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Die Papiere meiner Tante Roman von Borchert, Jürgen (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 25.07.2012
  • Verlag: EDITION digital
eBook (ePUB)
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Die Papiere meiner Tante

'Um Jahrhundert rum' hat August Angerburg das ostpreußische Pferdeknechtleben satt und zieht mit seiner jungen Frau Amalie 'ins Reich'. Sie wird schon bald die ostpreußische Witwentracht anziehen müssen, denn der Kaiser hat bei seinem Feldzug auf den breitschultrigen August nicht verzichten wollen. Nun steht sie da mit ihren Fünfen. Die werden sich ihre Wege suchen, jeder nach seiner Art. Anna heiratet einen Tausendsassa und hält nicht viel vom Denken. Minna wählt die Diakonissentracht. Fritz geht zur Reichswehr und schießt sich eine Kugel in den Kopf. Karl versucht es mit den Braunen, avanciert schließlich zum Kriegsgefangenen und muss umdenken. Und Martha, versierte Gehilfin eines jüdischen Rechtsanwalts, sammelt die Zeugnisse von der Existenz der Familie in ihrem Schuhkarton. Fotos und Schulzeugnisse, Abschiedsbriefe und Zeitungsanzeigen, das Hiobstelegramm von 1915 und Großmutters abgewertetes Sparbuch - aus diesen Lebensspuren rekonstruiert der Autor die Geschichte (s)einer Familie. Der Feuilletonist verleugnet sich nicht - er löst sein Jahrhundert ins Episodische auf und bietet auf diese Weise Geschichte aus dem Schuhkarton. LESEPROBE: 'Na, Oehmcke, klagen Sie nun immer noch auf lumpige hundert Mark Schmerzensgeld für Wirkuns wegen einiger leichter Prellungen und Abschürfungen, die er erlitten hat, als er sich in eine Auseinandersetzung zwischen den Nazis und der Kommune einmischte? Ja?' Rechtsanwalt Neuhaus stand zornbebend vor dem Schreibtisch seines Referendars und schmiss ihm den Akt hin. 'Hier! Lesen Sie das!' Oehmcke starrte auf das amtliche Papier, das Neuhaus oben auf den Aktendeckel legte, er sah das Siegel des Amtsarztes und die Frakturbuchstaben der Überschrift: 'Totenschein' stand da. 'Wirkuns ist heute früh an einem Blutsturz gestorben, der infolge eines Lungenrisses eingetreten ist. Der Amtsarzt bescheinigt schwere innere Verletzungen als Folge von Fußtritten in die Nieren- und Kreuzbeingegend und ordnet Obduktion an! Sie sind anscheinend nicht einmal fähig, eine faktenrichtige Klage aufzunehmen! Und so etwas will das zweite Examen bestehen!' Oehmcke war bleich geworden und stand auf. 'Ich habe es nicht nötig, mich von einem Juden beschimpfen zu lassen! Ich habe es nicht nötig, einen Prozess gegen meine eigene Partei anzustrengen!' Er zitterte am ganzen Leibe vor Wut, während Neuhaus, wieder ganz ruhig, sich umdrehte und das Zimmer verließ. 'Kommen Sie mit in mein Büro!' Jürgen Borchert wurde 1941 in Perleberg geboren. Er erlernte den Fotografenberuf und studierte Bibliothekswesen in Berlin und Leipzig. Seinen dritten Beruf, die freie Schriftstellerei, übte er seit 1980 aus. Sein Thema war Norddeutschland. Insbesondere lag ihm Mecklenburg am Herzen: Kulturgeschichte, Biografisches, das Verhältnis von Mensch und Landschaft... Er lebte bis zu seinem Tode im Jahre 2000 in Schwerin. Er bekam den Fritz-Reuter-Preis (1982; 1988) und den Johannes-Gillhoff-Preis (1994).

