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Im Schatten des Schleiers Mein Kampf für ein Leben in Freiheit. Wie ich Folter und Verfolgung im Iran entkam von Ahwazi, Maryam Heidari (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 31.01.2019
  • Verlag: Bastei Lübbe AG
eBook (ePUB)
8,99 €
inkl. gesetzl. MwSt.
Ab 31.01.2019 per Download lieferbar

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Im Schatten des Schleiers

Schon früh lernt das Mädchen Maryam die Brutalität des iranischen Regimes kennen. Ihre schwangere Tante wird von der Miliz misshandelt, ihr Bruder verhaftet, sie selbst verhört. Wie alle Frauen muss auch Maryam Kopftuch tragen und wird als Mensch zweiter Klasse behandelt. Doch sie rebelliert gegen die strengen Regeln. Als sie älter wird, eröffnet sie einen Schönheitssalon, ein Ort weiblicher Freiheit. Hier kommt sie in Kontakt zum Christentum - und konvertiert schließlich. Doch der 'Abfall vom Islam' bleibt nicht folgenlos, Maryam wird inhaftiert, gefoltert. Dann - nach Monaten des Martyriums - kann sie fliehen ... Maryam Heidari Ahwazi, geb. 1980, gehört zu den Ahwazi, einer verfolgten arabischen Minderheit im Iran. 2006 kommt ihr Sohn zur Welt, der auch nach der Trennung von ihrem Mann bei ihr bleibt, was im Iran sehr ungewöhnlich ist. Nach ihrem Gefängnisaufenthalt wegen 'Abfall vom Islam' flieht sie gemeinsam mit ihm und ihrer Familie und kommt im September 2015 in Deutschland an. Mittlerweile wurde ihrem Asylantrag stattgegeben. Sie wohnt heute mit ihrem Sohn in einer eigenen Wohnung in Duisburg.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: none
    Seitenzahl: 396
    Erscheinungsdatum: 31.01.2019
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783732566891
    Verlag: Bastei Lübbe AG
    Größe: 2053 kBytes
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Im Schatten des Schleiers

IKindheit und Jugend in Ahwaz

1. Eine Geschichte, die Jesus erzählt

In der Hand, die noch etwas zittert, halte ich meinen Schutzstatus. Es ist eine kleine Chipkarte, genannt Aufenthaltstitel . Ein Foto von mir und mein Name darauf: Maryam Heidari Ahwazi - von Deutschland geschützt, weil ich im Iran als Christin verfolgt werde.

Sie liegt vor mir auf dem Tisch. Getrocknet sind die Tränen, die darauf gefallen sind. Wenn ich die Karte betrachte, dann denke ich, wie glücklich ich bin.

Ich sitze mit Herrn Martin, wie ich unseren Paten nenne, an unserem Tisch in der Diele. Meine Nichte Faezeh kommt aus ihrem Zimmer. Auch sie weint, als ich ihr die Karte zeige und sie umarme. Und Herr Martin sitzt dabei und findet keine passenden Worte.

"Entschuldigung", sage ich leise.

"Kein Problem", sagt er.

"Es war so schwer, es war eine so lange Zeit."

"Ich verstehe", sagt er.

Aber er versteht nicht. Er kann nicht verstehen. Niemand kann verstehen, der nicht meinen Weg gegangen ist.

Meinen Weg, der mich zur Staatsfeindin gemacht hat. Der mich von meinem Mann getrennt hat. Der mich ins Gefängnis gebracht hat.

Meinen Weg, der mich zur Flucht über das Meer gezwungen hat. Der mich nach Deutschland geführt hat - nach Duisburg, in eine Wohnung für Flüchtlinge, im elften Stock - so hoch oben, dass ich nicht wage, aus dem Fenster nach unten zu schauen.

Niemand kann verstehen, der nicht meinen Weg gegangen ist.

Als ich Herrn Martin ansehe - so deutsch, so ungläubig -, da traue ich mich nicht zu sagen, was ich denke.

Ich will ihm sagen, dass Jesus mich auf diesen Weg geführt hat. Dass er bei mir gewesen ist. Dass er mein Schutz war, wichtiger als ein Aufenthaltstitel.

Und ich will sagen, dass mein Weg nun auch seine Geschichte ist. Und dass ich immer geglaubt habe, Jesus werde mir jemanden schicken, der diese Geschichte erzählt - jemanden, der es den Menschen erzählt, die mich aufgenommen haben. In der Sprache meiner neuen Heimat.

Und dann traue ich mich, es zu sagen.

"Du meinst, ich soll deine Geschichte erzählen?", fragt er. "Du meinst, Jesus hat mich zu dir geschickt, weil er weiß, dass du Hilfe beim Schreiben brauchst?"

Ich nicke. Jesus hatte mir Hilfe geschickt. Nicht anders war es.

"Maryam, ein Roman - das ist richtig viel Arbeit!"

Es ist kein Roman. Es ist das, was mir passiert ist. Er wird verstehen, wenn ich darüber spreche.

Er schaut grimmig vor sich hin. Wenn Deutsche nachdenken, dann schauen sie grimmig.

Ich erkläre es ihm. Meine Geschichte kann ich nicht aufschreiben. Aber ich spreche genug Deutsch, um sie zu erzählen.

Faezeh holt Tee und Gebäck.

"Das wird viel Arbeit", sagt er endlich. "Für mich, für uns alle."

"Mein Deutschkurs beginnt in drei Monaten. Bis dahin habe ich Zeit", sage ich.

"Was ist mit dir, Faezeh?", fragt er. "Du sprichst am besten Deutsch in eurer Familie."

"Ich habe auch Zeit", sagt meine Nichte. "Mein Studienkolleg endet bald. Dann bin ich ein halbes Jahr lang Gaststudentin."

"Jesus hat mich ausgesucht, meinst du?", fragt der Deutsche und schaut mich fragend an.

"Herr Martin, sie glaubt wirklich daran", sagt Faezeh, bevor ich antworten kann. "Vor zwei Jahren - bei deinem ersten Besuch hat sie mir gesagt, dass Jesus dich geschickt hat, damit du ihre Geschichte aufschreibst."

Es war beschlossen, als wir zu dritt darüber lachen mussten.
2. Eine Ahwazi-Familie

Die Geschichte einer Iranerin kann nur erzählt werden, wenn der Leser weiß, zu welcher Minderheit des Iran sie gehört. Dabei macht es keinen Unterschied, ob sie eine Christin ist oder nicht. Jeder Mensch im Iran gehört zu einer Minderheit. Selbst die Perser und alle, die ihnen zugerechnet werden, machen im Iran kaum mehr als die Hälfte der B

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