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Grüne Glasscherben - Eine Kindheit im Norden von Neumann, Lonny (eBook)

  • Erschienen: 06.06.2014
  • Verlag: EDITION digital
eBook (PDF)
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Grüne Glasscherben - Eine Kindheit im Norden

"Lesen verdirbt den Charakter" und "Ruhe ist die erste Bürgerpflicht" sind Leitsätze der Großeltern - kleiner Leute - für die Erziehung von Lore, die mal was Besseres werden soll. Je mehr sie aber behütet wird, umso mehr strebt sie overkieksch

Produktinformationen

    Größe: 1854kBytes
    Herausgeber: EDITION digital
    Untertitel: Lebenslinien 1934 - 1952. Unterstützte Lesegerätegruppen: PC/MAC/eReader/Tablet
    Sprache: Deutsch
    Seitenanzahl: 192
    Format: PDF
    Kopierschutz: watermark
    ISBN: 9783863946708
    Erschienen: 06.06.2014
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Grüne Glasscherben - Eine Kindheit im Norden

Fast jede Nacht heulten die Sirenen. Großmutter riss das Kind mitten in der Nacht aus dem Schlaf. Lore sollte übereinander anziehen, was sie besaß: zwei Leibchen, zwei Kleider, den Wintermantel. Vor Müdigkeit zitternd, manchmal den großen Puppenjungen im Arm, folgte sie der Großmutter in den Keller. Es war ein normaler Keller, in dem die Asseln herumkrochen, nur durch ein dünne Decke von den Wohnungen darüber getrennt. In Regalen standen Gläser mit Eingewecktem. Zu einem Haufen in die Ecke geschüttet, keimten die Kartoffeln, lagen Wruken. Hier saß nun die Großmutter, das schwarze Wolltuch über den feinen Strohhut mit dem Veilchenbukett gebunden, schweigsam neben der lahmen Nachbar-Anna. Manchmal rieselte der kalte, feine Sand unter den Detonationen, die die große Stadt Stettin erschütterten. Sobald die Bomber ihr Werk getan, flogen sie den gleichen Weg zurück, um vielleicht schon morgen wiederzukommen. Die Sirenen heulten zur Entwarnung. Großmutters Angst, einer der Flieger könnte über uns noch eine übrig gebliebene Bombe fallen lassen wie zum Spaß, zur eigenen Freude, war wieder beschwichtigt. Trotz der schützenden Panzersperren belud Großvater an einem der kommenden kalten Apriltage den kleinen Handwagen mit ein paar Decken. Großmutter rückte den guten dick gekochten Himbeersaft - für einen besonderen Anlass gedacht - heraus. Aus allen Häusern kamen die Leute, spannten sich vor ihre mit ein paar Habseligkeiten beladenen Handwagen. Großmutter band die Kasserolle an einer Strebe fest wie sie es bei den Flüchtlingen gesehen hatte, die im Winter mit dem Treck durch die Stadt gezogen waren. "Dat hem'w noch nicht erlebt", brabbelte sie wieder und wieder und vergaß wie manchmal in den folgenden Wochen ihren Vorsatz, mit dem Mädchen Hochdeutsch zu sprechen. Die blanke Angst trieb alle aus den Häusern, aus der Stadt. Ein Zug aus beladenen Handwagen bildete sich, zog den Walkmüllerweg entlang. Unbeachtet blieben Weiden und Gärten, die Mühle. Die Flieger kamen wieder, noch bevor der Zug die Feldscheune des Bauern Ewald erreichte. Hier wollten die Flüchtlinge ausharren, bis alles vorbei wäre. Auf gruseligen Plakaten waren Bilder vom Russen abgebildet, viel größer als die Deutschen. Sie trugen Messer im Mund und Siebenmeilenstiefel. Tiefflieger stießen aus der Luft herab und fuhren mit Schüssen zwischen die Fliehenden. Während einer vermeintlichen Pause, als der Großvater und die Großmutter das Wägelchen in die Scheune fuhren, um für einen guten Platz zu sorgen, war Lore allein. Plötzlich stießen noch einmal Tiefflieger aus der Luft herab. Lore zog sich das Regencape über. Es war grün wie die Wiese. Als sie sich damit auf den Boden warf, hoffte sie, unsichtbar zu sein. Aus der Bauchlage schmuhlte sie nach oben und sah das Gesicht eines Fliegers über sich. Sie erkannte die Augen hinter der große Brille. Sie schloss die Augen und legte die Handflächen auf das Gras. Sie fühlte, wie sie bei dieser Berührung mit der Erde etwas verließ: die Angst. Als sie den Kopf hob, sah sie die Flieger abziehen. Der Großvater beugte sich über sie. Sie legte ihre Hand in die große, schwielige Großvaterhand und behielt für immer den Augenblick der Geborgenheit inmitten des Chaos in Erinnerung. Großmutter Johanna ergatterte den besten Platz in der Scheune. Es war die Ecke, in die keiner kam, nicht einmal der Zugwind. Alle vier Wände waren dicht besetzt. Im Stroh saßen, lagen, hockten die Menschen. Sie hörten die Geschosse über das Dach pfeifen. Sie bangten, ob ihr Zuhause in der Stadt unversehrt blieb. Erst später erfuhr, wer danach fragte, dass für kurze Zeit eine weiße Fahne vom Rathausturm herabgeweht hatte. Kaufmann Schwager, der am Marktplatz wohnte, hatte sie gehisst. Für einen Augenblick war der Kampflärm verstummt. Doch Breitsprecher, der kleine dicke Breitsprecher in der braunen Uniform, in seinem Alltagsleben auch nichts weiter als Schreibwaren-Ladeninhaber und nur kraft der Unifo

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