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Jugend, gestern von Schirnding, Albert von (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 10.02.2015
  • Verlag: Verlag C.H.Beck
eBook (ePUB)
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Jugend, gestern

Albert von Schirnding schildert die Zeit des Kriegsendes und der Nachkriegszeit, wie er sie als Kind und Jugendlicher erlebt hat. Von der ersehnten Ankunft der Amerikaner und dem 'Jahrhundertsommer' 1947 spannt sich der Bogen bis in die späten fünfziger Jahre, von der Welt des Adels am Regensburger Hof und auf bayerischen Schlössern bis in Ernst Jüngers Haus in Wilflingen, wo der Zwanzigjährige als Sekretär seine Ferien verbracht hat. So entsteht mit feiner Ironie die Erzählung einer in Regensburg, München und im bayerischen Voralpenland verbrachten Jugend, die für die Generation des 1935 geborenen Autors charakteristisch ist, darüber hinaus etwas von dem vermittelt, was Jugend immer bedeutet: Anfang und Übergang. Albert von Schirnding stammt aus einer böhmisch-bayerisch-italienischen Adelsfamilie. Er ist Lyriker, Erzähler, Essayist und Literaturkritiker. Bekannt geworden ist er u. a. als Interpret griechischer Philosophie. Schirnding ist Mitglied der Bayerischen Akademie der Schönen Künste und der Akademie der Wissenschaften und der Literatur in Mainz.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 175
    Erscheinungsdatum: 10.02.2015
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783406675065
    Verlag: Verlag C.H.Beck
    Serie: Textura
    Größe: 2682 kBytes
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Jugend, gestern

JAHRHUNDERTSOMMER

Auf überwachsenen Pfaden nähere ich mich dem Sommer des Jahres 1947. Ich weiß, noch manch anderer Sommer des vergangenen Jahrhunderts erhebt Anspruch auf den säkularen Namen. Aber er gebührt, da bin ich mir sicher, nur einem einzigen: jenem. Den ganzen August hindurch fiel kein Regentropfen. Ohne Unterlaß, unangefochten von Wolken und Wind, brannte die Sonne und hinterließ, wenn sie spät abends ihre Fahrt von den Hesperiden zu den Aithiopern durch den halbausgetrockneten Ozean antrat, einen so großen Überschuß an Hitze, daß die Luft in den Nächten um keinen Grad abkühlte. Auf den Wiesen wuchsen die braunen Flächen, die Erde der im Wachstum behinderten Weizen- und Roggenfelder zeigte tiefe Risse, der Wald, in dem kein Vogel mehr sang, stand in rostigem Rot, Borken- und Kartoffelkäfer wüteten ungestört. Das Tag für Tag von Tante Adele triumphierend prophezeite Strafgericht, das in Gestalt eines apokalyptischen Gewitters über uns hereinbrechen werde, herausgefordert von uns Kindern, weil wir die Hitze begrüßten, den Regen, der uns ins Haus gebannt hätte, im Abendgebet zu erflehen uns weigerten, blieb aus. Helios hatte Zeus mattgesetzt, schlaff hing der in seinem Thron auf dem Olymp und fand nicht mehr die Kraft, seine Blitze zu schleudern. Wenn der Lateinlehrer Dr. Stichling, der mitten im Schuljahr gestorben war, diesen August noch erlebt hätte, würde er seinen Glauben an die griechischen Götter, mit denen er uns quälte, über Bord geworfen haben. Der Lebenskahn drohte auf Grund zu laufen; er mußte um alles Überflüssige, die Götter voran, erleichtert werden.

Die ganze Familie, was sonst nie der Fall war, samt Tante Adele und den aus Böhmen und Ungarn geflohenen Verwandten lag auf der von einer Zedernhecke gesäumten Wiese im Schatten der Eiche, die, nicht weniger erschöpft als die Erwachsenen, ihre Früchte nicht mehr festhalten konnte; die Kinder hatten die überall im dürren Gras verstreuten Eicheln zu einem stattlichen Haufen geschichtet. Nur ich hatte mich nicht beteiligt, da ich abseits auf einer Decke in der Badehose meinem Laster frönte: Ich las. Ein einziger Dichter, der größte, hatte für mich geschrieben. Wie bei Beethoven, dem Komponisten, dessen Nachfolge ich demnächst antreten würde, kam es auch in der Literatur auf das Spätwerk an. Was wog Durch die Wüste gegen Ardistan und Dschinnistan, Winnetou gegen Mara Durimeh, der Schatz im Silbersee gegen Am Jenseits , selbst noch die ersten drei Bände des Reich des silbernen Löwen gegen den vierten!

Liebe muß Schmerz ertragen: Ich konnte kein Lexikon liegen sehen, Knaur oder Brockhaus oder Meyer, augenblicklich mußte ich nach meinem Dichter fahnden, und er stand auch jedesmal drin. Aber jedesmal auch folgte dem Namen das ihn und mich zutiefst beleidigende Wort Jugendschriftsteller . Wurde etwa Goethe als ein solcher bezeichnet, und dabei hatten wir den Erlkönig in der Deutschstunde durchgenommen? Es ging ungerecht zu in der Welt, sogar die Siegermächte waren einander nicht ebenbürtig. Täglich stellte der in Wolfratshausen stationierte Amerikaner sich ein, lag mit uns auf der Wiese und verkündete seine von allgemeinem Kopfschütteln begleitete Überzeugung: "The Russians are good people." Alle wußten es besser, niemand wagte zu widersprechen. Hatte der Amerikaner um dieser Botschaft willen die zwölf Kilometer in seinem Jeep zu uns zurückgelegt? "Er hat leider ein Auge auf mich geworfen", sagte die Mutter eines Abends, als er endlich gegangen war, zu mir, "man kann nichts dagegen machen." Die aber schützte das Baby, das sie seufzend erwartete, wir würden dann fünf sein. Ich war zwölf, und der Mann, der als Untersuchungsgefangener in einem norwegischen Altersheim beherbergt wurde, war achtundachtzig. Er war ein so berühmter Schriftsteller wie der Komponist, der ich werden wollte, und er schrieb mit immer noch kräftiger Hand in sein Tagebuch, daß das Gras verbrannte, die

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