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Das Montagskind Roman von Clös, Peter (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 10.11.2016
  • Verlag: Books on Demand
eBook (ePUB)
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Das Montagskind

Er wird an einem Montag geboren. Es ist der schwerste Tag der Woche und erscheint ihm wie eine Ankündigung für das, was ihn auf dieser Welt noch erwartet. Auch, wenn er einen Geburtsfehler hat, tritt der kleine Junge seinen Lebensweg ebenso arglos an, wie jeder von uns es getan hat. Seine Eltern, einfache und redliche Leute, bereiten ihm und den drei Brüdern ein geordnetes Heim. Die von ihm intensiv empfundenen Alltagsprobleme werden durch ein Klima tiefer, lustfeindlicher Frömmigkeit im Zaum gehalten. Schnell nimmt dieser Mechanismus für ihn eine quälende Normalität an. Es wäre bei dieser Normalität geblieben, würde nicht eines Tages, wie ein Blitz aus heiterem Himmel, die Krankheit ausbrechen. Sie rüttelt an den Grundfesten seiner bisherigen Überzeugungen, auf die er nun, wie er einsehen muss, nicht mehr bauen kann. Wir begegnen einem kranken Menschen, den wir auf der Straße nicht als solchen erkennen würden. Der Autor berichtet von seiner ganz persönlichen Bürde mit eben jenem Humor, der es ihm von Kindesbeinen an ermöglicht hat, sein Schicksal zu tragen. Wenn das Leben besondere Prüfungen für ihn bereithält, so liegt das daran: Er ist ein Montagskind. Peter Clös, Schauspieler, geboren 1956, erhielt seine Ausbildung am renommierten Max-Reinhardt-Seminar in Wien. Er arbeitet für Bühne, Film und Fernsehen.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: AdobeDRM
    Seitenzahl: 308
    Erscheinungsdatum: 10.11.2016
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783739290096
    Verlag: Books on Demand
    Größe: 394kBytes
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Das Montagskind

Familienaufstellung

M ein Vater kam aus der ärmsten Familie des Dorfes. Das Familienoberhaupt, mein Großvater, war ein nervenkranker Epileptiker, der mit fünfundzwanzig Jahren Invalide geworden war. Für den Lebensunterhalt sorgte meine Großmutter, die schon ein "spätes Mädchen" war, als mein Großvater sie kennenlernte. Sie hätte jeden genommen, um nicht sitzenzubleiben. Das Kind, das sie bereits erwartete, erwies sich als geeignetes Druckmittel. Sämtliche Warnungen ihrer Verwandtschaft schlug sie in den Wind und setzte - wie später noch häufig - ihren Willen durch.

Meine Großmutter war eine gesunde, fleißige, ehrbare Frau, und mein Großvater musste notgedrungen in ihrem Schatten leben. Wenn amtliche Bekanntmachungen zu verkünden waren, ging er mit einer Schelle durch die Straßen und trug mit lauter Stimme die Neuigkeiten ins Dorf. Viel mehr gab es für ihn nicht zu tun.

Der erste Sohn - er hieß Erwin - wurde einen Monat nach der Hochzeit geboren und schien nicht dazu angetan, das Selbstwertgefühl seines Vaters zu heben. Er war immer ein bisschen "zurück", und je älter er wurde, desto mehr blieb er es. Die Eltern übersahen unwissend die frühkindlichen Anzeichen einer Fehlentwicklung oder schätzten sie falsch ein. Eine Erziehung nach dem Motto "Kinderwillen ist Dreck wert!" half ihnen obendrein in ihrer Ignoranz.

Aber selbst die größte Armut und die schlimmste Erbkrankheit hätte meine Großeltern nicht davon abbringen können, weiterhin auf ein gesundes Kind zu hoffen, auf ein Kind, das nicht durch einen Makel gezeichnet, sondern aus den besten Teilen der elterlichen Erbmasse zusammengesetzt war.

Mein Vater wurde geboren. Vorname: Kurt. Er war körperlich und geistig gesund, war kräftig, sportlich und ehrgeizig und wurde die langersehnte Stütze seiner arbeitsamen Mutter. Er erkannte früh seine Bedeutung innerhalb der verschobenen Kraftfelder seiner Familie. Die Mutter fragte bald nicht mehr den Vater, wenn es Entscheidungen zu treffen galt. Der Sohn wurde zum Partner, und er nutzte die Gelegenheit, seinem Vater nicht nur körperlich über den Kopf zu wachsen.

Es kam der Zweite Weltkrieg und mit ihm der Glaube an die reine arische Rasse. Alles Kranke, Schwache, Niedere - das, was diesen Glauben hätte beeinträchtigen oder widerlegen können -, musste ausgerottet werden.

Mein Großvater wurde zwangssterilisiert. Jetzt war er auch biologisch entmachtet. Er wurde zum egozentrischen, verbitterten Tyrannen, der sich vom eigenen Sohn in seiner Existenz bedroht fühlte. Je mehr er seine Autorität, seine Funktion als Vater schwinden sah, desto mehr demonstrierte er sie. Doch er hatte nur eine laute Stimme und nichts sonst, worauf ein Sohn hätte stolz sein können. Sein Imponiergehabe war so nachhaltig, wie es aussichtslos war. Der Sohn war jetzt der Mann im Haus. Früh mit Verantwortung und wichtigen Aufgaben betraut, lernte er, das Leben anzupacken. Was er nicht konnte, schaute er sich ab, bis er es konnte. Er wurde ein großer Praktiker, ein großer Handwerker und Organisator und ein kräftiger junger Mann, der auf sportlichen Veranstaltungen sein Heimatdorf würdig vertrat; die sportlichen Erfolge waren das einzige Mittel, seiner benachteiligten Familie und vor allem sich selbst einen Hauch von Beachtung zu sichern.

Er glaubte an seine Fähigkeiten und rückte sie des öfteren selbst ins rechte Licht. Er stellte der Schwäche und Krankheit im Elternhaus demonstrativ die eigene Stärke und Gesundheit entgegen. Er war groß - später auch für mich -, aber er war es immer. Er war kein Mensch, er war ein Denkmal.

Ich war ein ängstliches und unsicheres Kind, das nur beschränkt auf seine Mitwelt reagierte. Meine Eltern warteten sehnlichst auf das erste Wort von mir - wenigstens Mama oder Papa -, aber auch hier enttäuschte ich sie. Erst, als ich eine Treppe runterfiel, die ich übersehen hatte, kamen sie auf den Gedanken, dass es an den Augen

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