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Solange ich atme Meine dramatische Flucht aus der DDR und wie sie mein Leben prägte von Rohrbach, Carmen (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 12.10.2020
  • Verlag: Piper Verlag
eBook
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Solange ich atme

Angetrieben von dem Wunsch, die Welt zu bereisen, wagt Carmen Rohrbach mit 27 Jahren die Flucht aus der DDR, im Schutz der Dunkelheit über die Ostsee. Zwei Tage und Nächte verbringt sie auf dem Wasser, in ständiger Angst, zu ertrinken oder entdeckt und verhaftet zu werden. Ihr Fluchtversuch misslingt, doch ihr Freiheitswille bleibt ungebrochen: Nach zwei Jahren Haft im Frauengefängnis Hoheneck wird Carmen Rohrbach nach Westdeutschland ausgewiesen - und macht bald darauf als Dokumentarfilmerin und Reiseautorin die ganze Welt zu ihrer Heimat. 'Solange ich atme' ist ihre zutiefst inspirierende, abenteuerliche Lebensgeschichte.

Carmen Rohrbach, geboren in Bischofswerda, ist Entdeckerin aus Leidenschaft. Sie studierte Biologie in Greifswald und Leipzig und schloss mit der Promotion in München ab. Ihre Reisen führten sie nach Südamerika, Afrika, Asien und Arabien, auf dem Jakobsweg durch Frankreich und Spanien und entlang der Isar durch Bayern und Österreich, stets auf der Suche nach intensiven Begegnungen und Naturerlebnissen. Heute ist sie die beliebteste Reiseschriftstellerin Deutschlands, dreht Dokumentarfilme, schreibt für Zeitschriften und hält Vorträge über ihre Reisen. Mit ihren persönlich geschriebenen Reiseberichten hat sie sich inzwischen eine große Fangemeinde erworben. Bei MALIK und MALIK NATIONAL GEOGRAPHIC erschienen mehr als zehn Bücher von Carmen Rohrbach, darunter der Spiegel-Bestseller 'Unterwegs sein ist mein Leben'.

Produktinformationen

    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 256
    Erscheinungsdatum: 12.10.2020
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783492997867
    Verlag: Piper Verlag
    Größe: 25139 kBytes
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Solange ich atme

Aufbruch

Es ist so weit. Ein letzter Blick aus dem Fenster. Menschenleer sind die Straßen. Bald ist es Mitternacht, und Jürgen wird mich abholen. Ich ziehe die Wohnungstür hinter mir zu. Sie fällt mit einem trockenen Klicken ins Schloss - wie immer. Irritiert verharre ich einen Moment. Es müsste doch anders klingen: unabänderlich, endgültig.

Den Fahrstuhl benutze ich nicht. Er ist oft defekt. Jetzt will ich nicht stecken bleiben. Langsam steige ich die Stufen vom 7. Stock hinab, gehe am Treppenfenster vorbei. Dahinter liegt dunkel die Nacht. In der Ecke hängt ein altes Spinnennetz. Es fängt nur noch grauen Staub.

Ich stoße die Haustür auf, die metallisch in ihren Angeln quietscht, und trete hinaus. Draußen empfängt mich eine laue Sommernacht. Es ist August. Über mir ein funkelnder Sternenhimmel. Ein heißes Glücksgefühl durchflutet mich. Alles Schwere ist wie fortgeweht. Ich werfe meine Arme mit einem Jauchzen in die Höhe und möchte fliegen. Frei sein. Ohne Mauern. Ohne Grenzen.

Ich warte auf dem Parkplatz hinter dem Hochhaus. Die glimmenden Bogenlampen lassen die Dunkelheit noch schwärzer erscheinen. Wieder schaue ich auf die Uhr. Beide Zeiger stehen auf zwölf. Jürgen müsste jetzt kommen. Vor einem Monat noch dachte ich nicht an Flucht. Zwar wollte ich die Welt kennenlernen, Expeditionen in ferne Länder unternehmen, den Himalaja und die Anden erkunden, Wälder und Wüsten durchqueren, auf die höchsten Berge klettern und in die tiefsten Meere tauchen. Von Feuerland bis Kamtschatka, von der Arktis bis zur Antarktis, die ganze runde Erde gehörte mir - in meiner Fantasie.

Als mich Jürgen eines Tages mit gedämpfter Stimme fragte: »Kommst du mit? Ich habe einen Fluchtplan«, war ich wie elektrisiert.

Wir saßen in Grüns Weinstuben, und ich starrte ihn an. Flüchten? Plötzlich entrollte sich mein Leben wie ein Film, der in eine Entwicklerlösung getaucht wird. Von einer Sekunde auf die andere wusste ich: Flucht ist der einzige Ausweg.

Jürgen beobachtete mich und sagte: »Du musst dich nicht sofort entscheiden. Nimm dir Zeit, alles abzuwägen. Nächste Woche treffen wir uns wieder.«

Ich schwieg, wollte in Ruhe nachdenken, vor allem über meine Beziehung zu ihm. Bisher hatte ich nicht daran gedacht, mit Jürgen zusammenzubleiben.

Im Mai vor drei Monaten, bei der theoretischen Schulung der Tauchsportler, hatte ich ihn kennengelernt. Ich war neu in der Gruppe. Die Tür öffnete sich, und ein attraktiver Mann betrat den Raum, der von den Tauchschülern wie ein Filmstar begrüßt wurde.

»Wer ist denn das?«, fragte ich das Mädchen neben mir in der Bank.

»Unser Jürgen!«, erklärte sie mit verzücktem Lächeln.

»Ja und? Was macht er?«

»Jürgen ist unser Ausbilder. Nächste Woche fahren wir mit ihm ins Tauchlager. Himmlisch!«

Mit federnden Schritten durchquerte Jürgen den Raum, postierte sich vorn am Lehrerpult, breitete die Arme aus und lächelte. Angeber! Der sieht viel zu gut aus, um echt zu sein. So einen Typ kannte ich nur aus dem Kino. Die Haare sonnenblond, wie vom Sturm zerzaust. Die Augen blau blitzend, verwegen und erfolgsgewohnt. Ein sinnlicher Mund.

Ich war mir sicher, dass seine Ausstrahlung bei mir nicht zünden würde, und das glaubte ich auch noch, als ich mit ins Tauchlager fuhr. Amüsiert beobachtete ich, wie er von den Mädchen umschwärmt wurde. Nicht lange und er wandte sich mir zu; ich tat, als merkte ich es nicht, und verhielt mich betont kameradschaftlich. Aber ich hatte ihn unterschätzt, er ging auf mein Spiel ein. Nach einer Woche im Tauchlager trafen wir uns öfter in Grüns Weinstuben, und von einem Mal zum andern musste ich mich mehr anstrengen, die Balance zwischen Freundschaft und Zuneigung aufrechtzuhalten.

 

Autoscheinwerfer zerschneiden die Dunkelheit, blenden meine Augen. Der Wagen bremst hart neben mir. Jürgen drückt die Beifahrertür auf, ich steige ein und setze mich neben ihn. Mehr als »Hallo!« bri

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