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Bei uns in Auschwitz von Borowski, Tadeusz (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 05.09.2014
  • Verlag: Schöffling & Co.
eBook (ePUB)
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Bei uns in Auschwitz

Die Erzählungen des polnischen Auschwitzüberlebenden Tadeusz Borowski gehören zu den beklemmendsten Zeugnissen des 20. Jahrhunderts. Scheinbar moralisch indifferent beschreibt Borowski die Greuel der nationalsozialistischen Vernichtungslager und verzichtet dabei auf eine klare Trennung zwischen Opfer und Täter. Aus der Perspektive des Kapos, der als Aufsichtsperson eine Rolle zwischen seinen Mithäftlingen und deren Mördern einnimmt, schildert er den Wettlauf der Häftlinge ums Überleben. Mit einer erbarmungslosen Genauigkeit, die dem Leser nichts schenken will, berichtet er von der Mutter, die bei der Selektion ihr Kind verleugnet und der Arroganz der alteingesessenen Häftlinge gegenüber den Neuankömmlingen im Lager. Imre Kertész bewundert die 'klaren, selbstquälerisch gnadenlosen Erzählungen' Borowskis, die in der europäischen Lagerliteratur einzigartig sind. 'Ich wollte aufschreiben, was ich erlebt habe, aber wer auf der Welt wird einem Schreiber glauben, der eine unbekannte Sprache spricht? Das ist, als wollte ich Bäume und Steine überzeugen', sagt Borowski nach seiner Befreiung und Rückkehr nach Warschau. Die Erzählungen Borowskis sind jetzt - fast sechzig Jahre nach ihrer Entstehung - in der Neuübersetzung von Friedrich Griese wiederzuentdecken. Tadeusz Borowski, geboren 1922 in Schitomir (Ukraine), studierte Polonistik an der Untergrund-Universität in Warschau. 1943 wurde er verhaftet und nach Auschwitz deportiert, danach in andere Lager, zuletzt nach Dachau. Nach der Befreiung der Konzentrationslager hielt er sich in München auf, wo 1945 ein Gedichtband erschien. 1946 arbeitete er als Redakteur in Warschau, 1949/50 als Korrespondent in Berlin. 1951 nahm sich Tadeusz Borowski in Warschau das Leben.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 424
    Erscheinungsdatum: 05.09.2014
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783731760603
    Verlag: Schöffling & Co.
    Größe: 1275 kBytes
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Bei uns in Auschwitz

III

Die Schulung verzögert sich noch, weil wir auf die Pfleger aus den benachbarten Lagern Janina, Jaworzno und Buna warten. Außerdem sollen Pfleger aus Gleiwitz und Myslowitz kommen, Lagern, die etwas weiter entfernt sind, aber noch zu Auschwitz gehören. Unterdessen vernahmen wir die hochtönenden Reden des schwarzhaarigen Schulungsleiters, des kleinen, hageren Adolf, der erst kürzlich aus Dachau gekommen und ganz mit Kameradschaft erfüllt ist. Er wird die Gesundheit im Lager durch die Ausbildung von Pflegern heben und die Sterblichkeit dadurch senken, daß er uns erklärt, wie das menschliche Nervensystem funktioniert. Adolf ist ungemein sympathisch und nicht von dieser Welt, aber als Deutscher versteht er nicht, wie sich die Dinge zu den Erscheinungen verhalten, er klammert sich an die Wortbedeutungen, so als seien sie die Wirklichkeit. Er sagt " Kameraden " und glaubt, wir seien wirklich " Kameraden ", er spricht von der "Verminderung des Leidens" und glaubt, das sei hier möglich. Auf dem Lagertor steht aus verflochtenen Eisenlettern "Arbeit macht frei". Anscheinend glauben sie wirklich daran, diese deutschen SS -Männer und Häftlinge. Sie, die mit Luther, Fichte, Hegel und Nietzsche groß geworden sind. Einstweilen findet also keine Schulung statt, und so treibe ich mich im Lager herum, mache landes- und seelenkundliche Exkursionen. Eigentlich sind wir dabei zu dritt: Staszek, Witek und ich. Staszek zieht es für gewöhnlich zum Küchenblock und zum Magazin, wo er nach Leuten Ausschau hält, denen er mal etwas gegeben hat und die ihm jetzt etwas schuldig sind. Gegen Abend setzt dann die Prozession ein. Da kommen irgendwelche Typen zu uns, denen die Bosheit ins Gesicht geschrieben steht, aber dann setzen sie mit ihren glattrasierten Visagen ein freundliches Grinsen auf und holen allerlei unter ihren engsitzenden Jacken hervor, einen Würfel Margarine, Weißbrot aus dem Krankenbau, eine Wurst oder Zigaretten. Das werfen sie auf die untere Pritsche und verschwinden wie in einem Film. Wir teilen die Beute auf, ergänzen sie aus unseren Vorräten und kochen uns etwas in dem Kachelofen mit den bunten Majolika-Kacheln.

Witek zieht es zu dem Klavier. Der schwarze Kasten steht in dem Block, in dem auch der Puff ist, aber während der Arbeitszeit ist Spielen nicht erlaubt, und nach dem Appell spielen die Musiker, die jeden Sonntag Symphoniekonzerte geben. Das werde ich mir unbedingt mal anhören.

Gegenüber dem Konzertsaal fanden wir auf einer Tür die Aufschrift "Bibliothek", doch nach Auskunft von Eingeweihten ist sie nur für Reichsdeutsche und enthält ohnehin nur ein paar Kriminalromane. Ich konnte das nicht nachprüfen, weil die Tür ständig verschlossen ist.

In diesem Kulturblock befindet sich neben der Bibliothek die Politische Abteilung und daran angrenzend das Museum. Dort werden Fotos aufbewahrt, die man aus Briefen herausgefischt und beschlagnahmt hat, sonst angeblich nichts. Schade, es wäre der ideale Ort für die halbgebratene menschliche Leber, von der mein griechischer Freund probiert hat, wofür er fünfundzwanzig auf den nackten Arsch bekam.

Aber das Wichtigste befindet sich im ersten Stock. Es ist der Puff. Seine Fenster stehen selbst im Winter halboffen. Nach dem Appell beugen sich Frauenköpfe in den verschiedensten Schattierungen aus den Fenstern, und aus den blauen, rosafarbenen und hellgrünen (diese Farbe mag ich sehr) Morgenmänteln ragen Arme hervor, schneeweiß wie Meerschaum. Es sind, glaube ich, fünfzehn Köpfe und dreißig Arme, nicht mitgerechnet die alte Madame mit dem mächtigen, epischen, legendären Busen, die über die K&oum

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