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Herkunft von Strauß, Botho (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 29.09.2014
  • Verlag: Carl Hanser Verlag München
eBook (ePUB)
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Herkunft

Botho Strauß erzählt, wovon er noch nie erzählt hat: von seiner Kindheit und Jugend in den 40er und 50er Jahren, von Naumburg und Bad Ems, den Orten, in denen er aufgewachsen ist, von seinen frühen, prägenden Erinnerungen. Mit diesem Buch findet er noch einmal zu einer ganz neuen Seite seines Schreibens: zum Ton des Erinnerns, der Vergewisserung über die eigenen Ursprünge. Die Jugend ist die Zeit, da die Zukunft einem noch bevorsteht; jetzt lässt Strauß eine lang zurückliegende Gegenwart wiedererstehen. Vor allem ist es der Vater, dessen Bild immer deutlicher hervortritt, liebevoll gezeichnet, doch ohne Selbsttäuschung. Botho Strauß' 'Herkunft' ist das konzentrierte, reiche Werk eines großen Erzählers aus Deutschland. Botho Strauß, 1944 in Naumburg/Saale geboren, lebt in der Uckermark. Bei Hanser erschienen neben einer vierbändigen Werkausgabe seiner Stücke zuletzt die Prosabände Mikado (2006), Die Unbeholfenen (Bewußtseinsnovelle, 2007), Vom Aufenthalt (2009), Sie/Er (Erzählungen, 2012), Der Aufstand gegen die sekundäre Welt (Aufsätze, 2012), Die Fabeln von der Begegnung (2013), Kongress (Die Kette der Demütigungen, 2013), Allein mit allen (Gedankenbuch, 2014), Herkunft (2014) und Oniritti Höhlenbilder (2016).

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 96
    Erscheinungsdatum: 29.09.2014
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783446247895
    Verlag: Carl Hanser Verlag München
    Größe: 1555 kBytes
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Herkunft

Kapitel I

Der Vater sitzt an seinem Schreibtisch, sieht hinunter auf den Fluß, den Kurgarten, ist immer zuhaus von früh bis spät, unterbricht die Tagesarbeit nur zu den Mahlzeiten und zum Mittagsschlaf. Natürlich, das Kind darf oder soll ihn nicht stören, aber dafür ist er auch immer da, immer in der Nähe, man hört seine Schritte im Flur, man wird mitgetragen von seinem akkuraten Regelwerk. Er ist kein Schriftsteller. Er erstellt Gutachten für die pharmazeutische Industrie, prüft, ob dieses oder jenes Präparat, das eine Firma auf den Markt zu bringen wünscht, den Gesetzen der Gesundheitsbehörde entspricht. Auch entwickelt er selbst Arzeneien, kosmetische und medizinische, Tinkturen und Dragees. Stellt Rezepturen zusammen (er ist approbierter Apotheker und promoviert in Chemie), die er dann an kleinere Arzneimittelfirmen verkauft. Er möchte am liebsten "auf Lizenzbasis" bezahlt werden. Aber das gelingt ihm nur selten, und meist wird schlecht oder betrügerisch abgerechnet.

Es schwebt ihm vor: Lizenzbasis, das ist etwas Ähnliches wie Tantieme, denn er verehrt die Schriftsteller und schreibt selbst ein ausgefeiltes, zuweilen etwas überschmücktes Deutsch. Und wenn das "Werk", das neue Arzneimittel, einschlägt, erfolgreich ist, dann kann die Familie später einmal davon leben. Denn dem galt seine tägliche Mühe: Ich Alter, Freier und Unabhängiger, wie versorg ich Frau und Kind?

Was sollte älter und gültiger sein als Pflanzenheilkunde? Mein Vater hätte sich darauf verlassen können, selbst in einer Zeit, da jedermann nur zu den allopathischen Heilmitteln griff, die in den fünfziger Jahren den Markt überschwemmten. Trotz des zutiefst Hergebrachten und der beständigen Weisheit seiner Materie kamen ihm laufend Neuerungen in die Quere, aktuelle Entwicklungen, vor allem, seiner Meinung nach, unbotmäßige, absurde Gesetze des Gesundheitsministeriums.

Von seinem Schreibtisch aufschauend, begegnete ihm zuerst die Kuppel des Kursaalbaus, in der die Lesehalle untergebracht war. Dann drüben auf der anderen Lahnseite der Wasserturm mit seiner schiefergedeckten Spitze und dem vergoldeten Wetterhahn. Dahin wird sich sein Blick jedesmal verloren haben beim Nachsinnen. Und unten immer der Fluß, davor die gestutzten Platanen im Kurpark. Wie schön gewohnt, wie gut geschaut! Beiseite der großen Verkehrsadern des Landes zwischen Köln und Frankfurt, in einer kleinen Stadt, einem historischen Badeort, Ems.

Ich beobachtete die Morgentoilette meines Vaters, wenn ich ausnahmsweise im elterlichen Schlafzimmer übernachtet hatte, vielleicht weil die Mutter verreist war und Verwandte besuchte. Lindgrüne Voluten rahmten den Kleiderschrank, das Bettgestell und den Spiegel. Die ganze Einrichtung war Mitte der dreißiger Jahre von einem Naumburger Schreiner zur Hochzeit meiner Eltern angefertigt worden. Der Vater stand vor dem hohen drehbaren Ankleidespiegel und band die Krawatte, mühte sich mit den Manschettenknöpfen, oft unter Flüchen. Dabei rauchte er seine Morgenzigarette der Marke "Finas". Auf einem Fußschemel wurde der Strumpf mit einem Halteriemen befestigt. In den Krawattenknoten wurde eine Nadel mit Perle gesteckt. Dies war damals schon aus der Mode, und ich fand es so affig und eitel, daß ich häufig gegen diese Marotte protestierte. Ich wollte meinen Vater gewöhnlicher haben, er sollte nicht auffallen, nicht vornehm sein, sondern ein schmuckloser Mensch von heute. Die Väter aller meiner Kameraden waren so viel normaler als der meine, der sich in Kleidung und Körperpflege hervortat und die meisten seiner Mitmenschen der Ungepflegtheit zieh. Am Leben in der Gegenwart, nicht zuletzt wei

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