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Bis das Ross im Himmel ist von Stauffer, Stef (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 24.10.2014
  • Verlag: Lokwort Buchverlag
eBook (ePUB)
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Bis das Ross im Himmel ist

Dass der Bub der Sattler-Familie in ein bewegtes Umfeld hineingeboren wird, ist sein Glück. Es ist ein Alltag, wo das Brichten, Plagieren und wüst Tun genauso zum Kommen und Gehen gehört wie die Kundschaft im Laden. Es ist eine Zeit, wo der Junge zum feinen Beobachter einer ländlichen Vorstadtgemeinde wird und den Gang der Dinge realisiert. Anstelle der Pferde erobert ein Opel Kapitän das Dorfbild, die Stimmung des Cupfinals überschreitet die Stadtgrenzen und im Musikunterricht der Schule sorgt ein Tonbandgerät für Furore. Als Ohr- und Augenmensch hält der Bub fest, was zu fassen ist und öffnet die Tür zu einer Vergangenheit, wie sie präsenter nicht sein kann.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: none
    Seitenzahl: 192
    Erscheinungsdatum: 24.10.2014
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783906786582
    Verlag: Lokwort Buchverlag
    Größe: 623 kBytes
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Bis das Ross im Himmel ist

3

"Und man hat gar nicht aufgemacht?"

"Doch, und dann grad wieder zu. Da war nichts mehr zu machen. Sie haben sie nicht lang behalten und wieder heimgeschickt."

Im Spital ist der Grossmutter nicht mehr zu helfen. Zu spät hat man die Operation in Betracht gezogen, um sie von den quälenden Schmerzen zu erlösen. Ein paar Wochen noch liegt sie nach dem Spitalaufenthalt im mächtigen Bett, wird immer schmaler und schmaler, bis sie zwischen den Kissen schliesslich fast verschwindet. Jetzt sind die Leichenbitterinnen im Dorf unterwegs, künden von dem Todesfall und bitten z'Liicht. Mit der angemessenen Ruhe und würdig gehen sie von Tür zu Tür, die Nachricht verbreitet sich schnell. Hier und dort hält man sich etwas länger auf. In der Hoffnung, es gäbe mehr zu sagen, man bekomme mehr zu hören. Ein Zwänzgi oder Füfzgi gibt man den schwarz gekleideten älteren Frauen mit auf den Weg. Denn nur grad für Gottes Lohn machen sie es nicht, das Verbreiten der traurigen Nachricht.

Der Schreiner kommt in die Sattlerei. Er ist zugleich Bestatter und Sargmacher. Schön richtet er die Grossmutter her und bahrt sie auf in der guten Stube. Die Leute drängen sich um den Sarg. Verwandte, Angehörige und Neugierige. In aller Stille sprechen sie ein Gebet und verlassen das Haus leise wieder, Grossvater, Vatter und Mueti ihr Beileid entbietend. Die Kinder staunen, wie viele Freunde die alte, verbitterte Frau dann doch gehabt hat. Noch sind sie nicht bekannt, die ungeschriebenen Verhaltensregeln bei Todesfällen. Dass es bei den Kondolenzbesuchen und Beerdigungen weniger um die Toten als vielmehr um die Hinterbliebenen geht, einerseits. Und andererseits, dass ein Begräbnis ein gesellschaftlicher Anlass ist, zu dem es keine persönliche Einladung braucht. Hier trifft sich das halbe Dorf, Neuigkeiten machen die Runde, und man selber macht sich ein Bild von den anderen Gästen. Der Bub schleicht sich immer und immer wieder in die gute Stube, wo der Duft nach den vielen frischen Blumen so stark ist, dass ihm fast übel wird. Er kann sich zwischen den Körpern, die sich drängen, verstecken und einen Blick auf die gestrenge Grossmutter erhaschen. Wie friedlich sie auf einmal aussieht. Gerade so, als wäre sie von einer schweren Bürde befreit worden. Das Sterben kann demnach nicht etwas so Schlimmes sein. Wahrscheinlich freut sie sich auf den lieben Herrgott im Himmel, mutmasst der Bub. Ob sie überhaupt fromm genug gewesen ist, die übellaunige Frau? Unrechtes hat sie sicher nichts getan, sie, die immer so gut gewusst hat, was richtig ist, und vor allem noch besser, was falsch. Ob es ihr dann dort oben wohl besser gefallen wird? Gern würde auch er wissen, wie es denn da oben aussieht, und wie es ist, wenn man erlöst wird, wie sie alle sagen. Tränen gibt es keine. Nur der Grossvater, der will von dem Tag an nicht mehr recht essen.

Der Anblick des Leichenwagens, eines schwarzen, mit gedrechseltem Holzwerk, schönen Schmiedearbeiten, Kordeln und Vorhängen ausstaffierten Gefährts, das für gewöhnlich im Feuerwehrmagazin stationiert wird, ist vor der Sattlerei keine Seltenheit. Gehört es doch zum Auftrag des Vatters, für dessen Unterhalt zu sorgen, ihn sauber und instand zu halten, so dass er jederzeit parat und herausgeputzt ist. Heute aber steht er aus einem anderen Grund vor dem Haus. Der Kari, ein kleines, drahtiges Gäderhächeli, Kleinbauer und häufiger Gast in der Sattlerei, ist der Leichenfuhrmann, weil er als einziger im Dorf ein pechschwarzes Pferd im Stall hat. Er springt vom Bock und beaufsichtigt die vier kräftigen Sargträger, die den Leichentransport aus dem Haus in den Hof abwickeln. Bedächtig und mit reglosen Mienen arbeiten sich die Männer ohne Worte in die Hand. Ein für sie alltägliches Geschäft, das sie mit Routine ausführen und so fast unsichtbar bleiben. Die vielen Leute, welche die Frau auf ihrem letzten Weg begleiten wollen, formieren sich auf dem Hausplatz, dem Reindli und unten auf dem Vorplatz

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