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Das Leben ist der Ernstfall von Leinemann, Jürgen (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 02.11.2009
  • Verlag: Hoffmann und Campe Verlag
eBook (ePUB)
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Das Leben ist der Ernstfall

'Über Jahrzehnte blickte er den Mächtigen in die Seele nun blickt er in sich selbst hinein.' Die Zeit Das Urteil lautet Zungengrundkrebs. Für einen der profiliertesten politischen Journalisten, einen engagierten Zuhörer und Frager, bedeutet es das Ende seines beruflichen Lebens. 'Ich sah mich als einen der Menschen, die durch Wörter zu dem werden, was sie sind. Nicht nur Schreiben, auch Reden war mein Beruf. Und jetzt war ich stumm.' 'Die unverändert gespürte tödliche Bedrohung durch den Krebs, meine körperliche Schwäche und meine seelischen Tiefs sind die Wirklichkeit, durch die ich mich durchkämpfen muss. Ich darf mich um die Wahrheiten der Krankheit nicht herumdrücken, aber ich darf mich von ihnen auch nicht unterkriegen lassen. Zwei Sätze sind für mich als Leitlinien bestimmend geworden. Der erste heißt: Wirklichkeit ist alles, wo man durchmuss. Der zweite ist eine Gedichtzeile von Peter Rühmkorf: 'Bleib erschütterbar und widersteh.' Beide Sätze sind, da die Krankheit den Journalismus als Lebensschule abgelöst hat, für mich von existenzieller Bedeutung. Ich muss mit der breiten Grauzone der Unberechenbarkeit leben, wenn ich leben will. Und das will ich, das ist mir inzwischen ganz klar.'

Jürgen Leinemann, geboren 1937 in Celle (Niedersachsen), hat Geschichte, Germanistik und Philosophie studiert. Er begann seine journalistische Karriere bei der dpa in Berlin, Hamburg und Washington. Seit 1970 arbeitete er für den Spiegel; er war Reporter und Büroleiter in Washington und Bonn, zog 1990 nach dem Fall der Mauer nach Berlin und leitete dort von 1999 bis 2001 das Ressort Deutsche Politk; seit 2002 war er Spiegel-Autor im Berliner Büro. Er ist Träger des Egon-Erwin-Kisch-Preises, des Siebenpfeiffer-Preises und des Henri-Nannen-Preises für sein Lebenswerk. Jürgen Leinemann starb am 10. November 2013 in Berlin.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 256
    Erscheinungsdatum: 02.11.2009
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783455501360
    Verlag: Hoffmann und Campe Verlag
    Größe: 512 kBytes
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Das Leben ist der Ernstfall

1. Kapitel

Wieder zu Hause

"Woran denkst du, Vater?"

Wow, geschafft. Nach Luft schnappend, sackte ich auf meinen Sitz. Mein Herz klopfte so heftig, dass ich dachte, jeder müsste es hören. Ich schloss die Augen und war glücklich. Und stolz. Wer hätte mir das zugetraut? Noch am Morgen waren mir selbst Zweifel gekommen. Aber jetzt war ich hier.

Langsam beruhigte sich mein Atem. Trotzdem brauchte ich eine Weile, bis ich es wagte, die Menschen in meiner Nachbarschaft vorsichtig zu mustern. Hatten sie gemerkt, dass ich die letzten Meter fast getaumelt war? Aber auf mich schien keiner zu achten. Sie starrten alle nach unten auf den Platz. Erst jetzt blickte auch ich auf den leeren grünen Rasen. Gleich würden die Mannschaften auflaufen, Hertha BSC in Blau. Vierundvierzig Tage hatte ich in der Klinik gelegen und an mindestens vierzig Tagen dieses Bild immer mal wieder vor Augen gehabt: Bundesligafußball, und ich im Berliner Olympiastadion. Es wurde mir zu einem Symbol für Genesung und den Wiedereintritt in die Normalität. Ich klammerte mich daran wie an einen Fetisch. Jetzt war ich hier, und alles würde gut werden.

Vor vier Tagen erst war ich aus der Charité entlassen worden, wo die Ärzte fast sechs Wochen lang mit Strahlen- und Chemotherapie den tückischen Tumor in meinem Hals auszumerzen versucht hatten. Ob sie erfolgreich waren, würde ich erst im November erfahren, frühestens. Bis dahin konnte ich mit meiner heißersehnten Rückkehr in die Normalität aber nicht warten. Wie ernst es mir damit war, das sollte der Stadionbesuch demonstrieren.

Mein Freund Kurt, ein Fußballfan wie ich, war sofort bereit gewesen, mich zu begleiten, immerhin ging es gegen den amtierenden Deutschen Meister, den VfB Stuttgart. Kurt saß ein paar Reihen entfernt. Jetzt war er losgegangen, um mir einen Tee zu besorgen. Langsam füllte sich das Stadion, nur die Plätze rechts und links von mir blieben frei. Eigentlich hätte ich froh sein können, weil mir das mehr Bewegungsspielraum ließ. Stattdessen reagierte ich mit Misstrauen. Hatte man eine Sicherheitszone um mich geschaffen? War ich ein Aussätziger? Längst hatte ich erfahren, dass Krebs für viele noch immer so sehr eine Schande ist wie eine Krankheit. Das hatte mich empfindlich gemacht. Sah man mir etwa sogar hier "das Böse" an, das in mir gewachsen war?

Als das Spiel begann, vergaß ich das alles. Keine Schmerzen mehr im Mund, keine weichen Knie. Ich konnte zwar noch nicht schreien mit meinem maladen Hals, wohl aber mit den anderen bei Toren aufspringen und die Arme hochreißen. Nur fielen erst einmal keine Tore. Trotzdem stieß ich den Tee um, den Kurt mir besorgt hatte, und in der Halbzeit schlief ich vor Erschöpfung ein. Aber ich hielt durch. Und es wurde auch noch eine richtig spannende Begegnung, die Hertha 3:1 gewann.

Beim nächsten Heimspiel war ich wieder da.

Meiner Frau Rosemarie erzählte ich zu Hause nur, wie glücklich ich war, wieder beim Fußball gewesen zu sein, und wie stolz, es bis ins Olympiastadion mit all seinen gigantischen Blöcken und vielen Treppen geschafft zu haben. Kein Wort über meine Mühen beim An- und Abmarsch, die ich ohne Kurt nie geschafft hätte, keine Silbe über meine Außenseiterphantasien. Zu Hause war alles gut, dafür war es ja zu Hause. Hatte ich in meinem Krankenbett und unter meiner Strahlenmaske nicht oft genug davon geträumt?

Meine Heimkehr aus der Klinik hatte ich als positiven Kulturschock erlebt. Die Vertrautheit umhüllte mich wie ein warmes Bad. Immer wieder wanderte ich langsam durch die Wohnung, von hinten nach vorn, von vorn nach hinten. Ich fläzte mich in meinen Lieblingssessel, legte mich auf alle Sofas und Liegen,

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