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Es kann die Bravste nicht in Frieden leben von Mergner, Lilien (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 10.11.2015
  • Verlag: novum pro Verlag
eBook (ePUB)
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Es kann die Bravste nicht in Frieden leben

Marita wächst während des Zweiten Weltkrieges in Thüringen auf, ist schon als kleines Kind beteiligt am Verpflegen und Verstecken von Deserteuren. Sie erlebt Schreckliches. Nach Kriegsende wird Marita durch die Heimkehr des ihr fremden Vaters überfordert. Aus Sicht des Kindes erscheint oft das, was für die Erwachsenen eine Katastrophe ist, als aufregendes, manchmal entsetzliches, aber öfter auch sehr lustiges Abenteuer. Als junge Erwachsene widersetzt sie sich der Familien-Tradition und wird auch noch enterbt. Doch als erwachsene Frau soll Marita eine ganz neue Welt kennenlernen. Lilien Mergner, geboren 1943 in Schlesien, ist ausgebildete Pädagogin und arbeitete als Kindergärtnerin und Heimerzieherin. Kinder gaben und geben ihr noch heute einen Impuls zum Schreiben und zum Erfinden von Märchen. Die vorangegangenen Teile ihrer Biografie 'Lilien, ein Flüchtlingskind im Allgäu', 'Lilien, das bayrische Mädchen im DDR-Internat', 'Pfüati Gott Bayern. Lilien und die Mauer' und 'Lilien und die steinigen Wege im geteilten Deutschland' erschienen 2011, 2012 und 2014 im novum pro Verlag.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 306
    Erscheinungsdatum: 10.11.2015
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783990482230
    Verlag: novum pro Verlag
    Größe: 473 kBytes
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Es kann die Bravste nicht in Frieden leben

Flüchtlinge

Jäh wurde Großmutter Alma aus ihren Gedanken gerissen.

Menschen näherten sich dem Gehöft und Alma erkannte sofort, was das für arme Kreaturen waren. Wahrscheinlich kamen diese heruntergekommenen Familien aus der Stadt, weil der Hunger sie in die Dörfer trieb. Als die abgerissenen Gestalten sich näherten, stutzte sie. Diese Leute waren anders gekleidet, trugen mehrere zerschlissene Kleidungsstücke übereinander, um sich vor der Kälte zu schützen. Eine leichte Schneedecke hatte das Land überzogen und ein eisiger Wind wehte.

Langsam, scheu um sich blickend, kamen die Menschen näher. Es waren fast nur Frauen und Kinder. Die Blicke der Frauen waren leer. Sie, die gewiss einmal bessere Zeiten gekannt hatten, vielleicht gebildet waren oder gar studiert hatten, demütigten sich hier, um ihre Kinder am Leben zu erhalten. Ein alter Mann, der vor Schwäche kaum noch auf den dünnen Beinen stehen konnte, deutete zögernd eine Verbeugung an, ängstlich auf den Hofhund Wotan blickend, der knurrend näher gekommen war, sich aber gleich wieder zurückzog. Großmutter hatte für einen Augenblick den makabren Gedanken, dass Wotan für solche dürren Knochen keinen Bedarf hatte. Er erhielt nahrhaftere. Weil Alma so fassungslos verharrte, kam eine Frau näher und hielt ihr ein Armband entgegen - für ein wenig Essen. Schnell schob Alma die Hand zurück. Sie wusste, dass manche Bauern aus dem Dorf den Bettlerinnen aus der Stadt Uhren, Schmuck und andere kleine Besitztümer abnahmen, für ein Stück Brot, ein wenig Milch und ein paar Eier.

Nach der ersten neugierigen Begutachtung winkte sie die Leute heran und führte sie in die Scheune. Mit Hilfe von Tochter Jenny breitete sie Decken über Heubündel, auf denen sich die armen Menschen erschöpft niederließen. Während Jenny Tee und einen großen Topf voll Hühnerbrühe kochte, fragte Alma den Alten aus und stellte fest, dass er einen merkwürdigen Dialekt sprach.

"Wir sind Flüchtlinge aus dem Ostpreußischen. Wir wurden von Stalins Truppen verjagt und durften fast nichts mitnehmen. Wer nicht freiwillig gehen wollte, wurde sofort erschossen. Wir sind bis nach Thüringen gegangen, weil die nördlichen Bereiche Deutschlands die Flüchtlinge kaum noch aufnehmen konnten - oder wollten", fügte er verbittert hinzu.

Inzwischen schleppte Jenny Kübel mit heißem Wasser in die Scheune und schüttete sie in den Bottich, den Alma bereitgestellt hatte, damit die Erwachsenen sich reinigen konnten. Sie legte zwei Stücke Kernseife bereit, Waschlappen und große Tücher. Dann forderte sie die sieben Kinder auf, mit ihr zu kommen. Die zwei jüngsten klammerten sich an ihre Mütter und weigerten sich wimmernd. Großmutter nahm das kleinste, das sich heftig sträubte, kurzerhand auf den Arm. Das andere gab sie einem größeren Mädchen an die Hand. So brachte sie die Kinder in die Küche. Das war der einzige warme Raum, denn auch mit Holz und Torf musste gespart werden. Auf dem Tisch stand ein Waschzuber. Sie setzte die Kleinen abwechselnd hinein und weichte mühevoll den Schmutz von den mageren Körpern ab.

Den Größeren gab sie Lappen und ließ sie ihre Fetzen ablegen.

Wieder einmal rief Großmutter Alma den Herrgott an, dass er sich dieses Drama anschauen sollte: die Kinder, zitternd vor Kälte, mit Lumpen am Körper, die Köpfchen voller Läuse, Grind und Ausschlag im Gesicht.

"Lieber Gott", betete sie, "wir Deutschen sind schuldig geworden und haben viele deiner Gebote missachtet, und du hast recht, wenn 'die Rache dein ist' und wir für unsere Sünden bluten müssen. Doch du hattest damals zugelassen, dass die Priester, deine Stellvertreter auf Erden, diesen Krieg und die Soldaten segneten. Dir Allwissendem kann es doch nicht entgehen, dass Kriege aus Menschen Mörder, Diebe, Vergewaltiger und Verbrecher machen. Und deine Stellvertreter auf Erden segneten sie, bevor sie

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