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Gebrauchsanweisung für Schweden von Rávic Strubel, Antje (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 27.04.2012
  • Verlag: Piper
eBook (ePUB)
12,99 €
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Gebrauchsanweisung für Schweden

Eine alte Villa in Värmland, inmitten der Wälder, unweit von Selma Lagerlöfs Wohnhaus: Antje Rávic Strubel spürt ihrer Sehnsucht nach- und begegnet dabei Pippi Langstrumpf, Männern mit Kinderwagen und fast keiner Mücke. Sie verrät, warum man Holzhäuser knallrot anstreicht; wie Wintersport zum Volksfest wurde; und womit Köttbullar und Safrankuchen am besten schmecken. Weshalb es in Schweden kaum Ikea-, aber so viele Antikmärkte und Designer gibt. Dass schon die Nationalhymne von der Liebe zur Natur erzählt. Warum der Wodkagürtel so locker sitzt und der Polarkreis gleichzeitig in zwei Richtungen wandert. Was Gotland zum Paradies für Individualreisende macht. Wie es um die supersoziale Marktwirtschaft bestellt ist. Und was Sie tun sollten, wenn Sie beim Himbeerpflücken von einem Elch überrascht werden.

Antje Rávic Strubel, 1974 in Potsdam geboren, aufgewachsen in Ludwigsfelde, arbeitet nach Ausbildung zur Buchhändlerin und Studium als Übersetzerin und Schriftstellerin und wurde mit zahlreichen Literaturpreisen ausgezeichnet. Sie lebt in Potsdam und veröffentlichte u.a. die Romane 'Tupolew 134', 'Kältere Schichten der Luft' und 'Sturz der Tage in die Nacht'. Bei Piper erschienen von ihr die "Gebrauchsanweisung für Schweden" sowie zuletzt ihre 'Gebrauchsanweisung für Potsdam und Brandenburg'.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 256
    Erscheinungsdatum: 27.04.2012
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783492956994
    Verlag: Piper
    Größe: 3681 kBytes
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Gebrauchsanweisung für Schweden

Sehnsucht Noch immer sehe ich sie stehen. Am Kai. Auf der Mole. Am Leuchtturm in Sassnitz. Am Strand. Menschen in bunten Hemden, mit flatternden Hosenbeinen, schief gewehten Hüten, Menschen in DDR-Niethosen, die Hosenbeine bis zum Knie aufgerollt. Ich sehe sie stehen, ich sehe sie mit einer Hand die Augen abschirmen und den Fähren nachschauen. Fähren, die über die Ostsee fuhren, nach Trelleborg und weiter. Ich sehe sie aufs Meer hinausschauen, der Schwedenfähre nach, die aus dem Sassnitzer Hafen auslief. Die Fähre fuhr in greifbarer Nähe vorbei, Reling, Rettungsboote, Rauch und Bullaugen waren für das bloße Auge sichtbar. Die Blicke aber waren auf Unsichtbares gerichtet?: auf schwimmende Paläste, die das schnöde Hier mit einem Traum verbanden, mit der anderen, unbekannten Seite der Welt, mit dem Westen. Die Fähren waren real und irreal zugleich und entzündeten Wahnvorstellungen. Die Menschen winkten ihnen nach und malten sich aus, wie es wäre, in einem Werkzeugkasten in den Maschinenraum geschmuggelt zu werden, als Matrose verkleidet an Bord zu gehen oder sich, an den Unterboden eines Lkws gekettet, als Frachtgut verladen zu lassen. Manche übten sich im Weitspucken. Einmal, das wussten sie, würde die Spucke die Bordwand treffen und dort hängen bleiben, und dann würde das Ungeheuerliche geschehen?: Die Spucke würde in weniger als fünf Stunden das ersehnte Ufer erreichen; ihre Spucke. Ein Teil ihrer selbst. Sie aber mussten jede dieser Fähren davonziehen lassen. Die Fähren zogen schmerzhaft langsam dahin. Sie wurden zu weißen Punkten, sie standen noch lange am Horizont, bevor sie verschwanden. Mit ihnen verschwanden teurer Sekt und glitzernde Pools auf dem Oberdeck, coole Musik, glänzende Zeitschriften und Düfte, die schwindlig machten und in der salzig-öligen Ostseeluft beinahe schon zu wittern waren. Es verschwanden lässige Kellner, lässige Eltern, rosenlippige Mädchen und schmalbrüstige Jungs und vor allem eines?: echte Jeans. Stonewashed. Erst als auch die letzte Fähre hinter dem Horizont verschwunden, als sie abgetaucht war hinter der unsichtbaren Grenze, die irgendwo zwischen den Kreidefelsen, der Mole und dem fernen gelobten Land verlief, war man nicht mehr so sicher, dass es alles das auch tatsächlich dort gab. Man hatte es zwar vor dem inneren Auge gesehen, in vagen Bildern, flüchtig und wie aus der Erinnerung. Aber die Erinnerung wurde durch nichts gestützt. Schließlich war niemand je dort gewesen. Und wenn es einem doch gelungen sein sollte, mit einem Segler, einem Schlauchboot oder auf der Luftmatratze lebend die Grenze zu überqueren, dann war er nie zurückgekehrt, um davon zu berichten. Der Himmel reichte nicht weiter als der Blick. Was dann kam, glich so sehr dem Nichts, dass man sich sagte, die Sehnsucht lohne vielleicht nicht. Vielleicht waren auch die Fähren nur Gaukelei, Hitzebilder der Ostseeluft. Dieser Gedanke war tröstlich. Allerdings hielt er nicht lange, weil er so durchschaubar war. Sogar der Trost schmeckte schal. Ich sehe sie stehen. Ich selbst stand auch da. Aber ich war zu jung, als dass alle diese Erinnerungen meine eigenen sein könnten. Erinnerungen an ein Schweden im Kopf, das in einem gleißenden Licht erschien. Ein Licht, in dem es leuchtend rote Häuser, gepflegte Straßen, wohlhabende, ausgeglichene Menschen gab, riesige, gesunde Wälder, ABBA und Lachs; ein Luxus, der meine Vorstellungskraft gänzlich überstieg. Ich war zu jung. Aber jedes Mal, wenn heute die Fähre in Sassnitz ablegt und ich auf dem Weg nach Schweden bin, sehe ich sie da stehen und winken. Wenn über diesem Buch eine silberne Melancholie hängt, wenn sich ein tief stehendes, blendendes Licht wie ein Weichzeichner über die Landschaft der Sätze legt, wenn der Holzgeruch des Sommers zu intensiv aus den Zeilen strömt und der Himmel größer wird, als er es in Wirklichkeit je sein könnte, dann vergeben Sie mir. Noch immer entzündet jede Fähre die Sehnsucht in mir erneut, und seit die

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