text.skipToContent text.skipToNavigation
background-image

Gebrauchsanweisung für Ostdeutschland von Schmidt, Jochen (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 14.09.2015
  • Verlag: Piper Verlag
eBook (ePUB)
12,99 €
inkl. gesetzl. MwSt.
Sofort per Download lieferbar

Online verfügbar

Gebrauchsanweisung für Ostdeutschland

Wissen Sie, was den Burj Khalifa in Dubai mit dem Palast der Republik verbindet? Wo der Eierscheckenäquator verläuft? Und welches Wahrzeichen die 'Fit'-Flasche kopiert? Jochen Schmidt, aufgewachsen in der DDR, reist durch die Bundesländer des Ostens, die immer noch für viele Deutsche Neuland sind. Um dies zu ändern, besichtigt er die Raumfahrtausstellung im Heimatort des ersten Deutschen im All. Erkundet nationale Aufbauprojekte wie den Rostocker Seehafen. Und sucht im Köpenicker Forst den Kopf einer vergrabenen Lenin-Statue. Er ergründet die Zeugnisse der 'Ostmoderne', würdigt das Improvisationstalent der Menschen und lässt sich ihre Geschichten erzählen. Eine kluge Anleitung für alle, die den Osten entdecken wollen oder sich gerne erinnern.

Jochen Schmidt, 1970 in Ost-Berlin geboren, war 1999 Mitbegründer der Berliner Lesebühne 'Chaussee der Enthusiasten'. Er ist Übersetzer und Autor, u.a. der Bände 'Meine wichtigsten Körperfunktionen' und 'Schmidt liest Proust'. Er hat in Bukarest studiert und Auslandsaufenthalte in Brest, Valencia, Rom, New York und Moskau verbracht. Seit Jahren dokumentiert er fotografisch die Kuriositäten und Spuren der DDR-Vergangenheit im Alltag. Er veröffentlichte zuletzt den Roman 'Schneckenmühle' und zum Jubiläum des Mauerfalls 'Drüben und drüben' (mit David Wagner). Jochen Schmidt lebt heute in Berlin. Bei Piper erschienen außerdem die 'Gebrauchsanweisung für die Bretagne' und die 'Gebrauchsanweisung für Rumänien'.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 240
    Erscheinungsdatum: 14.09.2015
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783492971737
    Verlag: Piper Verlag
    Serie: Piper Taschenbuch 7669
    Größe: 8849 kBytes
Weiterlesen weniger lesen

Gebrauchsanweisung für Ostdeutschland

Autofahren nach Norden

Ich komme immer so schwer los, wenn ich im Hausflur meinen Nachbarn treffe. Er war vor der Wende kein Freund der DDR und hat aus Bettlaken für Mitschüler USA-Victory-Zeichen genäht. Aber das Leben im Kapitalismus setzt ihm so zu, dass er zu seinem Schrecken sogar schon beim Hören einer Ostrock-CD sentimental wird, Musik, die man damals aus Prinzip verachtete. Er hat seine Arbeit als Filialleiter einer Buchkette gekündigt, weil er das niveaulose Sortiment und die Gehirnwäsche in den regelmäßigen Marketingschulungen nicht mehr ertrug. Dafür hat er jetzt kein Geld. Ich habe einige Freunde, die wie er dem Osten nicht nachweinen, aber mit dem Westen nicht warm werden. Mein Nachbar erzählt mir, dass er die Unterlagen seiner ersten Wohnung in Pankow gefunden hat, für die er damals 21 Mark Miete zahlen musste; heute geht das ganze Geld, das er verdient, für Miete und Heizung drauf. Sein einziger Trost: wenn der FC Bayern mal verliert.

Wie schön ist es immer, am Alexanderplatz vorbeizufahren, aber es ist jedes Mal ein Abschiedsbesuch, denn seit der Wende wird über neue Wolkenkratzer geredet, also vor allem über Abriss. Sogar das schöne Haus des Reisens soll fallen. Über die unmenschlich großen Freiflächen würden sibirische Winde pfeifen, die »sozialistische Einschüchterungsarchitektur« müsse dringend auf traditionelle Blockrandbebauung umgestellt werden. Die ästhetischen Argumente sind für mich reine Folklore, man könnte ja darüber diskutieren, aber in Wirklichkeit geht es um Geld. Der Plattenbau neben dem Berliner Verlag gilt der BZ als größter Schandfleck von Berlin. Wenn das so ist, wünsche ich mir mehr Schandflecken, immerhin kann man dort im Zentrum einer europäischen Hauptstadt noch günstig wohnen. Ich habe mich an den Bau gewöhnt, und dass heute so nicht mehr gebaut würde, macht ihn für mich interessant. Da es im Osten keine wirkliche Öffentlichkeit gab, haben Gerüchte immer eine große Rolle gespielt. Von diesem Haus hieß es, dass in der einzigen Wohnung, die an der seitlichen Fassade ein zusätzliches Fenster hatte, Honeckers Tochter wohnte, was natürlich nicht stimmt, da sie ja in der Leipziger Straße ihre Wohnung hatte, das Fenster erklärt sich durch die Konstruktion des Hauses. Reicht so eine Geschichte, um das Haus unter Denkmalschutz zu stellen? Rechts daneben steht das ehemalige Presse-Café, heute »Escados«. Es hatte bis zur Wende einen bunten Wandfries von Willi Neubert, der inzwischen in Thale, wo er vor seiner Zeit als Künstler in den Eisen- und Hüttenwerken gearbeitet hat, wieder geschätzt wird. Der Emailfries wurde übrigens nicht abgenommen und ist unter der Verkleidung noch vorhanden. Vielleicht nur eine listige Form von Konservierung?

In Neuruppin fahre ich von der Autobahn auf die Landstraße, Dörfer mit Feldsteinkirchen. Hier sind die Häuser viel weniger bunt renoviert als zwischen Berlin und Frankfurt (Oder). Überall gibt es interessante Technikmuseen, in Kyritz ein Agrarflugmuseum, in Lindenberg ein Kleinbahnmuseum. In Perleberg ist neulich von der Polizei ein Multicar angehalten worden, das seit der Wende mit DDR-Kennzeichen gefahren ist. Es gibt ein DDR-Museum, an der Fassade hängen zwei Mauersegmente und der etwas seltsame Spruch: »Den Opfern zum Gedenken 1945 1989« - »Das Wunder vom Herbst 1989. Wir sind das Volk - das Volk sind wir!« Man müsste mal eine Datenbank aller noch erhaltenen Mauersegmente erstellen. Ich kenne sogar eines in einem Friedrichshainer Hinterhof, niemand weiß, wie es dort gelandet ist. Warum war ich noch nie in Perleberg? Ein Busfahrer in Moskau hat mir, als er hörte, dass ich Deutscher bin, einmal gesagt, dass er dort gedient habe. Auf einem zentralen Platz finde ich einen russischen Soldatenfriedhof mit dem roten Stern. Ich freue mich, dass ich inzwischen die russische Inschrift lesen kann; in der Schule wäre ich dazu nicht in der Lage gewesen, aber jetzt, wo ich freiwillig Russisch lerne, liebe ich diese Sprache

Weiterlesen weniger lesen

Kundenbewertungen