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Das verlorene Kopftuch Wie der Iran mein Herz berührte von Pungs, Nadine (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 02.05.2018
  • Verlag: Piper Verlag
eBook (ePUB)
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Das verlorene Kopftuch

Ein Glas Wein trinken, ohne Kopftuch über die Straße laufen und einfach einen Mann küssen. Da, wo Nadine Pungs sich hinbegibt, ist all das strengstens verboten, werden Frauenrechte nicht sonderlich geachtet und können alltägliche Dinge mit Peitschenhieben bestraft werden. Ihr Ziel: der Iran. Mit Schmugglerbussen und Taxifahrern, die während der Fahrt zum Himmel beten, reist sie von Teheran über den Persischen Golf im Süden bis fast an die Grenze zu Aserbaidschan im Norden. Dabei möchte sie herausfinden, was sich hinter dem leidigen Begriff 'Achse des Bösen' verbirgt und wie der Iran abseits westlicher Klischees tatsächlich tickt. Schließlich bekommt sie nicht nur einen Wein angeboten, sondern mehrere ... Der Verlust des Kopftuchs scheint somit unvermeidlich. Und als sie auch noch dem smarten Kourosh begegnet, ist das Chaos perfekt. Eine poetische Reise hinter den Schleier, in ein zerrissenes Land voller Menschlichkeit und Schönheit.

Nadine Pungs, 1981 im Rheinland geboren, studierte Literaturwissenschaft und Geschichte. Davor, währenddessen und danach tingelte sie jahrelang als Kleinkünstlerin durch die Dörfer und spielte am Theater. Auf der Suche nach Intensität und Schönheit zieht es sie immer wieder in die Welt. Bei Malik erschien zuletzt 'Meine Reise ins Übermorgenland. Allein unterwegs von Jordanien bis Oman'.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 256
    Erscheinungsdatum: 02.05.2018
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783492990370
    Verlag: Piper Verlag
    Größe: 13743 kBytes
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Das verlorene Kopftuch

Teheran
Das Ende

»Und? Was denken Sie über mein Land?«

Ich schaue aus dem Fenster, über Teheran legt sich die Nacht. Stahl und Beton ziehen an mir vorüber, Lichterketten blinken, und von den Fassaden glotzen die bärtigen Ayatollahs auf mich herab. Der Taxifahrer hat die Musik leiser gedreht, lächelt in den Rückspiegel.

Was denke ich über den Iran? Jetzt im Ausklang, zum Schluss? Eine Frage, die mir in den letzten Wochen unzählige Male gestellt wurde mit den immer gleichen erwartungsfrohen Augen. Ich möchte ihm antworten und kann es nicht. Die Worte haften am Gaumen, lassen sich nicht sprechen. Was denke ich über den Iran? Über dieses Land, das mich verwirrt und das keine schlichte Antwort zulässt? Es gibt so viel, was ich sagen könnte.

Ich könnte ihm sagen, dass mich der Iran wütend macht. Dass ich die letzten 37 Jahre nicht verstehe. Dass ich die Islamische Revolution nicht verstehen will. Mit all ihrem Zorn auf Körper und Freiheit. Ich verstehe nicht, warum die Revolutionsgardisten damals Frauen auf der Straße in Stücke schlugen, nur weil das Kopftuch eine Haarlocke preisgab. Ich verstehe nicht, warum die Sittenpolizei den Mädchen ihren Lippenstift mit einem Messer vom Mund kratzte. Ich könnte ihm sagen, dass ich das Regime verachte. Dass ich niemals akzeptieren werde, wie es seine Einwohner verletzt. Immer noch. Wie es in Gottes Namen straft und schlachtet. Wie es seine Kinder frisst und auskotzt.

Ich könnte ihm sagen, dass die Iranerinnen schön sind. Doch vielleicht weiß er das bereits. Persische Männer verehren ihre Frauen. Aber die staatlich verordnete Verschleierungspflicht bleibt. Die Manteaus werden jedoch enger, und das Kopftuch rutscht nach hinten. Einzig der Haarknoten im Nacken hält das Stück Stoff. Ein religiöses Possenspiel. Auch das Rouge auf den Wangen und die operierten Nasen sind unislamisch und trotzdem da. Wenn nur noch ein Schnipsel Haut zu sehen ist, so soll er leuchten.

Ich könnte sagen, dass dies die Anekdoten sind, die Reisende über den Iran erzählen. Jedes Mal. Vielleicht, weil das Erscheinungsbild der Frauen die erste Widersprüchlichkeit ist, die ihnen ins Auge springt. Auch mir. Dabei ist im Iran alles widersprüchlich.

Ich könnte ihm sagen, dass ich Menschen traf, die das Regime hassen. Und andere, die mir Bilder der Ayatollahs auf ihrem Smartphone zeigten und dabei jubelten. Ich könnte sagen, dass ich Angst hatte, in sein Land zu reisen, und wie lächerlich ich mich aufführte. Wie ich mich die ersten 102 Minuten im Gottesstaat fürchtete, auf der »Achse des Bösen«. In einem Taxi, so wie diesem. Wie ich auf meiner Unterlippe herumkaute und mich von meinen Klischees einwickeln ließ. In mir waberte das Gefühl einer Bedrohung, einer Angst, so milchig wie die Dunstwolken über Teheran.

Doch nichts bedrohte mich. Gar nichts. Keine Pistole an meinem Kopf, kein hässliches Wort, keine Gefahr. Ich saß nur in einem Taxi und ließ die Stadt vorbeirauschen. Nichts weiter.

Ich könnte sagen, dass ich dumm war. Trotz all der Geschichtsbücher, all der Zeitungsartikel und all der Dokumentationen, die ich zuvor über Persien verschlungen hatte, war ich stockdumm. Ständig ploppten grimmgraue Bilder wie Internetwerbung in mir auf. Immer wieder sah ich Mullahs mit Zottelbärten, die ihre Fäuste in die Luft reckten, Frauen in schwarzen Tüchern spuckten auf brennende US-Flaggen. Szenen, die ich aus unseren Nachrichten kannte oder aus Spielfilmen. Sie schlichen in meinen Kopf, sickerten hinein, verklebten meine Synapsen.

Ich könnte sagen, dass ich nichts begriffen hatte. Ich dachte, es gebe zwei Seiten: die Regimeanhänger und die Regimegegner. Die Betenden und die Feiernden. Eine fromme Frau werde niemals ihren Kussmund auf Instagram posten. Ein Student, der vom Westen träume, könne Khomeini nicht verehren. So dachte ich. Ich dachte falsch.

Ich wusste nicht, wie geschmeidig sich die Iraner dur

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