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Hilles letzte Wanderung Erzählungen von Franke, Albrecht (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 14.02.2016
  • Verlag: EDITION digital
eBook (PDF)
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Hilles letzte Wanderung

In fünf Erzählungen versucht Albrecht Franke, die Problematik und die Fragwürdigkeit von Künstlerexistenzen zu gestalten, das Leben von Dichtern, die im weitesten Sinne dem Expressionismus zugerechnet werden können: Peter Hille, Georg Heym, Georg Trakl, Theodor Däubler und Paul Zech. Die erzählerischen Anlässe sind bekannt: Peter Hille stirbt nach einem auf einem Bahnhof erlittenen Blutsturz am 7. Mai 1904 in einer Berliner Klinik, Georg Heym ertrinkt am 16. Januar 1912 bei dem Versuch, seinen ins Eis eingebrochenen Freund Ernst Balcke zu retten, Georg Trakl nimmt in der Nacht vom 3. auf den 4. November 1914 in einem Krakauer Garnisonsspital eine Überdosis Kokain, Theodor Däubler verbringt die letzten Wochen seines Lebens in dem Schwarzwaldkurort Sankt Blasien, wo er 1934 stirbt, und Paul Zech wagt im Sommer 1933 einen 'Absprung ins Blaue' hinein, um der drohenden Gefahr einer Verhaftung zu entgehen - Prag und Buenos Aires sind die weiteren Stationen seines Lebens, seine Heimat sieht er nicht wieder. Fünf Dichterschicksale also, erfasst im Augenblick scheinbaren Scheiterns, an Schlusspunkten widersprüchlicher Biografien. Zwischen Rebellion und Hoffnung, zwischen Ohnmacht und Handeln, zwischen lautem und leisem Protest gegen versteinerte Verhältnisse - diese Spannungsfelder bestimmten ihr Leben. Die humane Anstrengung Hilles, Heyms, Trakls, Däublers und Zechs macht sie gegenwärtig, sowohl 1983, als diese Erzählungen zum ersten Male erschienen, wie auch heute. INHALT: Letzte Wanderung Doppelschleife Purpurner Schlaf Däubler in Sankt Blasien Fluchtstation

Geboren 1950 als Sohn einer Eisenbahnerfamilie. Nach Schule und Studium Lehrer in Wanzleben (Börde). Seit 1977 in Stendal, tätig als Schriftsteller und Lehrer. Von 1991 bis 2013 Lehrer am Winckelmann-Gymnasium Stendal. Leitung des Schüler- und Studentenschreibzirkels 'Es wird ...'. Seit 2013 als Autor und Lektor tätig. Seit April 2014 Vorsitzender des Fördervereins der Schriftsteller Magdeburg e. V. Bibliografie: Letzte Wanderung, Erzählungen. Union Verlag, Berlin 1983, Zugespitzte Situation, Erzählung. Union Verlag, Berlin 1987, Vor der Dunkelheit, Zweiteiliges Hörspiel. Sender Freies Berlin, 1990, Endzustand, Erzählung. Edition Bleimond, Magdeburg 1993, Erstarrendes Meer, Roman. Verlag Blaue Äpfel, Magdeburg1995, Der Krieg brach wirklich aus. Gespräch mit und über Edlef Köppen, Mitteldeutscher Verlag, Halle / Saale 2013. Erzählungen in Anthologien, z. B. in 'Zaubersprüche & Sachsenspiegel'. Literaturkritische Arbeiten, u.a. in 'Ort der Augen'. Weitere Texte in 'Schreibkräfte', in 'Landschreiber 1', in der Brigitte-Reimann-Anthologie 'Ich sterbe, wenn ich nicht schreibe' u. a. Herausgeber der Bücher 'Freistunde', 'Angezettelt' und 'Wenn Worte leuchten'.

