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Überleben in den Todeszonen Meine Grenzerfahrungen als Expeditionsarzt von Kamler, Kenneth (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 17.05.2013
  • Verlag: Bastei Lübbe AG
eBook (ePUB)
7,99 €
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Überleben in den Todeszonen

Auf zahllosen Expeditionen machte Kenneth Kamler - einer der gefragtesten Expeditionsärzte und medizinischer Berater der NASA - die Erfahrung, dass in uns unglaubliche Fähigkeiten schlummern, dem scheinbar sicheren Tod zu entkommen. Aber warum gelingt das nicht jedem und nicht immer?

Der Expeditionsarzt Kenneth Kamler hat sein Leben der Erforschung dieser geheimnisvollen, psychologisch-medizinischen Kräfte gewidmet. Daraus entstand dieses E-Book, das den Leser auf abenteuerliche Expeditionen mitnimmt, wo nie eine Filmkamera hinkommen wird, und ihm die Zerbrechlichkeit des Menschen als auch seine außergewöhnlichen Möglichkeiten packend vor Augen führt.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 397
    Erscheinungsdatum: 17.05.2013
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783838747095
    Verlag: Bastei Lübbe AG
    Größe: 1630 kBytes
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Überleben in den Todeszonen

I N EXTREMIS

W enn der Gesang aufhört, wird mein Patient sterben. Da war ich mir sicher. So sicher, wie man in einem eisigen Zelt auf dem höchsten Berg der Erde und bei der Hälfte der normalen Atemluft nur sein konnte. Pasang hätte schon vor Stunden sterben müssen. Er lag in einem Schlafsack auf einer improvisierten Bahre - einem Haufen Steine, die wir so gleichmäßig wie möglich zu einer Plattform aufgestapelt hatten. Die Hohlräume zwischen den Steinen waren zum Teil voll gefrorenem Urin, denn Pasang war inkontinent geworden, bevor ich einen Katheter in seine Blase einführen konnte. Die Propangaslampe, die das Zelt beleuchtete, warf einen ungesunden gelben Schimmer auf sein aufgedunsenes Gesicht mit den großen blauen Flecken. Seine Augen waren zugeschwollen. Ich hatte schon gesündere Patienten in guten Intensivstationen schneller sterben sehen.

Um die steinerne Plattform hatten sich Sherpas versammelt, Bergmenschen wie Pasang, die für ihn beteten. Obwohl sie mit weit offenen Augen in seine Richtung blickten, nahmen sie ihn anscheinend nicht wahr. Ihre Lippen bewegten sich zu einem monotonen Sprechgesang, der tief aus ihrem Inneren aufstieg - so als gäben sie sich diesen Klängen nur hin, anstatt sie hervorzubringen. Draußen war noch mehr Gesang zu hören, ein körperloser Chor aus den anderen Zelten des Camps, in denen weitere Sherpas Krankenwache hielten. In der tiefen Stille der Nacht war die Wirkung des Gesangs gewaltig, urtümlich und betäubend: ein körperlich empfundenes, tiefes Schwingen, das aus dem Berg selbst aufzusteigen schien.

Pasang war beim Überqueren einer Aluminiumleiter, die waagerecht über einer Gletscherspalte lag, ausgerutscht, 24 Meter tief gestürzt und - mit dem Kopf voran - in dem sich verjüngenden Hohlraum stecken geblieben. Ein Team aus spanischen und nepalesischen Bergsteigern hatte ihm so rasch wie möglich ein Seil um die Hüfte gebunden und ihn wieder an die Oberfläche gehievt. Dennoch hatte er eine knappe halbe Stunde kopfüber zwischen den Eiswänden gesteckt. Die Bergsteiger funkten mich im Basislager an, um mir von dem Unfall zu berichten und meinen Rat einzuholen, aber im Gegensprechverkehr sind Diagnosen und Behandlungsanweisungen schwierig. Der vorläufige Bericht erreichte mich in Form abgehackter Sätze, die aufgeregte Bergsteiger mit starkem Akzent in schwache Funkgeräte riefen. Ich hatte nicht viele Anhaltspunkte und wusste nicht genau, worauf ich mich vorbereiten musste.

Mit dem Funkgerät in der Hand trat ich aus meinem Zelt in die Minusgrade hinaus. Auf halber Höhe des enormen, 600 Meter hohen erstarrten Wasserfalls aus Eis und Schnee, der das majestätische und Ehrfurcht gebietende Eingangstor zum Mount Everest bildet, entdeckte ich eine Ansammlung beweglicher schwarzer Punkte vor dem eisig weißen Hintergrund. Trotz der atmosphärischen Störungen verstand ich, dass Pasang aus der Nase blutete, aber bei Bewusstsein war und sogar laufen konnte. Sie wollten ihn zu mir ins Basislager bringen. Die fernen Punkte setzten sich in Marsch und zeichneten langsam die Konturen jeder der riesigen Eisformationen auf dem Hang nach, die sie während ihres Abstiegs überwinden mussten. Dann hielten sie an. Das Funkgerät knisterte wieder. Pasang war ins Stolpern geraten und dann zusammengebrochen. Jetzt war er bewusstlos. Sie versuchten, ihn auf eine Aluminiumleiter zu schnallen. Ihn auf dieser improvisierten Bahre zu mir zu schaffen würde lange dauern und mühsam werden: Schwierige Abseilaktionen und gewaltige Kraftakte waren da nötig. Es würden etliche Stunden vergehen, bis sie bei mir wären. Viel Zeit, über die Behandlung nachzudenken. Was ich von Pasang wusste, war allerdings dürftig und meine Diagnose deshalb unsicher.

Ein solcher Sturz, bei dem man mit dem Kopf aufschlägt und dann bewusstlos wird, endet meistens mit dem Tod - selbst wenn er sich zufällig in einer der gut ausgestatteten Unfallstationen ereignet hätte, in denen ich in

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