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Jungen weinen nicht Meine Kindheit bei den Roma von Walsh, Mikey (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 30.09.2019
  • Verlag: Bastei Lübbe AG
eBook (ePUB)
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Jungen weinen nicht

'Sei ein Mann und heul nicht!', fordert sein Vater, wenn er ihn beim Boxtraining ins Gesicht schlägt. 'Halt still und verrat nichts', flüstert sein Onkel, wenn er sich an ihm vergeht. 'Lauf weg mit mir, ich liebe dich', bittet ihn seine erste große Liebe. Doch das hieße, mit allem zu brechen, was er kennt. Mikey wächst in einer archaischen Roma-Community auf und wird jahrelang gedemütigt und gequält, weil der sensible, nachdenkliche Junge nicht den Erwartungen von Männlichkeit entspricht. Mit 15 sucht er sein Heil in der Flucht - mit dramatischen Folgen. Mikey Walsh wurde 1980 als erster Sohn einer Roma Familie geboren. Er verließ seine Community mit fünfzehn Jahren nach einer Kindheit voller Gewalt und Missbrauch, weil er als schwuler Mann nicht akzeptiert worden wäre. Heute lebt er in London, arbeitet als Lehrer für Kunst und Schauspiel und engagiert sich für die Rechte Homosexueller.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 317
    Erscheinungsdatum: 30.09.2019
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783732572366
    Verlag: Bastei Lübbe AG
    Originaltitel: Gypsy Boy
    Größe: 2330 kBytes
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Jungen weinen nicht

1

Die Geburt eines Schweinejungen

Meine Großeltern zogen gerade mit dem Rest ihres Konvois durch Berkshire, als bei meiner Granny Ivy hinten im Wagen die Fruchtblase platzte. Damals, in der Nachkriegszeit, bekamen die meisten Zigeunerfrauen ihre Kinder zu Hause mit der Unterstützung anderer Frauen, aber Ivy, nicht ganz einen Meter zwanzig groß und deshalb nicht selten mit einer Pygmäin in Strickjacke verwechselt, auch wenn sie das Temperament eines Ogers hatte, wäre niemals in der Lage gewesen, eine Hausgeburt ohne die Hilfe einer echten Hebamme und einer Handvoll Ärzte zu überstehen.

Das nächste Krankenhaus war das Royal Berkshire Hospital, und Ivy hatte keine andere Wahl. Sie musste dorthin, um ihr Kind zu bekommen, und brachte einen strammen Jungen zur Welt: Tory. Ein paar Jahre später kehrte sie zurück und produzierte Zwillinge: meinen Vater Frank und seine Schwester Prissy. Ivys Jüngster und absoluter Liebling, Joseph, folgte zwei Jahre danach.

Ivy und mein Großvater, Old Noah, waren echter Zigeuneradel, und das Engagement, das die Leute im Royal Berks ihnen entgegengebracht hatten, blieb in Erinnerung. Als Joseph geboren wurde, kamen bereits alle neuen Zigeunerbabys dort zur Welt.

Reading ist eine große Stadt vor den Toren Londons. Sie besitzt keine besonderen Sehenswürdigkeiten oder Attraktionen, aber das Royal Berks bescherte ihr die höchsten Besucherzahlen unter den Zigeunern im ganzen Land. Sobald der Geburtstermin näher rückte, fanden sich fast alle Familien auf einem der vielen Campingplätze rund um die Stadt ein.

Als ich an der Reihe war, geschah es in Anwesenheit von meinem Vater, Großvater Noah, Granny Ivy, meiner anderen Granny Bettie, Tante Minnie - der Schwester meiner Mutter - und deren Mann Onkel Jaybus. Unter Zigeunern waren Geburten, wie Hochzeiten und Beerdigungen, Ereignisse, die man gemeinsam erlebte, und diese hier gehörte erst recht dazu, nicht nur weil meine Mutter Herzgeräusche hatte und man sich um ihre Gesundheit sorgte, sondern vor allem, weil die ganze Familie fest davon ausging, dass sie ihnen einen Jungen schenken würde.

Meine Eltern hatten bereits eine Tochter, meine Schwester Frankie, und deshalb musste dieses Baby hier einfach der Sohn sein, auf den mein Vater gewartet hatte.

Als man mich meiner Mutter in die Arme legte, sagte Granny Ivy mit ihren schwarz gefärbten bauschigen Haaren, dem Mund voller Goldzähne und dem Körperbau eines Kindes: "Das ist das fetteste Kind, das ich je gesehen habe, Bettie! Ein kleiner Schweinejunge."

Alle anderen, die sich um das Bett versammelt hatten, kicherten, nickten und strichen sich zustimmend übers Kinn.

Ich habe keine Ahnung, wie schwer ich war - oder wie ich aussah -, aber die Nacht, in der Bettie Walsh ein Schweinchen zur Welt brachte, ist in die Familiengeschichte eingegangen.

Jahrelang prahlte meine Mutter damit, dass ich sie fast umgebracht hätte. Meine gesamte Kindheit hindurch hörte ich die Frauen gackernd und johlend über den Tag reden, an dem Bettie ihr Riesenferkel nach Hause brachte. Wenn es einen Preis für das größte, hässlichste und fetteste Baby gegeben hätte, dann hätte ich den größten, hässlichsten und fettesten Pokal bekommen. Und nachdem ich unzählige Male dasitzen und höflich mitanhören musste, wie erschrocken alle bei meinem Anblick gewesen waren, war ich der Ansicht, ihn auch verdient zu haben.

Das Erste, was mein Vater gleich nach meiner Geburt tat, war, mir eine goldene Kette mit einem winzigen Paar goldener Boxhandschuhe um den Hals zu hängen. Die Kette war angefertigt worden, bevor sie überhaupt gewusst hatten, dass ich ein Junge werden würde; sie war ein Symbol künftigen Ruhms und der größten Hoffnung meines Vaters.

In jedem Land gibt es einen Mann, der die Krone im Lieblingssport der Zigeuner trägt: Bare-Knuckle Fighting - Boxen mit bloßen Händen. Diese Krone ist der Heilige Gral unter

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