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Gebrauchsanweisung für Rumänien von Schmidt, Jochen (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 12.03.2013
  • Verlag: Piper
eBook (ePUB)
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Gebrauchsanweisung für Rumänien

Vom Banat bis nach Bukarest, von Hermannstadt nach Transsilvanien, ins "Land jenseits der Wälder": Der Autor erzählt von Schnaps, der auf Obstbäumen wächst, von Draculas Nachfahren und so wichtigen Erfindungen wie dem Düsenflugzeug oder dem Füller. Von einem Land, in dem ein prächtiges Haus "Villa Schmiergeld" getauft wird und der Alltagshumor allgegenwärtig ist. Das heute stolz auf die Überreste römischer Besatzung blickt und den Einfluss Moskaus verschmäht. Wo Baustellen wie Spielplätze aussehen und im Krämerladen an der Ecke neben Brot und Gemüse auch Fotokopien und Versicherungen zu kaufen sind. Von Constantin Brâncu?i, der schon als Kind aus einer Obstkiste eine Geige gebaut haben soll. Und von der Poesie des Provisorischen.

Jochen Schmidt, 1970 in Berlin geboren, hat in Bukarest studiert und verbrachte Auslandsaufenthalte in Brest, Valencia, Rom, New York und Moskau. 1999 war er Mitbegründer der Berliner Lesebühne "Chaussee der Enthusiasten". Er ist Übersetzer und Autor, u.a. der Bände "Müller haut uns raus", "Triumphgemüse", "Meine wichtigsten Körperfunktionen", "Schmidt liest Proust", "Schneckenmühle" und "Der Wächter von Pankow". Seit einigen Jahren dokumentiert er fotografisch die Kuriositäten der DDR-Vergangenheit im Alltag. Zum Jubiläum des Mauerfalls veröffentlichte er zusammen mit David Wagner "Drüben und drüben". Jochen Schmidt lebt in Berlin. Bei Piper liegen von ihm die "Gebrauchsanweisung für die Bretagne", "Gebrauchsanweisung für Rumänien" und "Gebrauchsanweisung für Ostdeutschland" vor. Zuletzt erschien sein Roman "Zuckersand".

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 240
    Erscheinungsdatum: 12.03.2013
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783492961240
    Verlag: Piper
    Größe: 3019 kBytes
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Gebrauchsanweisung für Rumänien

Mit der Schäferin durch Schulligulli

Sighetu Marma?iei. Die ersten mit abgeschnittenen Plasteflaschen bekrönten Zaunpfähle. Wahlplakate, ein unabhängiger Kandidat wirbt für sich:"Statt einer Partei lieber einen Menschen." Der Palatul Cultural Astra , ein burgartiges Gebäude an einer Straßenecke. Einfach die Tür öffnen? Ein Ikarus-Wandgemälde, das war auch typisch für die DDR, der Kult um diesen Freiheitshelden: " Flieg, flieg, wie ein Falke, der das enge Erdenverlies verlässt. " Ich falle dem Personal auf, und der Direktor führt mich persönlich durch das Gebäude. Das Haus sei eine Stiftung eines reichen Ungarn aus den 30er-Jahren. Ein ofengeheizter Ballettsaal. In der Malerklasse lernt eine Frau die Technik der Hinterglasmalerei. Ich kaufe ihr zwei Ikonen ab, das Geld wäre schon der Rahmen wert. Die Künstlerin schreibt für ihren Unterricht einen Text aus einem großen Buch ab. Warum sie das nicht kopiere? Das gehe nicht, das Buch sei zu alt und wertvoll. Und so schreibt sie einen Text aus einem Buch ab, das kaum 100 Jahre alt ist.

Im Direktorenbüro hängt ein Neuschwanstein-Poster, davor steht ein Gummibaum, von einer ausrangierten Neonröhre gestützt, die in der Blumenerde steckt. Das sei kreativer Umweltschutz, sagt der Direktor grinsend. Ich liebe diese improvisierten Lösungen, wo so etwas möglich ist, atmet die Seele auf. Und wo geht es wieder raus? " Penultima la dreapta ", sagt er, die vorletzte Tür links. Penultima, ein griechischer Begriff aus der Metrik, so wird die vorletzte Silbe im Wort bezeichnet. Aber auf Rumänisch auch eine Tür. Wer da nicht Rumänisch lernen möchte!

Im Zentrum der Stadt das Memorialul Victimelor Comunismului ?i al Rezisten?ei (Gedenkstätte für die Opfer von Kommunismus und Widerstand). Es ist aus einer Privatinitiative hervorgegangen, die rumänische Politik hat sich um so etwas nach der Wende nicht gekümmert. Hinter jeder Zellentür ein anderes Thema für eine Doktorarbeit. Bürgerliche, Bauern, Politiker, Offiziere, Studenten, Ärzte sind hier gestorben, vor allem in den 40ern und 50ern. Ein gelbes Herz, 1950 aus dem Stiel einer Zahnbürste geschnitzt. Der Fall eines Gefangenen, der nach Misshandlungen gespürt hat, dass er nackt in einer kalten Betonzelle nicht überleben werde, und einen jüngeren die Nacht über auf sich hat sitzen lassen, um ihn zu retten. Ob es stimmt, dass der ehemalige Gefängnisdirektor seit Jahren versucht, dem Memorial den Hut des hier gestorbenen Politikers Iuliu Maniu zu verkaufen?

Ein Raum zeigt Alltagsgegenstände aus dem Kommunismus. Ceau?escu-Porträts in fast schon karikaturhafter Unähnlichkeit. Er besucht LPGs, gibt Bauern nützliche Hinweise und erläutert Ingenieuren den Bau von Kraftwerken. In zwei durchsichtigen Säulen haben sie Ostprodukte entsorgt, als sei es Müll: das Sparbuch, das alle hatten, Puppengeschirr, Kinderkameras, Pepsiflaschen, die orangeblaue Uniform der Jugendorganisation ?oimii Patrici (Falken). Es gibt bei den Vertretern der antistalinistischen Aufklärung noch kein Bewusstsein für den emotionalen Gehalt solcher Alltagsgegenstände. Mit einer Archäologie der Gegenwart, oder auch nur dem Archivieren der Alltagswelt, ist hier noch nicht begonnen worden. Dafür ist vieles aber auch noch in Gebrauch.

Am Busbahnhof komme ich genau rechtzeitig, um im Euro-Café Gara "Gordon blue" zu essen. Ich finde ganz hinten noch einen Platz im Minibus nach Vi?eu de Sus, wo ich mit der letzten noch betriebenen Wald-Schmalspurbahn Rumäniens fahren will, einer sogenannten moc?ni?a , was wörtlich Schäferin heißt. Ich habe Glück, ander

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