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Als hätte der Himmel mich vergessen Verwahrlost und misshandelt im eigenen Elternhaus von Sander, Amelie (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 13.01.2017
  • Verlag: Bastei Lübbe AG
eBook (ePUB)
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Als hätte der Himmel mich vergessen

Pro Tag muss ihr ein Becher Wasser reichen, am Mittagstisch bekommt sie von der Mahlzeit einen Löffel voll, während sich die anderen sattessen. Von ihrem 4. Lebensjahr an wird Amelie von ihrer Stiefmutter terrorisiert, gequält und in Gefangenschaft gehalten. Der Außenwelt erklärt die Familie, Amelie sei behindert, so können sie ihren perfiden Sadismus jahrelang ungehindert ausleben. Erst mit 21 gelingt Amelie die Flucht. Sie hat lange gebraucht, die Traumata zu verarbeiten, aber jetzt ist sie bereit, ihre bewegende Geschichte zu erzählen.

Amelie Sander wurde Ender der 60er Jahre in einer mittelgroßen Stadt in Deutschland geboren. Nach ihrer Flucht aus dem Elternhaus musste sie von Null auf Hundert lernen, sich im täglichen Leben zurechtzufinden und auf eigenen Beinen zu stehen. Als sie ihren Mann kennenlernte, erfüllte sich ihr größter Wunsch: einen Menschen zu finden, den sie lieben und rückhaltlos vertrauen kann.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 368
    Erscheinungsdatum: 13.01.2017
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783732530670
    Verlag: Bastei Lübbe AG
    Größe: 5904 kBytes
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Als hätte der Himmel mich vergessen

1. Kapitel
Die Flucht

Ich wache auf und weiß überhaupt nicht, wo ich bin. Das Zimmer ist hell, die Möbel so weiß wie das Bettzeug, in dem ich liege, und es duftet nach Sauberkeit und Frische. Es dauert eine Weile, bis ich es fassen kann: Ich bin meinem Gefängnis entronnen. Ich habe es tatsächlich geschafft, der Tyrannei meiner Stiefmutter zu entfliehen. Ich kneife mir in den Arm, um sicherzugehen, dass ich nicht träume. Aber es ist Wirklichkeit: Ich bin frei.

Ich will aus dem Bett steigen, doch sofort wird mir schwarz vor Augen, sodass ich mich wieder in die Kissen fallen lasse. Und mit der Schwäche ist auch die Angst wieder da, meine treue Begleiterin, solange ich mich zurückerinnern kann. Sie sagt: 'Sie werden kommen und dich holen. Die Nonnen werden dich nicht beschützen können.'

Vor mir sehe ich das gehässige Gesicht meiner Stiefmutter. 'Du hast tatsächlich geglaubt, dass du mir entwischst?' Ich halte mir die Ohren zu, um ihr hässliches Lachen nicht hören zu müssen; verberge mein Gesicht hinter meinen gekreuzten Armen, um ihren Schlägen zu entgehen.

Doch die Zeit vergeht, und niemand kommt, um mich zu holen. Mein Atem beruhigt sich langsam. 'Keine Panik, Amelie', sage ich mir. 'Sie haben dich gehen lassen. Auch wenn es im letzten Moment fast anders ausgegangen wäre.'

Und schon steht mir wieder alles vor Augen: meine Flucht und wie es dazu kam.

- - -

Um sieben Uhr ist Zeit zum Abendbrot. Geduckt nehme ich meinen mir seit Jahren zugewiesenen Platz in der hintersten Ecke der kleinen Küche ein, wo schon mein besonderer Teller auf mich wartet. Vom Familiengeschirr darf ich nicht essen, die anderen »könnten sich ja etwas bei mir holen«. Mein altes Geschirr wird als letztes im schmutzigen Spülwasser abgewaschen und separat aufbewahrt, ganz so, als wäre ich aussätzig. »Mama«, wie ich meine Stiefmutter nennen muss, hat mir zwei kleine Brote dünn mit Margarine bestrichen und eine Scheibe Wurst pro Brot daraufgelegt. Die Wurst ist schon ein paar Tage alt. »Die neu gekaufte hast du nicht verdient«, zischt sie mir zu. Noch immer trifft mich ihr Hass mitten ins Herz.

Ich schlinge mein karges Abendessen hinunter. Natürlich macht es mich nicht satt, im Gegenteil, ich habe das Gefühl, jetzt noch hungriger zu sein. Ich sehe den anderen beim Essen zu und habe das Gefühl, gleich durchzudrehen. Wir wohnen in einer guten Gegend, mein Vater hat einen guten Job und bringt genügend Geld nach Hause, so wie alle in unserer Nachbarschaft, und wahrscheinlich bin ich die Einzige weit und breit, die vor Hunger fast halluziniert. Als ich die Treppe hoch in mein Zimmer gehe, muss ich achtgeben, dass ich vor Schwäche nicht stürze. Im Bett wälze ich mich hin und her. Mein gesamter Körper tut mir weh, so hungrig bin ich. Um mich abzulenken, versuche ich, mich auf den morgigen Tag zu konzentrieren. 'Nur noch wenige Stunden, Amelie', sage ich mir selbst, 'dann hast du es hinter dir.' Irgendwann sinke ich in einen dumpfen Schlaf.

Am nächsten Morgen schrecke ich schon um sechs Uhr wieder hoch. Das ganze Haus schläft noch, keiner ahnt, was ich heute vorhabe, und das ist auch verdammt gut so. Als mir klar wird, dass endlich der Tag meiner Flucht angebrochen ist, wird mir schlecht vor Aufregung. Schnell fliehe ich in meine Traumwelt, die ich mir im Laufe der langen, einsamen Jahre geschaffen habe.

In dieser Traumwelt ist alles gut. Der Tisch ist üppig gedeckt, und zwar ganz allein für mich. Der Kühlschrank ist voll, und ich nehme mir, was ich möchte. Allein diese Szene kann mich stundenlang beschäftigen. Die anderen sehen eine abgemagerte Amelie, die mit abwesendem Blick ins Leere vor sich hin starrt. Sie denken, ich bin zurückgeblieben. In Wirklichkeit haue ich mir gerade den ausgehungerten Bauch voll - leider nur in meiner Fantasie.

Ich höre, wie meine Stiefmutter aus ihrem Schlafzimmer trampelt und mein

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