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Trauer ist eine lange Reise Für dich auf dem Jakobsweg von Koeniger, Georg (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 14.09.2015
  • Verlag: Piper
eBook (ePUB)
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Trauer ist eine lange Reise

Wie schafft man es, wieder ins Leben zurückzufinden, nachdem der Mensch, den man liebt, tot ist? Als Georg Koenigers Frau nach neunmonatigem Leiden an Lungenkrebs stirbt, löst er das Versprechen ein, das er ihr kurz vor ihrem Tod gegeben hat: Er will für sie auf den Jakobsweg, jene Pilgerstraße, die die Menschen seit jeher magisch anzieht. Und so setzt er sich in Würzburg aufs Fahrrad, gelangt nach acht Wochen, 500.000 Radumdrehungen und mehr als 2000 Kilometern nach Santiago de Compostela. Eine Reise mit ungeahnten Hindernissen und vielen glücklichen Zufällen, die Abenteuer, Abschied, Selbstbesinnung und Neuginn ist und - aller Trauer zum Trotz - Koenigers Sinn für Witz und Humor immer wieder aufblitzen lässt. Georg Koeniger, geboren 1957, ist seit über 25 Jahren Kabarettist, Regisseur und Autor. Radfahren ist neben Klettern Koenigers zweite große Leidenschaft. Bei Piper und Malik erschienen seine Bücher "Cliffhänger", "Bis dass die Autotür uns scheidet" und "Trauer ist eine lange Reise".

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 256
    Erscheinungsdatum: 14.09.2015
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783492971379
    Verlag: Piper
    Größe: 1313 kBytes
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Trauer ist eine lange Reise

JAKOBSWEG WIDER WILLEN

Schon das Packen ist nicht unproblematisch. Die Gepäcktaschen im Keller sind voll mit Ausrüstungsgegenständen in doppelter Ausführung: zwei Tassen, zwei Messer, zwei Teller, ein Zelt für zwei. Alles nach der letzten Radreise platzsparend verstaut für den nächsten gemeinsamen Trip. Jetzt nehme ich all das auseinander und packe jeweils nur ein Teil ein. Mir ist dabei, als würde ich auseinanderreißen, was eigentlich zusammengehört. Ich meine fast, die zurückgelassene Tasse schreien zu hören: Und was ist mit mir?

Das Zelt aber kommt mit. Es ist zwar über drei Kilo schwer und viel zu groß für mich allein, doch irgendwie gehört es dazu. Es wird mir immer wieder die große Leerstelle in meinem Leben vor Augen führen, die ich seit einem Jahr erlebe.

Die Stimmung am Abend vor der Abreise ist nicht gerade euphorisch. Von Urlaubsvorfreude keine Spur. "Super Show", schwärmen zwar meine Kabarettkollegen, als wir nach der Vorstellung unsere Requisiten zusammenpacken. Und tatsächlich ist es wie immer ein gutes Gefühl gewesen, vor einem begeisterten Publikum seine Späße auf der Bühne zu machen. Das hat sich auch nach sechsundzwanzig Jahren als Kabarettist nicht geändert. Aber so richtig genießen kann ich es nicht, ich bin nur noch mit halber Kraft dabei, es fällt mir schwer, mich zu konzentrieren. Es ist, als wäre meine Seele schon unterwegs auf dem Jakobsweg, während mein Körper noch routiniert die eingeübten Sketche spielt.

Als ich dann mit gepacktem Requisitenkoffer in dem leeren Zuschauerraum stehe, merke ich, wie die Droge Applaus viel schneller an Wirkung verliert als sonst. Morgen, denke ich, wird niemand von diesen Leuten da sein, um mich bei der Abreise zu beklatschen, niemand, der mir mit weißem Taschentuch nachwinkt, niemand, der ein Abschiedsfoto macht, aber auch niemand, der mich zur Eile antreibt, damit wir endlich loskommen. Es interessiert die ganze Welt einen Dreck, was ich morgen mache. Mein Terminkalender ist im Frühjahr 2014 für einen Monat leer. Ich könnte genauso gut einfach hierbleiben. Keiner würde es bemerken.

Dennoch springe ich am nächsten Morgen aus dem Bett, bevor der Wecker sich auch nur rühren kann, stelle mein Espressokännchen auf den Herd und ziehe meine Funktionsklamotten an. Die letzten zwei Jahre waren eine sehr anstrengende Zeit, sowohl psychisch als auch körperlich. Jetzt nehme ich mir vier Wochen Zeit für mich. Die Reiseroute hätte ich mir selbst so nicht ausgesucht, aber trotzdem: Jetzt wird geradelt.

Während ich im Stehen eine Banane esse und meinen Kaffee trinke, fallen mir die Reaktionen meiner Freunde, Kollegen und Verwandten ein, als ich ihnen erzählte, was ich vorhabe. Am besten waren immer ihre Gesichter. Da wurde der Mund aufgerissen, die Luft durch die Zähne eingesogen, da wurden die Augen gerollt, die Backen aufgeblasen. " Was willst du? Von hier nach Santiago de Compostela ... radeln?" Mancher versuchte ein gequältes Lächeln, andere prusteten los, als hätte ich einen Witz gemacht. Dann Stirnrunzeln. "Wie viele Kilometer sind das denn?" Sobald ich "ungefähr zweieinhalbtausend" sagte, erntete ich meist ratloses Kopfschütteln. "Aber du ... äh, machst schon Pausen zwischendurch, oder?"

Die Outdoorfreaks, die es in meinem Freundeskreis gibt, reagierten mit aufmunterndem Nicken, anerkennendem Pfeifen, spöttisch angehobenen Augenbrauen oder offenem Neid. "Du fährst echt viereinhalb Wochen mit dem Rad durch Europa, während ich hier täglich in mein Büro trotte?", fragte mich ein Bekannter ungläubig in der Kletterhalle. "Du hast es ja so was von gut. Wollen wir tauschen?"

So weit ist es schon wieder, dachte ich verwundert, dass jemand mit mir tauschen möchte. Ein Jahr vorher wäre wohl niemand auf die Idee gekommen.

"Frau Dr. Schröpel?"

Es klang immer ein bisschen seltsam in meinen Ohren, wenn jemand Andrea mit "Doktor" anredete, obwohl sie den Titel schon

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