Produktinformationen

    Format: PDF
    Kopierschutz: none
    Seitenzahl: 114
    Erscheinungsdatum: 14.02.2016
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783956556166
    Verlag: EDITION digital
    Größe: 1132 kBytes
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Hilles letzte Wanderung

Sie bringen ihn zum Bahnhof, damit er nach Krakau in die Psychiatrie transportiert wird. Wenn einer nicht mehr weiterleben kann oder will, dann muss er verrückt sein. Also, ab mit Trakl in die Irrenanstalt. Sollen die doch zusehen, wie sie mit ihm fertig werden. Der Bahnhof ist belebt. Ist denn überhaupt noch Krieg? Vielleicht ist alles schon vorbei, und nur Trakl muss noch nach Krakau. Hier ist es so, wie es auch im Frieden gewesen sein mag. Schwatzende Bäuerinnen mit Federvieh in großen Körben. Streckenarbeiter der Eisenbahn, die nach Tabak und scharfen Zwiebeln riechen. Kinder toben auf der Verladerampe. Das alles gibt es also noch. Er hatte es schon fast vergessen. Alles normal und friedlich. Er empfindet in diesem Moment tiefes Selbstmitleid. Doch das reicht jetzt nicht. Wehren muss er sich, er hat sich ja nie gewehrt in seinem Leben, alles hat er nur hingenommen in der Hoffnung, dass es sich schon irgendwie zum Guten wenden werde. Und so wagt er diesen letzten verzweifelten Versuch, wenigstens einmal sich zur Wehr zu setzen, auch wenn er vergeblich sein sollte. Ein Zug fährt eben an. Er stößt seine Begleiter heftig zur Seite und springt auf die Plattform des letzten Wagens, betritt das Abteil und sucht sich einen Platz. Der Zug ist schon auf freier Strecke. Beim Aufspringen hat er gesehen, dass dies ein Schnellzug nach Rzeszow ist. Er streckt sich auf der Polsterbank aus, ist stolz auf sich und müde. Als ihn seine Verfolger wach rütteln, lässt er sich ohne Widerstand abführen. Sie zwingen ihn, starke Sedativa einzunehmen. Taumelnd steigt er in einen anderen Zug. Unterwegs gibt es Aufenthalt auf einem kleinen Bahnhof. Er sieht nur einen grauen Himmel, Krähen und die Rauchfahnen der Lokomotiven. Man führt ihn in die Bahnhofsrestauration, bestellt ihm eine Bouillon und Weißbrot. Aber er verweigert das Essen. Eine Militärpatrouille kommt herein, Routinekontrolle; vier schnauzbärtige Kerle in langen Mänteln, mit Pistolen, einem großen Hund und Gummiknüppeln. Damit knallen sie beim Gehen rhythmisch gegen ihre Stiefel. Alle Gäste müssen sich legitimieren. Nur von ihm verlangt man weder Papiere noch Fahrkarte. Eine geflüsterte Unterhaltung und ein gestempelter Schein genügen, die Patrouille macht kehrt. Er sieht neugierige und grinsende Gesichter, sieht Männer in gelben Filzhosen und bestickten Jacken, junge Frauen in schwarzen Kleidern. Und er wünscht sich, dass er sich selbst sehen könnte, inmitten der Häscher, die ihn nach Krakau bringen. Am Abend schon ist man dort. Sie bringen ihn im geschlossenen Wagen zum Garnisonsspital. An der Auffahrt muss er aussteigen. Er geht schleppenden Schrittes. Die Laterne über dem Hauseingang schaukelt im scharfen Ostwind. Vor der schweren Tür bleibt er kurz stehen. Er starrt dem Lichtstrahl nach, der an der Schwelle zu sehen ist. Das Schreien und Stöhnen ist bis hier zu hören. Wenige Augenblicke lauscht er. Seine Hände verkrampfen sich wieder. In seinem Gesicht zuckt es. Sein Mund öffnet sich, aber es kommt kein Schrei mehr heraus. Da geht er schnell und ohne zu zögern über die Schwelle.

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