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Kanada kann mich mal Von einem, der mit seinen Kindern in die Ferne zog von Eilenberger, Wolfram (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 20.08.2012
  • Verlag: Blanvalet
eBook (ePUB)
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Kanada kann mich mal

Und täglich grüsst der Familienwahnsinn Was unterscheidet den Finnen vom Kanadier, und wie kommt ein deutscher Mann damit klar, dass sein nordamerikanischer Nachbar auf die wohlmeinende Frage nach dem werten Befinden so gar keine ehrliche Antwort parat hat? Dass seine Frau Karriere macht, während er die Kinder zur Schule bringt und täglich mit den Marotten der Interims-Landsleute zu kämpfen hat? Warum hätte der Geburtstag der Töchter besser in einer Shoppingmall stattfinden sollen als in den eigenen vier Wänden? Und was sagt eigentlich die finnische Frau dazu? Wolfram Eilenberger ist promovierter Philosoph, Autor mehrerer Bücher und Chefredakteur des Philosophie Magazins. Er ist mit einer Finnin verheiratet, Vater von finnisch-deutschen Zwillingen und hat in Finnland nicht nur studiert, sondern auch in der zweiten Fußballdivision gespielt. Er lebt mit seiner Familie in Toronto, Berlin und Koivumäki/Finnland.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 224
    Erscheinungsdatum: 20.08.2012
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783641072766
    Verlag: Blanvalet
    Originaltitel: Kanada kann mich mal
    Größe: 416 kBytes
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Kanada kann mich mal

9

No Future

Wenn ich darüber nachdenke, weshalb ich im Moment an einer kleinen T-Kreuzung in Torontos zentrumsnahem Norden stehe und unter den müden Augen eines ehemaligen Chiefs der First Nations bereits dem dritten Familien-Van in Folge die Vorfahrt einräume (wie es außer Eltern sonst nur Geisteskranke tun), komme ich nicht am Phänomen der jungen Frau mit großem Hund vorbei. Jeder weiß, was ich meine: städtische Mittzwanzigerinnen, nachlässig gepflegt, von schlurfendem Gang und vollendeter Selbstbezogenheit, die zu Anfang des Jahrtausends scheinbar spontan damit begannen, sich mit großen Mischlingsrüden zu vereinigen. Ich hielt das damals für eine Berliner Epidemie, weiß heute aber, dass tatsächlich die gesamte westliche Zivilisation heimgesucht wurde.

Ein Kinderersatz, offenbar. Oder Partnerersatz. Oder beides. Die jungen Singlefrauen von einst sind heute nicht mehr ganz so jung, deren Hunde auch noch lange nicht tot und darüber hinaus durch Jahre artfremder Ernährung von nachhaltigen Verdauungsproblemen geplagt. Ganze Straßenzüge, ja Stadtteile haben sie auf dem Gewissen. Natürlich kümmert sie das nicht.

Ein endlos scheinender Berliner Brunchsonntag des Jahres 2002 - wir sind kaum eine Woche zuvor von einer studentischen Wandertour durch Lappland zurückgekehrt (Bärenweg, viertägig). Meine Lebensabschnittspartnerin flicht auf dem Heimweg durch den herbstlich sonnigen Volkspark Friedrichshain wie beiläufig den Wunsch nach einem Hausrüden in die Konversation ein, weist diesen aber, noch bevor ich etwas erwidern kann, für sich mit der Begründung zurück, selbst mit einem neugeborenen Baby lasse sich leichter reisen und sogar wandern. Überdies äußert sie die Vermutung, es sei letztlich der 11. September, der "hinter dieser Hundetick von Berlinerinnen" stecke, insbesondere deren "gründsätzlicher Verunsicherung", die dazu geführt habe, dass diese "coole Kätzchen", wie sie sich ausdrückt, "vor Flugsreisen in Wahrheit genauso viel Angst haben wie von der Kinderkriegen". "Scheiße, Mensch du", fügt sie hinzu, "wenn morgen das ganze Welt untergeht, hilft so einer Hund auch nicht viel, oder was?"

Unser Gespräch währt bis tief in die Nacht. Bei Kerzenschein am Küchentisch beschreibe ich ein schwarz-weißes Poster, das über viele Jahre in meinem Karlsruher Kinderzimmer hing: Hand in Hand standen ein Mädchen und ein Junge in einer Art Gartenanlage und starrten auf einen am Horizont aufsteigenden Atompilz, in dessen bauschigem Zentrum sich der Schriftzug No Future abzeichnete. Beim zweiten Glas Sumpfbeerenlikör erzählt Pia von einem bewölkten Frühlingstag, an dem sie auf ihrem Schulhof Luftballons verkauft hatte ("mit solcher Freundschaftszettel dran und der ganze Schwachsinn") und am Abend dann - der Wind wehte gen Schweden - unerklärlicherweise mit einem schweren Sonnenbrand auf ihren bezaubernd hohen Wangen heimgekehrt war. Erst zwei Tage später erfuhren die Einwohner Finnlands von dem Reaktorunfall in Tschernobyl.

Wir liegen schon im Bett, als auch das geteilte pubertäre Trauma des Aids-Ausbruches zur Sprache kommt. "Hatten wir aller Riesenschiss du, mit der ganze Amerikaner in der Helsinkier Herrenmannschaften und so", berichtet Pia von ihrer Zeit als junge Nationalspielerin.

Ich war damals praktisch zwar nicht betroffen, hatte mich theoretisch aber umso bedrohter gefühlt.

Wie sich zeigen sollte, mussten in jenem Herbst noch Tausende weitere Pärchen des zentralen Berliner Ostens vergleichbare Gespräche geführt haben, wobei ich keineswegs verschweigen will, dass es sich im konkreten Fall als ausgesprochen hilfreich erwies, uns noch an besagtem Abend per finnischem Internetdokument von einem ortsunabhängig gewährten fünfzehnmonatigen Erziehungsurlaub bei vollem Lohnausgleich überzeugen zu können.

Im Nachhinein wird gern von einer bewussten Entscheidung gesprochen.

Perfektes Timing. Am Ende der langen Ger

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