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 281
    Erscheinungsdatum: 25.07.2012
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783863946920
    Verlag: EDITION digital
    Größe: 1283 kBytes
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Die Papiere meiner Tante

"Na, Oehmcke, klagen Sie nun immer noch auf lumpige hundert Mark Schmerzensgeld für Wirkuns wegen einiger leichter Prellungen und Abschürfungen, die er erlitten hat, als er sich in eine Auseinandersetzung zwischen den Nazis und der Kommune einmischte? Ja?" Rechtsanwalt Neuhaus stand zornbebend vor dem Schreibtisch seines Referendars und schmiss ihm den Akt hin. "Hier! Lesen Sie das!" Oehmcke starrte auf das amtliche Papier, das Neuhaus oben auf den Aktendeckel legte, er sah das Siegel des Amtsarztes und die Frakturbuchstaben der Überschrift: "Totenschein" stand da. "Wirkuns ist heute früh an einem Blutsturz gestorben, der infolge eines Lungenrisses eingetreten ist. Der Amtsarzt bescheinigt schwere innere Verletzungen als Folge von Fußtritten in die Nieren- und Kreuzbeingegend und ordnet Obduktion an! Sie sind anscheinend nicht einmal fähig, eine faktenrichtige Klage aufzunehmen! Und so etwas will das zweite Examen bestehen!" Oehmcke war bleich geworden und stand auf. "Ich habe es nicht nötig, mich von einem Juden beschimpfen zu lassen! Ich habe es nicht nötig, einen Prozess gegen meine eigene Partei anzustrengen!" Er zitterte am ganzen Leibe vor Wut, während Neuhaus, wieder ganz ruhig, sich umdrehte und das Zimmer verließ. "Kommen Sie mit in mein Büro!" Neuhaus setzte sich an seinen Schreibtisch und zündete sich langsam und umständlich eine Zigarre an. "Noch, junger Mann, leben wir in einem Rechtsstaat. Ich, Herr Referendar, habe es meinerseits nicht nötig, mich einen Juden schimpfen zu lassen. Ich werfe Ihnen ja auch nicht vor, dass Sie katholisch sind. Oder sind Sie evangelisch? Na also. Mir ist das egal. Ich verlange anständige Arbeit im Sinne des Rechts. Das Recht hat verbundene Augen. Und Ihr Dilemma, Sie Unglücksrabe, ist: Sie sind nicht unbefangen. Ein befangener Jurist: das ist eine Unmöglichkeit, das ist schon Rechtsbruch. Merken Sie sich das. Und nun entbinde ich Sie in aller Form von der Weiterführung dieses Falles; ich werde die Sache selbst in die Hand nehmen. Und Sie werden nun endlich diese verfahrene Erbschaftssache Kleist in die Reihe bringen. Nehmen Sie sich also das Fahrrad und fahren Sie nach Löbtau zu Pastor Horn und lassen Sie sich die Kirchenbücher vorlegen!" Wortlos ging Oehmcke aus dem Zimmer. Er machte die Tür nicht gerade sanft hinter sich zu und zischte: "Das wird er mir noch einmal büßen!" Neuhaus griff zum Telefon. "Den Amtsrichter, bitte!" Schon eine Woche später sprach die Strafkammer des Amtsgerichts Schmuckberg unter dem Vorsitz des Amtsrichters Krull die beiden Mitglieder der NSDAP Köhn und Lechner wegen schwerer, vorsätzlicher Körperverletzung mit Todesfolge schuldig und verurteilte sie zu je drei Jahren Gefängnis. "Noch leben wir in einem Rechtsstaat junger Mann!", wiederholte Neuhaus, als er von der Verhandlung kam. "Fräulein Martha, wollen Sie bitte den Nachlasspfleger bestellen!" Martha hatte die Nachricht vom Tode des alten Wirkuns noch am gleichen Tag, während ihrer Geburtstagsfeier, erfahren, als Neuhaus in der kleinen Dachwohnung erschien und einen Blumenstrauß überreichte. "Es tut mir leid, Fräulein Martha, aber so ist nun einmal das Leben, Wirkuns ist gestorben." Mutter Angerburg blickte von ihrem Kuchenteller auf. "Der alte Wirkuns? War er denn krank? War ein juter Mensch, der alte Wirkuns. Ich werd' beten für ihn!" - "'n guter Mensch, Schwiegermutter?" Gustav mischte sich ein. "'n Roter war er, 'n Sozi, vielleicht sogar bei der Kommune. Was mischt er sich da ein, wenn die sich mal hauen, das ist doch normal. Das lassen wir uns doch nicht gefallen! Da muss er sich nicht wundern!" Neuhaus sah Fettekow an und schüttelte den Kopf. "Das kann er ja nun auch nicht mehr, Herr Fettekow."

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