fester Akteur in diesem Straßentheater ist der simitçi , der Sesamkringelverkäufer, der seine Ware in einem roten Wägelchen mit Glasfenster anbietet. Ein knuspriger simit für eine Lira, circa dreißig Cent, mit einem Glas Tee ist ebenfalls ein köstliches, wenn auch spartanisches Frühstück. Der simitçi tritt meist in einer dicken Lederweste auf, er kennt den Wind. Sein Nachbar ist der Schuhputzer, der auf einem Hocker hinter seinem goldglänzenden Kasten auf Kunden wartet. Heute trägt er eine Sonnenbrille wie Peter Fonda in "Easy Rider", ein weißes Hemd und einen schwarzen Anzug. Ach, nein! Der Mann war nur Platzhalter. Der echte Schuhputzer war kurz weg und ist weniger fein angezogen.

Ein Motorradfahrer hält vor seinem Kasten, "Frischfisch" steht auf dessen Gefährt. Der Kurier übergibt dem Schuhputzer drei Riesentüten. Mit Fisch? Natürlich nicht. Mit schmutzigen Schuhen. Arbeit für Stunden. So funktioniert die türkische Servicegesellschaft.

Das englischsprachige Ausgeh-Magazin The Guide Istanbul meinte jüngst, das türkische Frühstück habe "beinahe Kultstatus" erreicht. Das "beinahe" kann man getrost weglassen. In jedem Fall gilt dies f

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