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Wetterleuchten von Nerth, Hans (eBook)

  • Erschienen: 12.02.2015
  • Verlag: Verlag Neue Literatur
eBook (ePUB)
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Wetterleuchten

"Wenn du in ein anderes Land kommst, besagt eine Reporterregel, in eine Stadt, die du noch nicht kennst, geh auf den Friedhof. Erkunde das Leben im Tod. Wie sie sich an ihre irdischen Verdienste klammern, ihre Titel, Herkunft ..." Hans Nerth, ehemaliger WELT-Kulturkorrespondent, ist Reisender auf Lebenszeit. Ein Erkunder ohne Auftrag. Er notiert frühe Erlebnisse, reflektiert Beobachtungen im volkreichen Asien, aber auch Gemächlichkeiten des Lebens auf der Isle of Man. Selbst sieht Nerth sich als Reporter abseits der lärmigen Plätze mit ihren grellbunten Events. Ihn interessiert das unaufdringlich Alltägliche, an dem andere achtlos vorübergehen, Begegnungen mit gebrochenen Charakteren auf der Flucht, Glücksrittern und Verlierern, gedemütigt und trotzig ... Spröder Charme fremder Landschaften und ihrer Menschen prägen die Szenarien seiner differenziert erzählten Geschichten - Unterwegsgeschichten.

Hans Nerth, geboren 1931 in Lübben, lebt heute in Berlin und Puerto Portals. Nach seinem Studium der Architektur und des Industriebaus, welches er mit dem Diplom abschloss, arbeitete er als freier Schriftsteller und Radio-Regisseur. Seine ersten Erzählungen in der damals führenden Kulturzeitschrift "Deutsche Rundschau" brachten ihm bereits einige Bekanntheit. Nachdrucke in Anthologien erschlossen ihm die Feuilletons überregionaler Blätter, von der "Welt" bis zur FAZ. Die Romane "Hurra General" (1963) und "Polfahrt" (1965) entstanden ebenfalls zu jener Zeit. Seine Erfahrungen, die er während mehrerer Erkundungsreisen nach Südostasien, Afrika und Lateinamerika sammelte, fanden Niederschlag in zahlreichen Radio-Features, in Hörspielen und Funkerzählungen, aber auch in der Feuilleton-Sammlung "Himmelbett und Hängematte" (1993) und im Roman "Zwischen den Zeiten. Von Tenterund anderen" (2009). Nerth beschreibt sich heute selbst als "realistischen Autor gängiger Medien, einen Reporter der Zeit und ihrer Menschen". Zur Zeit leitet er ehrenamtlich eine Berliner Galerie für Kunst der Gegenwart.

Produktinformationen

    Größe: 530kBytes
    Herausgeber: Verlag Neue Literatur
    Untertitel: Unterwegsgeschichten. Unterstützte Lesegerätegruppen: PC/MAC/eReader/Tablet
    Sprache: Deutsch
    Seitenanzahl: 168
    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    ISBN: 9783945408223
    Erschienen: 12.02.2015
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Wetterleuchten

Onkel Georg

Onkel Georg war der Sohn eines treudeutschen Zollins-pektors, geboren zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts, als der letzte Kaiser seinem Volk vollmundig versprach, er werde es herrlichen Zeiten entgegenführen ... daraus wurde dann nichts.

Unvorbereitet geriet die Familie meines Onkels in die Wirrnisse, die kamen: Der Krieg ging verloren, der Kaiser trat ab, politische Unruhen erschütterten das Land. Vergeblich hatte die Familie ihr kleines Vermögen geopfert, nun hing das Bekenntnis "Gold gab ich für Eisen" trotzig in steifen Lettern im Korridor, gleich neben der Garderobe; was vom Ersparten blieb, reichte gerade noch für Onkel Georgs Ausbildung.

Seine Schwestern Ella, vor allem aber die jüngere Gertrud - später meine Mutter - fanden sich klaglos in die vorgezeichneten Rollen der "höheren Töchter", lernten Haushaltsführung, Kochen und Kinderaufzucht, sie würden in ein ähnliches kleinbürgerliches Beamtenmilieu einheiraten.

Aber Georg ... der ging aufs Oberrealgymnasium und brachte stets gute bis sehr gute Noten nach Hause, begann zu studieren. Er war Vorzeigesohn, ließ es auch an einer strammen "nun erst recht"-vaterländischen Gesinnung nicht fehlen, vermied jedoch, einem der deutsch-nationalen Studentenbünde beizutreten; sie waren ihm zu hemdsärmelig. Militanten Aufmärschen ging Georg aus dem Wege, Massenveranstaltungen mied er, war unkämpferisch, ja unsportlich, war gern allein.

So kam für ihn nur eine Zukunft auf dem Lande infrage, wenn möglich im weiten, menschenarmen Osten in einer waldreichen, entlegenen Försterei. Für dieses Lebensziel studierte er drei Jahre mit großem Ernst und schnitt wiederum als einer der Besten seines Jahrgangs ab. Zum Forstreferenten ernannt, brauchte er zur forstlichen Staatsprüfung nur noch ein zweijähriges Praktikum und entschied sich für ein Revier im Regierungsbezirk Küstrin ...

Keiner begriff, wie er jetzt noch scheitern konnte. Niemand, der Georg kannte, hielt ihn für schuldig. Seine wenigen Freunde, seine Familie führten das abrupte Ende der Karriere, die Suspendierung vom Staatsdienst und schließlich die Verurteilung Georgs wegen Untreue auf böse Verleumdungen zurück. Ein Irrtum zumindest musste es sein, oder ein Versehen beim Holzeinschlag in einem Buchenwald ... der Rodungsbericht, den Georg aufgestellt hatte, enthielt eine falsche Anzahl der geschlagenen Stämme und stimmte auch nicht mit der Endsumme der Nutz-Schichtholzgewinnung überein.

Anderthalb Ster, fast zwei Festmeter fehlten, und ein Forstgehilfe, ein älterer, wortkarger Mann, bezeugte, in Georgs Auftrag privat eine Fuhre guter, astreiner Stämme in ein Küstriner Sägewerk geschafft zu haben. Zwar hing dem Mann eine Verurteilung wegen Wilderei an, doch hielt ihm das Gericht zugute, mit Frau und vier Kindern in einer Hütte am Rande des Oderbruchs zu leben und im Kriege seine Gesundheit dem Vaterland geopfert zu haben: Nach einer Schussverletzung behielt er eine steife Schulter, blieb im unteren Forstdienst und leistete seine Arbeit wie jeder seiner Kollegen.

Zudem, und das wog schwer, war der Mann vor Kurzem erst zum zweiten Vorsitzenden des örtlichen deutsch-nationalen Frontkämpferverbundes gewählt worden.

Wenn wir unter uns waren, nannten wir ihn respektlos "Orje".

Bei meinem Vater, einem sozialdemokratisch verwurzelten Grundbuchbeamten, der gewohnt war, auch menschliche Lebensbereiche quadratzentimetergenau zu definieren, klang jedes Mal gedämpfter Spott mit, sobald das Gespräch auf Onkel Georg kam. Der schlug sich jetzt als Museumswärter durch, zur Ferienzeit auch tage- und wochenweise als Aushilfskraft in historischen Archiven oder Buchhandlungen .

Die Frauen, Onkel Georgs kaschubische Mutter natürlich, aber auch Tante Ella und meine Mutter, hatten den Tort ihres älteren Bruders, den er der Familie angetan hatte, unlängst verziehen. Sie brachten Verständnis für seine Stimmungsschwankungen auf, un

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