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Kann es sein, dass du in letzter Zeit gewachsen bist? Ein Junge erinnert sich an die erste Hälfte der Fünfziger von Kaysers, Hans H. (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 04.10.2016
  • Verlag: Books on Demand
eBook (ePUB)
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Kann es sein, dass du in letzter Zeit gewachsen bist?

Der 1937 geborene Hans Henning Kaysers setzt mit diesem Buch seine Erinnerungen an die Nachkriegsjahre im Westen Deutschlands fort. Der Abbruch seiner Schilderungen mit dem Jahre 1949 erschien im Nachhinein allzu willkürlich. Die Generation des Autors erlebte zwar in den fünfziger Jahren keine mit dem Bombenkrieg vergleichbaren dramatischen Geschehnisse mehr. Doch gerade die erste Hälfte der Fünfziger wurde von den Heranwachsenden vor dem Hintergrund der völligen Verarmung und Isolierung unseres Landes nach der schlimmsten Niederlage in seiner Geschichte mit Staunen erlebt. Den Neuanfang und den Optimismus der frühen fünfziger Jahre lebendig zu machen, versucht Hans Henning Kaysers in seinem neuen Buch. Daneben schildert der Autor auch die deutsche Jugendbewegung der Nachkriegszeit, die mit ihren eingeschränkten Mitteln durch Tippeltouren, Kohtenlager und Trampen nach draußen drängte und dabei ein neues Gemeinschaftserlebnis fand. Hans Henning Kaysers war einer der Jungen, die im Jahre 1950 ohne Pass und Visum über die grüne Grenze nach Österreich und Italien trampten, eine, angesichts strenger Visumsvorschriften des europäischen Auslands, sensationelle Unternehmung. Das Buch schildert diese aufsehenerregende Fahrt, soweit der Autor an ihr teilnehmen konnte. Den jungen Leuten von heute dürfte es schwerfallen, sich vorzustellen, wie es in unserem Land vor sechzig Jahren ausgesehen hat. Doch sind in diesen Jahren die Ursprünge unseres heutigen Alltags angelegt worden. Dies festzuhalten, hat den Autor angespornt. Dabei hat er sich streng an seine Erinnerung gehalten und nichts hinzugefügt, was nicht wirklich geschehen ist. Der Titel des Buches spielt auf das Dilemma von Hans Henning Kaysers an, in seiner Schulzeit immer der Jüngste und der Kleinste gewesen zu sein.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 368
    Erscheinungsdatum: 04.10.2016
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783739264257
    Verlag: Books on Demand
    Größe: 1643kBytes
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Kann es sein, dass du in letzter Zeit gewachsen bist?

I.

Trampen

E s ist Oktober 1949. Im August bin ich zwölf Jahre alt geworden. Viel wichtiger: Ich bin jetzt voll in die Godesberger Horte der Deutschen Jungenschaft aufgenommen! An der dreiwöchigen Fahrt in den Sommerferien - wegen ihrer Dauer allgemein als Großfahrt bezeichnet - hatte ich noch nicht teilnehmen dürfen, das war mir und meinen Eltern zu wagemutig. Es war an die Donau gegangen. Die Horte hatte ein Floß gemietet und war darauf von Donaueschingen bis nach Passau den Fluss heruntergefahren und von dort aus in den bayerischen Wald gewandert. Jetzt war in allen unseren wöchentlichen Treffen nur von dieser Fahrt die Rede. Wie wir auf den Lusen gestiegen sind, die Tour auf den Rachel und erst die Fahrt durch den Regensburger Strudel! Es klang unglaublich nach Abenteuer. Und ich konnte nicht mitreden, saß nur da und sperrte Augen und Ohren auf.

Natürlich spielen auch die früheren Fahrten eine große Rolle. Auch da fühle ich mich ausgeschlossen. Merkwürdigerweise erzählt Karl, unser baumlanger blonder Hortenführer, nie etwas über seine Kriegszeit. Dabei hätte er viel über seine Erlebnisse in Russland berichten können, Erlebnisse, die unsere bescheidenen Abenteuer sicher in den Schatten gestellt hätten. Immerhin sind ihm einige Zehen abgefroren, wie man an seinem Gang und seinem aufgebogenen rechten Schuh sehen kann. Aber komisch - er sagt nichts. Und wir trauen uns nicht, danach zu fragen.

Ich denke, nach zwei, drei gemeinsamen Fahrten werde ich mitreden können. Bei allen Unternehmungen der Horte bin ich jetzt dabei. An einem Sonntag-Nachmittag im September trafen wir uns in unserem Keller in der Godesberger Max-Franz-Straße und stiegen von da aus auf den Lyngsberg oberhalb von Muffendorf. Dort lagerten wir uns in einer Wiesensenke im Kreis und spielten Scharade. Karl teilte zwei gegnerische Gruppen ein. In festgelegter Reihenfolge bekam jeweils einer aus den Gruppen von Karl einen Zettel, auf dem ein Begriff notiert war. Der Junge musste diesen Begriff seiner Gruppe stumm - ohne einen Laut - mit Gesten, Körpereinsatz und Handbewegungen vorspielen. Wenn der Begriff erraten worden war, kam der nächste Zettel dran. Die Gruppe, die zuerst mit allen Zetteln durch war, hatte gewonnen. Das Spiel war äußerst witzig und unterhaltsam, vor allem, wenn die richtigen Vorspieler dabei waren.

Natürlich musste ich auch einmal ran. Noch nie hatte ich mich vor so vielen Menschen produziert. Ich war deshalb ordentlich aufgeregt, als gerufen wurde: "Stip, du bist dran, los!" Stip, das war ich. Den Namen wurde ich nicht los. Egal, die anderen heißen auch nicht besser, wenn ich an Mops oder Krabbel denke. Karl drückte mir den nächsten Zettel in die Hand und nickte mir aufmunternd zu. Eine heiße Welle überflutete mich, das Blut stieg mir in den Kopf. Hoffentlich werde ich nicht rot! Ich nahm mich zusammen und versuchte mein Bestes. Zum Glück war das Wort nicht so schwer, es wurde bald erraten und ich konnte mich erleichtert wieder hinsetzen.

Nach diesem Wettbewerb nahm Karl ein Buch aus seiner Tasche, schlug es an einem Lesezeichen in der Mitte auf und erklärte, er werde jetzt aus einem Werk des amerikanischen Autors Ernest Hemingway vorlesen. Der Mann sei Reisekorrespondent einer Zeitung gewesen und jetzt freier Schriftsteller. Seine Bücher könne man inzwischen auch in Deutschland kaufen. Niemand von uns hatte von diesem Mann gehört, auch in der Schule war von ihm nie die Rede gewesen. Karl begann zu lesen. Das erste, was sofort auffiel, war die kurze, knappe Sprache. Keine langen Sätze, keine Nebensätze, keine Verschachtelungen. Auch keine unnötigen Ausschmückungen. Man konnte sich richtig vorstellen, dass die Leute so sprachen, wie es dort stand. Und immer nur "sagte er", "sagte sie". Solche Sprache hatte ich noch nie gehört. Der Schwulst der letzten Jahrhunderte wurde mit leichter Hand abgeworfen. Und keine Angst vor Peinlichkeiten. Ein Hügel in der Landschaft wurde m

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